ich-geb-dir.info
Home.
Delfine.
Hunde.
Literatur.

Heinrich Böll - „Die verlohrene Ehre der Katharina Blum“

ASIN: B 004WNZ2SG

Klappentext:

Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann, lautet der Untertitel von Heinrich Bölls Erzählung. Bevor Die verlorene Ehre der Katharina Blum mit einer Startauflage von 100 000 Exemplaren auf den Markt kam, druckte Der Spiegel Bölls erfolgreichstes Werk in mehreren Folgen ab. Das Buch wurde in mehrere Sprachen übersetzt, für die Bühne dramatisiert und 1975 von Volker Schlöndorff verfilmt.

Entstehung: Anfang 1972 plädierte Böll in dem Spiegel-Artikel »Will Ulrike Gnade oder freies Geleit?« für eine sachliche Berichterstattung und gegen die Kampagnen der BILD-Zeitung über die Baader-Meinhof-Gruppe. Von diversen Medien wurde Böll als Sympathisant der Terroristen diffamiert, im Zuge einer Fahndung wurde sein Landhaus in der Eifel durchsucht. Vor diesem Hintergrund beauftragte Böll einen Mitarbeiter, sensationslüsterne Artikel von Boulevardblättern zu sammeln, die Menschen in Wort und Bild verleumden. Die kleinen skandalösen Geschichten von bekannten und unbekannten Personen bildeten das Material für Bölls Erzählung von einer unpolitischen Frau, die durch die Berichterstattung der Presse zur politischen Verbrecherin gemacht und dann zur Mörderin an einem Journalisten wird.  

 

Inhalt:

Eigentlich ist Katharina eine unbescholtene Haushälterin. Sie hat gleich mehrere Anstellungen und deshalb auch ein gutes Einkommen.

Doch dann trifft sie diesen Mann, von dem sie nicht weiß, dass er ein gesuchter Verbrecher ist, tanzt mit ihm, verliebt sich und verhilft ihm zur Flucht. Das wird bekannt. Die Polizei holt sie zum Verhör und Zeitung, sowie Nachbarn tun ihr Übriges – Katharina fällt einem sprichwörtlichen Rufmord zum Opfer und wird förmlich zu einer schlimmen Tat getrieben.

Ein Tatsachenbericht, dem Ermittlungsakten und Verhörprotokolle zugrunde liegen. Aber auch mit eigener Meinung hält der Autor Heinrich Böll, nicht hinter dem Berg.

Leseprobe:

… Bevor die letzten Um-, Ein- und Ablenkmanöver gestartet werden, muß hier eine sozusagen technische Zwischenbemerkung gestattet werden. In dieser Geschichte passiert zu viel. 1. Sie ist auf eine peinlich, kaum zu bewältigende Weise handlungsstark: zu ihrem Nachteil. Natürlich ist es ziemlich betrüblich, wenn eine freiberuflich arbeitende Hausangestellte einen Journalisten erschießt, und ein solcher Fall muß aufge- oder wenigstens versuchsweise erklärt werden. Aber was mach man mit Erfolgsanwälten, die einer Hausangestellten wegen den sauer verdienten Skiurlaub abbrechen? Mit Industriellen (die im Nebenberuf Professor und Parteimanager sind), die in einer schon unreifen Sentimentalität eben dieser Hausangestellten Schlüssel zu Zweitwohnungen (und sich selbst dazu) geradezu aufdrängen; beides ohne Erfolg, wie man weiß, die einerseits Publicity wollen, aber nur eine bestimmte Art, lauter Dinge und Leute, die einfach nicht synchronisierbar sind und dauernd den Fluß (bzw. den linearen Handlungsablauf) stören, weil sie sozusagen immun sind. Was macht man mit Kriminalbeamten, die dauernd nach Zäpfchen verlangen und sie auch bekommen? Kürzer gesagt: es ist alles zu durchlässig und doch im entscheidenden Augenblick für einen Berichterstatter nicht durchlässig genug, weil zwar das eine oder andere (etwa von Hach und einigen Polizeibeamten und -beamtinnen) zu erfahren ist, aber nichts, rein gar nichts von dem, was sie sagen, auch nur andeutungsweise beweiskräftig wäre, weil es vor keinem Gericht bestätigt oder auch nur ausgesagt würde. Es hat keine Zeugniskraft! Nicht den geringsten Öffenlichkeitswert. Zum Beispiel diese ganze Zäpfchenaffäre. Das Anzapfen von Telefonleitungen dient natürlich der Ermittlung, das Ergebnis darf aber – da es von einer anderen als der ermittelnden Behörde vorgenommen wird – in einem öffentlichen Verfahren nicht nur leicht verwendet, nicht einmal erwähnt werden. Vor allem: was passiert in der sogenannten Psyche der Telefonzaper? Was denkt sich ein unbescholtener Beamter, der nichts als seine Pflicht tut, der sozusagen, wenn nicht unter Befehls-, dann aber sicher unter Broterwerbsnotstand seine (ihm möglicherweise widerwärtige) Pflicht tut, was denkt er sich, wenn er mit anhören muß, wie jeder unbekannte Hausbewohner, den wir hier kurz den Zärtlichkeitsanbieter nennen wollen, mit einer so ausgesprochen netten, adretten, fast unbescholtenen Person wie Katharina Blum telefoniert? Gerät er in sittliche oder geschlechtliche oder in beide Arten von Erregung? Empört er sich, hat er Mitleid, bereitet es ihm gar ein merkwürdiges Vergnügen, wenn da eine Person, die den Spitznamen „Nonne“ trägt, durch heiser hingestöhnte, drohend vorgebrachte Angebote in den tiefen ihrer Seele verletzt wird? Nun, es geschieht so vieles im Vordergrund – mehr noch im Hintergrund. Was denkt sich ein harmloser, lediglich sein sauer verdientes Brot erwerbender Anzapfer zum Beispiel, wenn da ein gewisser Lüding, der hier gelegentlich erwähnt wurde, die Chefredation der ZEITUNG anruft und etwa sagt: „Sofort S. Ganz raus, aber B. Ganz rein.“ Natürlich wird Lüding nicht angezapft, weil er beobachtet werden muß, sondern weil die Gefahr besteht, daß er – etwa von Erpressern, Polit-Gangstern etc. - angerufen wird.

