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Richard Bach - „Die Möwe Jonathan“

ISBN:  3-548-20897-5

Klappentext:

Jonathan ist keine gewöhnliche Möwe. Er nimmt einfach nichts für selbstverständlich hin, es genügt ihm nicht, wie alle Anderen seine fliegerischen Fähigkeiten nur zum Fischen einzusetzen. Jonathan ist verliebt ins Fliegen und in die Freiheit. Er ist besessen von dem Willen, das Beste aus sich herauszuholen, und Nichts und Niemand kann ihn aufhalten. Er ist neugierig, will alles erfahren, alles versuchen, alles verstehen -- selbst wenn es bedeutet, aus dem Kreise seiner Gemeinschaft und seiner Familie verbannt zu werden. In seiner Bescheidenheit, seiner Einfachheit und seiner Tiefe ist Jonathan dem kleinen Prinzen nicht unähnlich, obwohl seine Botschaft nicht ganz so global, nicht ganz so welterschütternd ist. Auch an Hesses Siddartha habe ich mich ein wenig erinnert gefühlt. Jonathan ist ein Aufruf zur Initiative, eine Botschaft an Alle, die ihre Träume und Sehnsüchte noch nicht völlig in die Hand der Hamburg-Mannheimer gelegt haben. Selbstverwirklichung, der Mut dazu, dem Herzen zu folgen und einfach das zu tun, was wirklich befriedigt. Wer Jonathan liest, wird es entweder lieben oder hassen. Aber Millionenauflagen, und die Tatsache, daß viele Leser dieses Buches nach weiteren Werken von Richard Bach verlangen, ist ein Beweis dafür, daß Jonathan in vielen von uns steckt. Sehr empfehlenswert für Alle, die gerne fliegen, sei es im Herzen, im Kopf, oder in der Wirklichkeit.

Inhalt:

Jonathan war ist eine Möwe, die sich anders verhielt, als man es im Schwarm von ihr erwartete. Ständig machte er Flugversuche, versuchte höher schneller oder weiter zu kommen. Er lernte Loopings, den Gleitflug und vergaß dabei völlig die Regeln des Schwarms. Deswegen wurde er verstoßen. - Doch Jonathan störte das nicht. So fristete er sein Dasein allein, ohne Schwarm, dafür aber mit seinen Flugübungen.

Am Ende seines Lebens kommt er in den Himmel. Doch der ist so ganz anders, als man sich das vorstellt. Die Möwen lernen hier alle fliegen. Sie machen das Unmögliche Möglich und auch Jonathan kann seine Flugkünste noch verbessern. - Doch am Ende will er doch zu seinem Schwarm zurückkehren, um den dortigen die hohe Kunst des Fliegens beizubringen.

Jonathan kehrt zurück auf die Erde und kann ein paar jüngere Möwen auf seine Seite ziehen. Diese werden dann vom Schwarm ausgestoßen, doch folgen unbeirrt ihrem Ziel. - Trotzdem sie ausgestoßene sind, kehren sie zum Schwarm zurück, machen ihre Flugübungen in aller Öffentlichkeit und können so einiges in der Hierarchie und im Leben der anderen Möwen bewegen.

Leseprobe:

...“Ich möchte so fliegen lernen“, sagte Jonathan; und seine Augen strahlten vor Eifer. „Sag mir, was ich tun soll,“

Chiang setzte seine Worte bedächtig und sah die jüngere Möwe dabei unentwegt an. „Um in Gedankenschnelle zu fliegen, ganz gleich an welchen Ort mußt du schon vor Beginn wissen, daß du bereits dort angekommen bist.“

Nach Chiangs Worten mußte man also als erstes aufhören, sich selbst als Gefangenen eines irdisch begrenzten Körpers zu empfinden. Dessen Flügelspannweite etwa einen Meter betrug und dessen Leistungsfähigkeit sich mit Hilfe graphischer Darstellung berechnen ließ. Die Voraussetzung für das Gelingen lag in dem Bewußtsein, daß das wahre Sein so vollkommen ist wie eine nicht aufgeschriebene, wie eine abstrakte Zahl und überall zugleich existieren unabhängig von Zeit und Raum.

Von Morgengrauen an, noch vor Sonnenaufgang und lange bis nach Mitternacht überließ Jonathan sich mit Leidenschaft seinen Versuchen. Aber alles eine Anstrengungen halfen ihm nicht weiter.

„Vergiß alles Wissen“, sagte ihm Chiang wieder und wieder. „Du hast es nicht gebraucht, um zu fliegen, du hast einfach fliegen müssen. Und jetzt ist es das gleiche. Versuche es noch einmal...“

Und eines Tages war es soweit. Jonathan ruhte auf dem Strand aus. Mit geschlossenen Augen versenkte er sich ganz in sich, und in jähem Begreifen fühlte er, was Chiang gemeint hatte. „Natürlich. So ist es. Ich bin. Ich bin eine vollkommene, durch nichts beschränkte Möwe!“

Glück durchströmte ihn wie ein heftiger Schreck.

„Gut“ sagte Chiang. Seine Stimme klang triumphierend. Jonathan machte die Augen auf. Er stand ganz allein neben dem Ältesten an einer gänzlich fremd anmutenden Küste – Bäume wuchsen bis an den Strand des Ozeans hinab, und zu Häuptern kreiste ein Zwillingsgestirn gelber Sonnen.

„So hast du es endlich erreicht“, sagte Chiang, „aber du mußt noch weiter daran arbeiten, dich selbst zu steuern...“

Jonathan war überwältigt. „Wo sind wir?“

Den Ältesten ließ die fremde Umwelt kühl. Er tat die Frage ziemlich gleichgültig ab.

