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Thomas Bernhard - „Die Ursache“

ISBN: 3-423-01299-4

Klappentext:

Die Ursachen waren zerstörend und verbrecherisch - sie hinterließen unauslöschliche Spuren. Das Internat: ein raffiniert gegen den Geist gebauter Kerker; die Stadt: eine Todeskrankheit, ein Friedhof der Phantasie und der Wünsche. Der Krieg: die Stollen, in denen Hunderte erstickt und umgekommen sind; der Großvater: der nur von Großem sprach, von Mozart, Rembrandt und Beethoven.

All diese Belastungen hat Thomas Bernhard in diesem autobiographischen Rechenschaftsbericht literarisch verarbeitet.

 

 

Inhalt:

Thomas Bernhard lebte in Salzburg. Dort besuchte er ein Internat, was ihm aber viel mehr wie ein Kerker vorkam. Er hatte schrecklich zu leiden unter dem Nationalsozialismus und seinen Folgen in seiner Erziehung. Ziemlich schnell kommt er deshalb auf seine Selbstmordgedanken zu sprechen. Dabei verschweigt er auch nicht, wie und wo er es versucht hat.

Weiterhin beschreibt er auch, wie er die Bombenangriffe erlebt hat und wie er es empfand, als wirklich die ersten Bomben auf Salzburg vielen. Besonders eindrucksvoll beschreibt er hier sein Empfinden ob der Zerstörung und dem Tod auf dem Weg durch die Stadt.

Besonderes Augenmerk richtet er auch auf seine zwei Unterrichtseinheiten außerhalb des Internats. - Die Geige lies ihn zwar nachdenken, half ihm eigene Gedanken freien Lauf zu lassen, aber es war doch eine körperliche Züchtigung für ihn. Ausgleich war hier der Englischunterricht. Doch der fiel weg, als die Dame, welche ihn unterrichtete, bei einem Bombenangriff ums Leben kam. Das warf ihn einmal mehr aus der Bahn.

Auch nach dem Krieg ist sein Leiden nicht vorbei. Muss er doch wieder in das Internat, welches jetzt katholisch geführt wird. Seiner Meinung nach sind sowohl der Nationalsozialismus als auch der Katholismus Krankheiten der Menschen.

Leseprobe:

… Zu viele ihn vor den Kopf stoßenden Erfahrungen mit den Salzburgern und vor allem mit den uns verwandten hatte schon mein Großvater machen müssen, als daß es mir möglich gewesen wäre, in die Häuser dieser Verwandten hineinzugehen, es hätte viele Gründe gegeben, hineinzugehen, aber es hatte immer noch nur letzten Endes den einzigen gegeben, nicht hineinzugehen, nicht mit diesen Menschen einzulassen, hatte ich mir ganz einfach nicht gestatten können, wo soviel Unverständnis und soviel Unmenschlichkeit in jedem einzelnen dieser von dieser Stadt und ihrer kalten und tödlichen Atmosphäre abgekühlten und abgetöteten Verwandten gewesen war. Schon mein Großvater war von diesen seinen salzburgischen Verwandten zutiefst getäuscht und enttäuscht gewesen, sie hatten ihn in allem und jedem nur hintergangen gehabt und in tiefstes Unglück gestürzt, wo er geglaubt hatte, sich hilfesuchend an sie wenden zu können, anstatt Rückhalt bei diesen zu haben in der Zeit seiner eigenen studentischen Ausweglosigkeit und auch später, als im Ausland Gescheiterter, in seine Heimat zurückgekommener und, wie ich heute sagen muß, unter fürchterlichsten und erbärmlichsten Umständen auf seine Heimat und Heimatstadt Heruntergekommener, war er nichts als endgültig diffamiert und im Grunde von diesen seinen eigenen Verwandten und von den Salzburgern insgesamt vernichtet worden. Die Geschichte seines Todes hatte dann auch noch einen traurigen und zugleich lächerlichen, aber für diese Stadt und ihre Lenker und ihre Bewohner bezeichnenden Höhepunkt: zehn Tage, war mein Großvater auf dem Maxglaner Friedhof aufgebahrt gewesen, aber der Pfarrer von Maxglan hatte seine Bestattung verweigert, weil mein Großvater nicht kirchlich verheiratet gewesen war, die hinterbliebene Frau, meine Großmutter, und ihr Sohn hatten alles Menschenmögliche unternommen, um eine Bestattung auf dem Maxglaner Friedhof, welcher für meinen Großvater zuständig gewesen war, zu erreichen, aber seine Bestattung auf dem Maxglaner Friedhof, auf welchem bestattet zu sein mein Großvater gewünscht hatte, war nicht erlaubt worden. Und auch kein anderer Friedhof, außer dem Kommunalfriedhof, der meinem Großvater aber verhaßt gewesen war, hatte meinen Großvater aufgenommen, keiner der katholisch-kirchlichen Friedhöfe in der Stadt, denn meine Großmutter und ihr Sohn sind auf alle Friedhöfe gegangen und haben um die Erlaubnis gebeten, mein Großvater möge auf einem der Friedhöfe aufgenommen und bestattet werden, aber mein Großvater ist auf keinem einzigen dieser Friedhöfe aufgenommen worden, weil er nicht kirchlich verheiratet gewesen war. Und das im Jahre 1949! Erst als mein Onkel, sein Sohn, zum Erzbischof gegangen und diesem gesagt hatte, er werde die schon in fortgeschrittener Verwesung befindliche Leiche seines Vaters, meines Großvaters, weil sie in keinem katholischen Friedhof der Stadt angenommen worden sei, weil er ja nicht wisse, wohin mit der Leiche seines eigenen Vaters, ihm, dem Erzbischof, vor die Palasttüre legen, hatte der Erzbischof die Erlaubnis zur Bestattung meines Großvaters auf dem Maxglaner Friedhof gegeben. Ich selbst habe an diesem Begräbnis, das wahrscheinlich eines der traurigsten Begräbnisse in dieser Stadt überhaupt gewesen ist und das, wie ich weiß, mit allen nur denkbaren Peinlichkeiten in Szene gegangen war, weil ich, an einer schweren Lungenkrankheit erkrankt, im Spital gelegen war, nicht teilgenommen. Heute ist das Grab meines Großvaters ein sogenanntes Ehrengrab. Diese Stadt hat alle, deren Verstand sie nicht mehr verstehen konnte, ausgestoßen und niemals, unter keinen Umständen, mehr zurückgenommen, wie ich aus Erfahrung weiß, und sie ist mir aus diesen aus Hunderten von traurigen und gemeinsam und entsetzlichen und tatsächlich tödlichen Erfahrungen zusammengesetzten Gründen immer eine mehr und mehr unerträgliche geworden und bis heute im Grund unerträgliche geblieben und jede andere Behauptung wäre falsch und Lüge und Verleumdung und diese Notizen müssen jetzt notiert sein und nicht später, und zwar in diesem Augenblick, in welchem ich die Möglichkeit habe, mich vorbehaltlos in den Zustand meiner Kindheit und Jugend und vor allem meiner Salzburger Lern- und Studierzeit zu versetzen mit der für eine solche Beschreibung als Andeutung notwendigen Unbestechlichkeit und aufrichtigen Schuldigkeit, dieser Augenblick, zu sagen, was gesagt werden muß, was angedeutet sein muß, muß ausgenutzt werden, der Wahrheit von damals, der Wirklichkeit und Tatsächlichkeit, wenigstens in Andeutung zu ihrem Recht zu verhelfen, denn allzu leicht kommt auf einmal nur mehr noch die Zeit der Verschönerung und der unzulässigen Abschwächung, und alles ist diese Lern- und Studierzeit Salzburg für mich gewesen, nur keine schöne, nur keine erträgliche, nur keine, welcher ich heute zu verzeihen hätte, indem ich sie verfälsche. Diese Stadt ist immer nur eine mich peinigende gewesen, und sie hat Freude und Glück und Geborgenheit dem Kind und dem Jüngling, der ich damals gewesen bin, einfach nicht zugelassen, sie ist niemals gewesen, was von ihr immer behauptet wird, aus Geschäftsgründen oder ganz einfach aus Verantwortungslosigkeit, ein Ort, in welchem ein junger Mensch gut aufgehoben ist und gut gedeiht, ja froh und glücklich sein muß, diese frohen und glücklichen Augenblicke, die ich in dieser Stadt erlebt habe, sind an den Fingern abzuzählen, und sie sind teuer bezahlt worden. Und es war nicht nur diese unglückliche Zeit mit ihrem Krieg und mit ihren Verwüstungen auf der Oberfläche und der auf dieser Oberfläche existierenden Menschen, mit ihrer nur auf Natur- und Menschenänderung hinzielenden Geistesverfassung, nicht nur der Umstand des Niederganges und der totalen Verdunkelung Deutschlands und ganz Europas gewesen, der mich auch heute noch diese Zeit als meine finsterste und in jeder Hinsicht qualvollste klassifizieren läßt, und nicht nur die in dieser Zeit- und Menschen- und allgemeinen Naturverfinsterung besonders große Anfälligkeit meines für alle Naturverhältnisse in hohem Maße immer auf die fatale Weise empfängliche eigene, diesen und allen Naturverhältnissen im Grunde immer vollkommen ausgelieferte Natur, es war (und es ist) der nicht für mich allein tödliche Geist dieser Stadt, dieser nicht für mich allein tödliche Todesboden. Die Schönheit dieses Ortes und dieser Landschaft, von welcher alle Welt spricht, und zwar fortwährend und immer nur auf die gedankenloseste Weise und in tatsächlich unerlaubtem Tone, ist genau jenes tödliche Element auf diesem tödlichen Boden, hier werden die Menschen, die an diese Stadt und an diese Landschaft durch Geburt oder auf eine andere radikale unverschuldete Weise gebunden und mit Naturgewalt daran gekettet sind, fortwährend von dieser weltberühmten Schönheit erdrückt. ...