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Stephen King - "Dolores"

ISBN: 3-453-07497-1

 

Klappentext:

Little Tall Island, eine kleine Insel vor der Küste Maines. Dreißig Jahre lang war Dolores Haushälterin bei einer reichen, rücksichtslosen Witwe. Sie hat ihre Grausamkeiten ertragen, ihren Wahnsinn. Eine Frau mit einem düsteren Geheimnis. Erst als sie auf dem Polizeirevier von Little Tall ihr ganzes Leben erzählt, schlägt für sie die Stunde der Wahrheit.

 

Inhalt:

Hierbei handelt es ich um die wortgetreue Niederschrift einer polizeilichen Anhörung. Dolores erzählt aus ihrem Leben. Etwas durcheinander, aber sehr gut nachvollziehbar. Man erfährt etwas über das Zusammenleben mit ihrem Mann. Etwas über ihre Kinder und deren Leben. Haarklein beschreibt sie die Planung und Ausführung des Mordes an ihrem Mann. Bei diesen Szenen kann einem schon der eine oder andere Schauer über den Rücken jagen.

Dann erzählt sie über ihren Job als Haushälterin und später auch das Zusammenleben mit ihrer Arbeitgeberin. Diese ist inzwischen ein Pflegefall geworden und Dolores kümmert sich um sie. Nicht immer liebevoll, aber immer wenn sie bebraucht wird, ist sie zur Stelle und hilft.

Zwischendurch merkt man immer mal wieder, dass das Ganze eine Anhörung ist. Dolores erwähnt den Namen des Polizisten immer mal wieder. Oder sie bittet ihn um ein Getränk. Dadurch wird die Handlung aber nicht wirklich unterbrochen.

Das Ende ist etwas anders als erwartet, aber das tut der Handlung keinen Abbruch.

 

Leseprobe:

Aber ich konnte nichts sagen. Vor meinem inneren Auge war das grauenhafteste, das wundervollste Bild erschienen. Es zeigte mir das große Flachdach des Harborside Hotels, angefällt mit Leuten, die rumstanden wie bei einer Cocktailparty, nur dass sie alle den Kopf in den Nacken gelegt hatten, und es zeigte mir die Island Princess, die in der Mitte zwischen dem Festland und der Insel auf dem Wasser lag, gleichfalls angefüllt mit Leuten, die hochschauten, und über alledem hing eine große, schwarze, von Feuer umgebene Scheibe an einem Himmel, an dem am Tag die Sterne funkelten. Es war ein gespenstisches Bild, bei dem einem Toten die Haare zu Berge gestanden hätten, aber das war es nicht, was mir so einen Schlag in den Magengrube versetzt hatte. Das hatte der Gedanke an den Rest der Insel getan.

"Dolores?" frage sie und legte mir eine Hand auf die Schulter. "Was ist? Haben Sie einen Krampf? Ist Ihnen schlecht. Kommen Sie, setzen Sie sich an den Tisch. Ich hole Ihnen ein Glas Wasser."

Ich hatte keinen Krampf, aber ganz plötzlich war mir tatsächlich ein bisschen schlecht, also ging ich zum Tisch und setzte mich, meine Knie waren so weich, dass ich beinahe auf den Stuhl plumpste. Ich sah zu, wie sie mir ein Glas Wasser holte und dachte an etwas, das sie im letzten November gesagt hatte - dass sogar jemand, der so schwach im Rechnen war wie sie, auf dem Kalender neun Monate zurückzählen und die richtigen Schlüsse ziehen konnte. Nun, sogar jemand, der so schwach im Rechnen war wie ich, konnte dreihundertfünfzig auf dem Hoteldach und vierhundert weitere auf de Island Princess zusammenzählen und auf seine Summe von siebenhundertfünfzig kommen. Das waren nicht alle Leute, die Mitte Juli auf der Insel sein würden, aber es war weiß Gott ein gewaltiger Teil davon. Ich konnte mir vorstellen, dass die übrigen entweder draußen sein und ihre Netze einholen oder die Sonnenfinsternis vom Strand oder vom Anleger aus beobachten würden..

Vera brachte mir das Wasser, und ich trank es in einem Zug. Sie setzte sich mir gegenüber und schien besorgt zu sein. "Ist alles in Ordnung, Dolores?" fragte sie. "Müssen Sie sich hinlegen?"

"Nein", sagte ich. "Mir war nur ein paar Sekunden lang ein bisschen flau."

Und mir war tatsächlich flau geworden. Plötzlich zu wissen, an welchem Tag man seinen Mann umzubringen gedenkt, ist wohl etwas, bei dem einem Menschen flau werden kann.

Drei Stunden später, nachdem ich die Wäsche aufgehängt, die Einkäufe erledigt und weggepackt, die Teppiche gesaugt und einen kleinen Auflauf für ihr einsames Abendessen in den Kühlschrank gestellt hatte, packte ich meine Sachen zusammen und wollte mich auf den Heimweg machen. Vera saß am Küchentisch und löste das Kreuzworträtsel in der Zeitung.