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Erika Riemann - "Die Schleife an Stalins Bart"

ISBN: 3-455-09377-9

 

Klappentext:

Acht Jahre, von 1946 bis 1954, musste Erika Riemann hinter bewachten Mauern verbringen, weil sie als vierzehnjähriges Mädchen ein Stalinbild mit ihrem Lippenstift bemalt hatte. Erst heute hat sie die Sprache gefunden, um über ihre gestohlene Jugend zu berichten und über die Zeit danach, die allmähliche Befreiung aus ihren inneren Mauern.

 

Inhalt:

Erika lebt in Mühlhausen. Es ist die Zeit nach dem Krieg und Erika arbeitet bei einem Friseur. Aber die Schule soll bald wieder losgehen. Erika begeht bei der Schulbesichtigung einen Fehler. Aber sie denkt sich erst einmal nichts dabei.

Eines Tages wird sie vom Friseur abgeholt und eingesperrt. Man bringt sie fort und verhört sie. Danach aber komm sie in Ludwigslust wieder frei.

Sie ist Artistin in einem Theater, als sie wieder verhaftet wird. Es folgen Folter und Verurteilung zu 10 Jahren Zwangsarbeit in Sibirien. Nun folgt ein Gefängnis nach dem anderen: Torgau -> Frauengefängnis Bautzen -> KZ Sachsenhausen (wo sie sich zwangsweise verliebt) -> Hoheneck (wo sie als Gymnastiklehrerin arbeitet).

Nach der Entlassung seiht sie zum ersten Mal ihre Großeltern wieder. Doch es droht die Wiederverhaftung und sie flieht in den Westen, zu ihrer Mutter.

Die Freiheit ist schwerer als man vermutet, nach so einer Tortur. Es folgen zwei Ehen und drei Kinder. Viel angefangene, aber nie vollendete Dinge säumen ihren Weg...

 

Leseprobe:

...Ganz allmählich normalisierten sich auch die Verhältnisse hier in Hoheneck. Zwar herrscht immer noch drangvolle Enge. Die Ernährung ist nach wie vor schlecht und zu knapp bemessen. Aber wir dürfen jetzt Briefe, Pakete und sogar Besuch erhalten. Das verbessert unsere Lage enorm.

Es gibt allerdings tausend Einschränkungen.

Zu fünfundzwanzig Jahren verurteilte bekommen grundsätzlich keine Besuchserlaubnis. Das gilt zum Beispiel für Maria. Mich trifft das Verbot, Briefe und Pakete aus Westdeutschland zu erhalten. Auslandskontakte sind generell untersagt. Mit dieser Anordnung hat man Jenny, deren Angehörige in Polen leben, und einige andere von der Außenwelt abgeschnitten.

Es ist ein großer Augenblick, als die ersten Paketsendungen eintreffen. Im Keller haben die Vopos einen Art Kontrollpunkt eingerichtet. In langen Schlangen schieben wir uns, das noch verschlossene Heiligtum im Arm, dem Tresen entgegen. Endlich bin ich an der Reihe. Ritsch, ratsch, mit brutaler Zielstrebigkeit nimmt sich der Posten mein kostbares Paket vor. Wie er darin herumfuhrwerkt! Am liebsten würde ich ihm den Karton aus der Hand reißen. Was eben noch liebevoll verpackt im Dunkel ruhte, wird herausgezerrt, begrapscht, gewogen. Ein Messer kommt zum Vorschein, und ehe ich noch eingreifen kann, füllt die Wurst in kleinen Stücken in den Zucker. "Bleib ganz ruhig, Erika", flüstert die Frau hinter mir. Der Vopo schaut von seiner Arbeit auf. Die Wut in meinen Augen scheint ihn anzustacheln. Mit einem Grinsen fischt er in den Tiefen meines Pakets und fördert ein hart gekochtes Ei hervor. Sein Messer blitzt auf, und das zerschnittene Ei folgt den Wurststückchen in die Schüssel. Wenn er nicht so gegrinst hätte, ich hätte mich bestimmt beherrschen können.

"Stehen jetzt sogar die Hühner in Verdacht, Kassiber zu scheißen?"

Das Grinsen verschwindet.

Diesen Triumph bezahle ich mit vier Wochen Paketsperre. Maria schimpft natürlich. Die Frage, was es kosten darf, sich hier als Mensch zu fühlen, entscheidet sie anders als ich.