Wie soll so ein unbescholtener Mithörer wissen, daß mit S. Sträubleder gemeint ist, mit B. Blorna und daß man in der SONNTAGSZEITUNG  nicht mehr über S., aber viel über B. wird lesen können. Und doch – wer soll das schon wissen oder auch nur ahnen – ist Blorna eine von Lüding äußerst geschätzter Anwalt, der fast unzählige Male sein Geschick bewiesen hat, national und international. Nichts anderes ist gemeint, wenn hier an anderer Stelle von Quellen gesprochen worden ist, die „zueinander nicht kommen können“, wie die Königskinder, denen die falsche Nonne die Kerze asblies – und irgendeiner versank da ziemlich tief, ertrank. Und da läßt Frau Lüding durch ihre Köchin bei der Sekretärin ihres Mannes anrufen, um herauszubekommen, was Lüding wohl am Sonntag gern zum Nachtisch essen würde: Palatschinken mit Mohn? Erdbeeren mit Eis und Sahne, woraufhin die Sekretärin, die ihren Chef nicht belästigen möchte, seinen Geschmack aber kennt, die aber möglicherweise auch nur Ärger bzw. Umstände verursache will, der Köchin mit ziemlich spitzer Stimme erklärt, sie sei ganz sicher, daß Herr Lüding an diesem Sonntag Karamelpudding mit Krokantsouce verziehen würde; die Köchin, die natürlich auch Lüdings Geschmack kennt, widerspricht uns sagt, das sie ihr neu, ob die Sekretärin sicher sei, daß sie nicht ihren eigenen Geschmack mit dem des Herrn Lüding verwechsle, und ob sie nicht doch durchstellen könne, damit sie direkt mit Herrn Lüding über seine Nachtischwünsche sprechen könne. Daraufhin die Sekretärin, die glegentlich mit Herrn Lüding als Konferenzsekretärin unterwegs ist und in irgendwelchen PALACE-Hotels oder Inter-Herbergen mit ihm ißt, behauptet, wenn sie mit ihm unterwegs sei, esse er immer Karamelpudding mit Krokantsauce; die Köchin: aber am Sonntag sei er eben nicht mit ihr, der Sekretärin, unterwegs und ob es nicht möglich sei, daß Lüdings Nachtischwünsche eben abhängig seinen von der Gesellschaft, in der er sich befinde. Etc. Etc. Schließlich wird noch lange über Palatschinken mit Mohn gestritten – und dieses ganze Gespräch wird auf Kosten des Steuerzahlers auf Tonband aufgenommen! Denkt der Tonbandabspieler, der natürlich darauf achten muß, ob hier nicht ein Anarchistencode verwendet worden ist, ob mit Palatschinken nicht etwa Handgranaten und bei Eis mit Erdbeeren Bomben gemeint sind – doch möglicherweise: die haben Sorgen oder: die Sorgen möchte ich haben, denn ihm ist möglicherweise gerade die Tochter durchgebrannt oder der Sohn dem Hasch verfallen oder die Miete mal wieder erhöht worden, und das alles – diese Tonbandaufnahmen – nur, weil gegen Lüding einmal eine Bombendrohung ausgesprochen worden ist; so erfährt ein unschuldiger Beamter oder Angestellter endlich einmal, was Palatschinken mit Mond sind, er dem die schon als Hauptmahlzeit genügen würden, wenn auch nur einer.

Es passiert zuviel im Vordergrund, und wir wissen nichts von dem, was im Hintergrund passiert. …