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Tom Rob Smith - „Kind 44“

ISBN: 978-3-442-47207-9

Klappentext:

In der Sowjetunion der Stalinzeit gibt es offiziell keine Verbrechen. Doch ein Mörder geht um – und niemand darf ihn stoppen.

Moskau, 1953. Auf den Bahngleisen wird die Leiche eines kleinen Jungen gefunden, nackt, fürchterlich zugerichtet. Aber in der Sowjetunion der Stalinzeit gibt es offiziell keine Verbrechen. Und so wird der Mord zum Unfall erklärt. Der Geheimdienstoffizier Leo Demidow jedoch kann die Augen vor dem Offenkundigen nicht verschließen. Als der nächste Mord passiert, beginnt er auf eigene Faust zu ermitteln und bringt damit sich und seine Familie in tödliche Gefahr.

Inhalt:

Russland zur Stalinzeit. Ein Kind wird gefunden. Krausam zugerichtet und offensichtlich ermordet. Doch es gibt offizell keine Verbrechen und der MGB muss den Fall in Rekordzeit so aufklären, dass es mit dem staatlichen Gedankengut konform geht.

Leo ist mit dem Fall betraut und die Aufgabe fällt ihm alles andere als leicht. Schließlich muss er seinen Freund belügen, denn er ist auch der Meinung, dass es ein Mord und kein Unfall war.

Doch das System sägt auch Leo ab, der nicht bereit war, seine Frau zu denunzieren. Er wird degradiert und zur Miliz in ein kleines verschlafenes Städtchen versetzt. Und das nur, weil er seine Ehefrau nicht denunzieren wollte.

Doch in diesem kleinen Städtchen wird eine Kinderleiche gefunden, die genau so zugerichtet ist, wie die, die er schon in Moskau gesehen hat. Leo ist nun mehr denn je überzeugt, dass es sich hier um Verbrechen handelt und alle Morde, denn er hat inzwischen von noch vielen mehr gehört, alle von einer einzigen Person verübt wurden. Er beginnt Ermittlungen auf eigene Faust. Und das ist gefährlich. Schließlich wird er selber gesucht und außerdem gibt es doch in Russland keine Verbrechen. Und schon gar keine Morde.

Leseprobe:

… Leos Kenntnisse über die Stadt stammten aus der Propaganda und dem, was bei ihm auf dem Schreibtisch gelandet war. Einst hatte es hier wenig mehr gegeben als Sägewerke und eine Ansammlung von Blockhütten für jene, die in den Sägewerken arbeiteten. Dann war Stalins Auge auf die bescheidene Ansiedlung mit ihren 20000 Einwohnern gefallen. Nach näherer Untersuchung ihrer natürlichen Ressourcen und ihrer Infrastruktur hatte er befunden, dass die Stadt nicht produktiv genug sei. Ganz in der Nähe floss die Ufa vorbei, im nur 150 Kilometer östlich gelegenen Swerdlowsk gab es Stahlwerke und Hochöfen, in den Bergen Eisenerzbergwerke, und zudem hatte die Stadt den Vorteil der Transsibirischen Eisenbahn. Riesige Lokomotiven fuhren jeden Tag hindurch, und alles, was die Züge aufluden, waren Holzbretter. Stalin hatte entschieden, dass dies der ideale Ort für die Montage eines Automobils war, das GAZ-20, eines Wagens, der es mit der Konkurrenz aus dem Westen aufnehmen und höchsten Anforderungen genügen sollte. Das Nachfolgemodell, Wolga GAZ-21, wurde gerade entwickelt und sollte der Gipfel sowjetischer Ingenieurskunst werden, auch bei eisigen Temperaturen laufen, hoch genug über der Straße liegen und eine beneidenswerte Federung, einen kugelsicheren Motor und einen Rostschutz besitzen, von dem man in den Vereinigten Staaten von Amerika nur träumen konnte. Leo hatte keine Ahnung, ob das alles stimmte. Was er wusste, war, dass sich nur ein Bruchteil der sowjetischen Bürger den Wagen leisen konnte, und sicherlich nicht jene Männer und Frauen, die an den Fließbändern standen.