„Wir sind auf irgendeinem Planeten, wie es scheint. Er hat einen grünen Himmel und eine doppelte Sonne.“

Jonathan stieß vor Entzücken einen hellen Schrei aus, den ersten Laut, seit er die Erde verlassen hatte. „Es ist gelungen!“

„Natürlich ist es gelungen, Jon“ sagte Chiang. „Es gelingt immer, wenn du genau weißt was du willst. Und nun zu der Selbststeuerung...“ Als sie zurückkamen, war es schon dunkel. Die anderen Möwen betrachteten Jonathan, und in ihren goldenen Augen stand ehrfürchtige Scheu. Sie hatten gesehen, wie er urplötzlich von der Stelle, auf der er lange Zeit wie angewurzelt verharrt hatte, verschwunden war. Er ließ sich aber nicht lange bewundern. „Ich bin hier noch ein Neuling. Ich fange ja erst an. Ich bin es, der von euch lernen muß.“

„Ich bin aber doch überrascht“ sagte Sullivan, der unweit von ihm stand. „In all den zehntausend Jahren hab ich keine Möwe gesehen, die so furchtlos alles Neue erlernen will wie du.“ Die anderen Möwen nickten dazu. Jonathan trippelte vor Verlegenheit von einem Fuß auf den anderen.

„Wenn du willst, werden wir uns als nächstes mit der Zeit beschäftigen“ sagte Chiang. „Du wirst lernen, durch Vergangenheit und Zukunft zu fliegen. Wenn dir das möglich ist dann erst kannst du das Allerschwerste, das Großartigste, das Schönste beginnen. Dann erst kannst du dich dazu aufschwingen, das wahre Wesen von Güte und Liebe zu begreifen.“

Ein Monat verging, oder vielmehr ein Zeitraum, der sich wie ein Monat ausnahm.

Jonathan lernte außerordentlich schnell. Er hatte schon sehr rasch Fortschritte gemacht, als er noch aus der praktischen Erfahrung lernte, nun aber, als Einzelschüler des Ältesten selbst verarbeitete er die neuen Ideen wie ein stromlinienförmiger, gefiederter Computer. Doch dann kam ein Tag, an dem Chiang endgültig verschwand. Zuvor hatte er noch einmal lautlos die ganze Gemeinschaft ermahnt, niemals das Lernen aufzugeben, unentwegt weiter zu üben und danach zu streben, das vollkommene, unsichtbare Prinzip alles Lebens zu erfahren.

Dabei wurde sein Gefieder lichter und lichter, und zuletzt erstrahlte es in solchem Glanz, daß die Möwen geblendet die Augen abwenden mußten.

„Jonathan, erlerne die Liebe.“ Das waren seine letzten Worte.

Als die Blendung der Augen nachließ, weilte Chiang nicht mehr unter ihnen.

Und die Zeit verrann. Immer häufiger mußte Jonathan jetzt an die Erde zurückdenken, von der er einst gekommen war. Hätte er dort unten nur ein Zehntel, nur ein Hundertstel von dem gekannt, was er jetzt wußte, wieviel sinnvoller wäre sein Leben gewesen. Er stand im Sand und fragte sich, ob es dort unten vielleicht wieder eine Möwe gäbe, die ihre Grenzen zu überwinden trachtete, eine Möwe, der das Fliegen mehr bedeutete als nur Fortbewegung zu dem Ziel, ein paar Brocken Brot von einem Fischkutter zu ergattern. Vielleicht war wieder eine Möwe in Verbannung geschickt worden, weil sie gewagt hatte, dem großen Schwarm die Wahrheit zu sagen. Und je länger Jonathan sich um Güte bemühte, je mehr er danach strebte, das Wesen der Liebe zu begreifen, desto größer wurde sein Verlangen, zur Erde zurückzukehren. Trotz der Vereinsamung in seinem vergangenen Erdendasein war Jonathan im Grunde der geborene Lehrer. So gab es für ihn nur eine einzige Möglichkeit der Liebe zu dienen: Er mußte die von ihm erkannte Wahrheit weitergeben an eine Möwe, die auch die Sehnsucht nach Wahrheit in sich trug.

Sein Lehrer Sullivan war bereits Meister im gedankenschnellen Flug und half den anderen bei ihren Übungen. Er hatte seine Zweifel. „Du bist früher auf der Erde ein Ausgestoßener gewesen, Jon. Wie kannst du glauben, daß dir jetzt auch nur eine Möwe aus deiner Vergangenheit zuhören würde? Du kennst doch das Stichwort: Am weitesten sieht, wer am höchsten fliegt. Dann steckt Weisheit. Die Möwen, von denen du abstammst, kleben am Boden und zetern und streiten miteinander. Unendlich weit sind sie vom Himmel entfernt – und da glaubst du, du kannst ihnen von ihrem Standort aus dem Himmel öffnen? Sie können doch nicht über ihre eigenen Flügelspitzen hinausblicken. Bleib bei uns, Jon. Hilf den Anfängern hier. Sie sind schon weiter, sie können erkennen, was du ihnen zeigen willst.“

Er schwieg einen Augenblick, dann fuhr er fort: „Wenn Chiang in seine früheren Welten zurückgekehrt wäre, wo wärst du jetzt?“

Diese Bemerkung gab den Ausschlag. Sullivan hatte recht. „Am weitesten sieht, wer am höchsten fliegt“ So bleib Jonathan und arbeitet mit den Neulingen, die alle klug und lernbegierig waren. Doch die alten Wünsche kehrten wieder. Immer stärker und häufiger mußte er an die Erde zurückdenken und daß ihn dort vielleicht ein oder zwei Möwen als Lehrer brauchten.