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Charlotte Roche - „Feuchtgebiete“

ISBN: 3-548-28040-4

Klappentext:

Nach einer missglückten Intimrasur liegt die 18-jährige Helen auf der Inneren Abteilung von Maria Hilf. Dort widmet sie sich jenen Bereichen ihres Körpers, die gewöhnlich als unmädchenhaft gelten. Kaum ein Buch hat in den letzten Jahren soviel Aufsehen erregt wie dieses. Es wurde verrissen, missverstanden, in den Himmel gelobt und als Befreiungsschlag gefeiert. Es hat eine Debatte ausgelöst und wurde auf die Bühne gebracht: eine einzigartige Erfolgsgeschichte!

Inhalt:

Helen hat ein Problem, nur weiß sie das nicht. Sie bildet sich doch echt ein, dass ihr Leben, so wie sie es führt, vollkommen normal ist und all die anderen Leute einen an der Waffel habe. Sie hält nichts von übertriebener Hygiene oder zurückhaltenden Umgangsformen. - Und Rasieren findet sie nur angenehm, wenn sie es nicht selber macht.

So kommt es, dass sie nach einer missglückten Intimrasur im Krankenhaus landet, wo ihr der „Blumenkohlg vom Hintern entfernt werden soll. Und schon hier wird es komisch, denn sie liegt mit blankem Hintern im Bett und präsentiert es jedem, der in ihr Zimmer kommt.

Nach der Operation schweifen ihre Gedanken wieder zu ihren geschiedenen Eltern, und wie sie ihren Krankenhausaufenthalt dazu nutzen kann, diese wieder zusammen zu bringen. Dabei schreckt sie auch nicht davor zurück, sich selber etwas anzutun.

Helen lässt ihre Leser wirklich sehr tief in ihr Intimleben blicken und jeder Mensch mit gesundem Menschenverstand fragt sich hier, was bei der Erziehung dieses Mädchens schief gelaufen ist....

Leseprobe:

… Wenn ich mit einem Jungen verabredet bin und will, dass wir an dem Abend ficken, habe ich mir einen tollen Trick als Beweis ausgedacht. Als Beweis dafür, dass ich der Fickurheber des Abends bin. Und es kein Zufall ist, was später passiert. So ein Abend fängt ja unsicher an. Kennt man ja. Wollen beide das Gleiche? Schafft man es am Ende des Abends, Sex zu haben? Oder war die ganze Verabredung für die Katz? Damit total klar ist, was ich von Anfang an wollte, schneide ich mir vorher ein großes Loch in die Unterhose, damit man die Haare und die ganzen Schamlippen und so sieht. Also, die ganze Pflaume soll rausgucken. Ich trage natürlich immer einen Rock. Wenn ich dann anfange, mit dem Jungen zu lecken und zu fummeln, und nachdem meine Brüste lange genug gestreichelt worden sind, wandert irgendwann sein Finger meine Oberschenkel hoch. Er denkt, er muss sich erst mal mühsam an meiner Unterhose vorbeiwurschteln, und hat sogar Sorge, dass ich gar nicht so weit gehen will. Man spricht ja über so etwas nicht, wenn man sich noch nicht lange kennt. Der Finger berührt dann direkt und ohne Vorwarnung meine triefende Muschi.

Jungs reagieren alle gleich auf dieses Geschenk. Der Finger kriegt einen Herzinfakt und verharrt kurz. Dann muss noch etwas rumgefühlt werden, weil er nicht glauben kann, was er da am Finger hat. Jeder denkt natürlich erst, die hat keine Unterhose an. Wenn die Unterhose mit Loch drin wie bei einem Fühlspiel ertastet wurde, ist klar, dass ich das vor Stunden vorbereitet und gebastelt habe. Das zaubert ein dreckiges, breites Grinsen aufs Gesicht von meinem Zukünftigen. Also zukünftigen Fickpartner.

Ich habe selber einen leichten Schweißausbruch vom Erzählen. Warum mache ich so was eigentlich? Ich glaube, ich bin wegen seinem Kompliment am Anfang berauscht. Immer noch einen draufsetzen, Helen, was?

Robin steht da mit leicht geöffnetem Mund, und meine Geschichte zeigt Wirkung. Ich kann seine Schwanzbeule durch die weiße Pflegerhose sehen. Während ich ihm das erzählt habe, hat es auf dem Flur ununterbrochen geklingelt. Andere Patienten, die was von Robin wollen. Aber nicht das Gleiche wie ich.

»Ok, bis später dann.« Und weg ist er.

Ich habe ihn verstört. Es ist wie ein Sport. Ich muss in einem Raum immer die Lockerste der Anwesenden sein. Diesmal hab ich gewonnen. Hatte aber auch einen einfachen Gegner, und es war gar kein richtiger Wettbewerb. Eher ein Ausbruch.

Bin jetzt schon aufgeregt, was das angerichtet hat, ob er mir noch mal so wie vorher in die Augen gucken kann. Ich bring mich aber auch in komische Situationen. Kann es sein, dass jeder, der im Krankenhaus arbeitet, egal ob alt, jung, hübsch oder hässlich, sexuell anziehend wird, einfach weil sonst keiner da ist?

Ich puste mir selber in die Nase, um meinen Atem zu kontrollieren. Schon viel besser. Ich muss mir nicht die Mühe machen und aufstehen, um meine Zähne zu putzen. Einfach bimmeln und versaute Geschichten erzählen, schon kommt frische Luft in den Mundraum. Früher hat man doch einem Kind, das ein schlimmes Wort gesagt hat, den Mund mit Seife ausgewaschen. Hat man das wirklich gemacht oder nur so angedroht? Ich werde das mal ausprobieren. Ich sage ein schlimmes Wort und wasche mir dann den Mund mit Seife aus. Dann kann ich das in mein Lebensbuch eintragen. Ich habe mir auch schon mal selber K.O.Gas ins Gesicht gesprüht, weil ich für mein Lebensbuch wissen wollte, wie sich das anfühlt. Auf jeden Fall weiß ich jetzt, dass es ganz ohne Grund K.O.-Gas heißt. Ich bin nicht in Ohnmacht gefallen. Die Augen fangen nur stark an zu tränen und hören nicht mehr so schnell auf damit. Man muss viel husten, und es läuft einem sehr viel Spucke wasserfallartig aus dem Mund raus. Regt wohl die Schleimhautbefeuchtung an, das Gas. Mir ist langweilig hier. Das merke ich daran, was ich mir so denke. Ich versuche mich mit meinen alten Geschichten selber zu unterhalten. Ich versuche mich durch Selbstunterhaltung davon abzulenken, wie einsam ich bin. Klappt nicht. Mir macht das Alleinsein Angst. Zählt bestimmt zu meinen Scheidungskindbeschwerden. ...