Der Bau der Fabrik hatte ein paar Jahre nach dem Krieg begonnen, und achtzehn Monate später stand inmitten von Kiefernwäldern die Fabrikationsstraße des Automobils der Zukunft – des Wolga. Leo konnte sich nicht mehr an die Zahl de Gefangenen erinnern, die offiziell beim Bau der Fabrik gestorben waren. Aber solche Zahlen waren sowieso nicht zuverlässig. Er selbst hatte erst mit der Fabrik zu tun bekommen, als sie schon fertiggestellt war. Tausende „freier“ Arbeiter aus den Städten im ganzen Land waren auf ihre politische Verlässlichkeit hin geprüft und dann per Zwangsdekret umgesiedelt worden, um den nun entstandenen Mangel an Arbeitskräften auszugleichen. In nur fünf Jahren verfünffachte sich die Bevölkerung. Leo hat die Überprüfungen einiger Moskauer Arbeiter übernommen, die man umgesiedelt hatte. Wenn sie die Nachforschungen überstanden, wurden sie binnen einer Woche mit Sack und Pack umgesiedelt. Wenn nicht, wurden sie verhaftet. Leo war einer der Torwächter dieser Stadt gewesen. Deshalb hatte Wassili diesen Ort ausgesucht. Die Ironie der Geschichte hatte ihn bestimmt amüsiert.

Raisa verpasste diesen ersten Eindruck ihres neuen Zuhauses. Sie war in ihren Mantel eingemummelt und schlief, der ans Fenster gelehnte Kopf rollte mit den Bewegungen des Zuges sanft hin und her. Von hier sah es aus, als habe sich die eigentliche Stadt seitwärts an ein riesiges Montagewerg gekrallt wie eine Zecke in den Hals eines Hundes. In allererster Linie war dies hier ein industrieller Produktionsstandort und erst mit gehörigem Abstand ein Ort zum Leben.

In fahlem Orange beleuchteten die Lichter der Wohnsilos den grauen Himmel. Leo stupste Raisa an. Sie erwachte, sah erst Leo an und blickte dann aus dem Fenster.

„Wir sind da.“

Der Zug fuhr in den Bahnhof ein. Sie nahmen ihre Koffer und traten auf den Bahnsteig. Es war ein paar grad kälter als in Moskau. Wie zwei evakuierte Kinder, die zum ersten Mal ein fremdes Land betreten, standen sie da und sahen sich mit großen Augen in der unvertrauten Umgebung um. Man hatte ihnen keinerlei Anweisungen gegeben. Sei kannten niemanden. Sie hatten noch nicht einmal eine Telefonnummern, die sie hätten anrufen können. Niemand schien sie zu erwarten.

Das Bahnhofsgebäude war leer bis auf einen einzelnen Mann, der am Fahrkartenschalter saß. Er war noch jung, kaum über zwanzig. Beim Betreten des Bahnhofsgebäudes hatte er sie aufmerksam beobachtet.

Raisa ging zu ihm hin. „Guten Abend. Wir müssen zum Hauptquartier der Miliz.“

„Sind Sie aus Moskau?“

„Genau.“

Der Mann öffnete die Tür seines Schalterhäuschens und trat auf den Querbahnsteig hinaus. Dann deutete er mit dem Finger durch die Glastüren zur Straße hinaus. „Die da warten auf Sie.“

100 Schritt vom Bahnhof entfernt stand ein Miliz-Fahrzeug. Auf dem Weg hinaus kamen Raisa und Leo an einem schneebedeckten Stalinrelief vorbei, das man in eine Platte gemeißelt hatte und das aussah wie eine Versteinerung. Der Wagen war ein GAZ-20, der bestimmt hier in dieser Stadt gebaut worden war. Als sie näher kamen, entdeckten sie auf dem Fahrer- und Beifahrersitz zwei Männer. ….