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Stephen King - "Todesmarsch"

ISBN: 3-453-00239-3

 

Klappentext:

Der "Major", Chef einer diktatorischen Staatsmaschinerie, veranstaltet zur Volksbelustigung einen "Todesmarsch" - einen Marathon auf Leben und Tod. Hundert Jugendliche treten beim Start an, aber nur einer kann siegen. Die Verlierer erwartet der Tod...

 

Inhalt:

Der ist schnell erzählt. Es dreht sich ausschließlich um diesen Marsch. 100 Jugendliche starten frisch und ausgeruht an einem sonnigen Morgen als Teilnehmer an einem Marathon. Am Anfang ist alles noch in Ordnung. Man schließt Freundschaften, unterhält sich über Familie und erzählt sich Witze. Doch nach und nach werden die ersten Verwarnungen ausgeteilt. Die erste Nacht bricht herein und die Jungen fragen sich, warum man bei diesem Wahnsinn überhaupt mitmacht. Es hat die ersten Toten gegeben und Angst vorm eigenen Tod macht sich breit. Die Zuschauer beginnen zu nerven und die Erschöpfung wird größer und größer. So setzt sich der Marsch fort, bis ein Sieger gefunden ist. Doch der überrascht dann noch.

 

Leseprobe:

... Er lief auf die rechte Seite hinüber, bis er nur noch Zentimeter von den ausgestreckten Händen der Menge entfernt war. Als ein langer muskulöser Arm tatsächlich seinen Hemdsärmel zu fassen kriegte, sprang er erschrocken zurück, als hätte er Angst, in diese Dreschmaschine hineingerissen zu werden. Die Soldaten hoben die Gewehre, bereit, ihn sofort auszublasen, wenn er versuchen sollte, in die Menge unterzutauchen. Nur noch einhundert Meter bis zu Woolman`s. Er konnte das große, braune Reklameschild sehen, aber kein Zeichen von Jan oder seiner Mutter. Gott, oh, Gott. Stebbins hatte doch recht gehabt - und selbst wenn sie hier wären, wie sollte er sie in dieser wogenden, nach ihm ausgreifenden Menschenmenge erkennen? Einlanger, zitternder Seufzer entfuhr ihm. Er stolperte und wäre fast über seine Füße gefallen. Stebbins hatte recht. Er wollte hier aufhören, keinen Schritt weitergehen. Die Enttäuschung, das Gefühl des Verlorenseins waren so groß, dass er zu taumeln anfing. Was sollte das Ganze? Was hatte es jetzt noch für eine Bedeutung?

Das Geheul der Sirenen, das Gekreisch der Menge, Klingermans Schreie, der fallende Regen und in allem seine armen, gehetzten Gedanken, die aufgeregt durch seinen Kopf flatterten und immer wieder blind an Mauern stießen.

Ich kann nicht weitergehen. Kann nicht. Kann nicht. Kann nicht. Aber seine Füße stolperten vorwärts. Wo bin ich? Jan? Jan? JAN!

Er sah sie. Sie winkte mit dem blauen Seidenschal, den er ihr zum Geburtstag geschenkt hatte. Regentropfen glitzerten in ihren Haaren. Seine Mutter stand in ihrem schlichten, schwarzen Mantel. Neben ihr. Sie wurden von der dichten Mengen zusammengequetscht und hilflos in und hergeschoben. Über Jans Schulter grinste ihn das idiotische Auge einer Fernsehkamera an.

Tief in seinem Inneren platzte eine große Wunde, und grünflüssiger Eiter überschwemmte ihn. Er brach in einen tinzelnden Galopp aus; seine geschwollenen Füße mit den nassen, zerfetzten Socken klatschten auf die Straße.

"Jan! Jan!"

Er konnte den Gedanken aber nicht die Worte hören. Die Kamera folgte ihm begeistert. Das Getöse der Menge war infernalisch. Er sah, wie ihre Lippen seinen Namen formten. Er musst zu ihr, musste sie ?

Ein Arm hielt ihn zurück. Es war McVries. Ein Soldat erteilte ihnen durch das unpersönliche Megaphon ihre erste Verwarnung.

"Nicht in die Meng!" McVries hatte den Mund dicht an seinem Ohr und schrie, so laut er konnte. Ein messerscharfer Schmerz fuhr durch seinen Kopf.

"Lass mich los!"

"Ich lasse nicht zu, dass du dich umbringst Ray!"

"Lass mich, verdammt noch mal!"

"Willst du in ihren Armen sterben? Willst du das?"

Die Zeit flog davon. Jan weinte. Er konnte Tränen auf ihren Wangen sehen. Er wand sich aus McVries` Griff frei und rannte wieder auf die zu. Ein hartes, ärgerliches Schluchzen stieg in ihm hoch. Er wollte schlafen. In ihren Armen würde er den Schlaf finden. Er liebte sie.

Ray, ich liebe dich.

Er konnte ihr die Worte von den Lippen ablesen.

McVries blieb neben ihm. Die Fernsehkameras starrten auf sie herab. Jetzt sah er aus den Augenwinkel, dass seine gesamt Highschool-Klasse anwesend war. Sie entrollten eine riesige Fahne, auf der sein eigenes Gesicht abgebildet war. Sein Jahrbuchfoto, dass sie zu Godzillagröße aufgebauscht hatten. Er grinste also auf sich selbst herunter, als er heulend auf die Menge zustolperte, um Jan zu berühren.

Ihre zweite Warnung plärrte wie Gottes Stimme durch das Megaphon.

Jan ?

Sie streckte die Hand nach ihm aus. Er ergriff sie. Ihre kühle Hand. Ihre Tränen ?

Seine Mutter. Ihre ausgestreckten Hände ?

Er griff auch nach ihnen. In der einen Hand hielt er Jans, mit der anderen die Hände seiner Mutter. Er hatte sie berührt. Es war geschehen.

Es dauerte solange, bis McVries ihm wieder den Arm um die Schultern legte. Grausamer McVries.

"Lass mich los! Lass mich los!"

"Mann, du musst sie ja wirklich hassen!" brüllte McVries ihm ins Ohr. "Was willst du eigentlich? Dass sie mit deinen Blut an den Händen zusehen, wie du stirbst? Willst du das? Um Gottes willen, komm jetzt mit mir!" ...