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Albert Camus – „Der Fremde“

ISBN: 3-499-10432-6

Klappentext:

Dieses frühe Meisterwerk des französischen Nobelpreisträgers schildert in einer Sprache von kristallener Härte und Klarheit die Geschichte eines jungen Franzosen, der unter der unerbittlichen Sonne Algeriens bar aller Bindung ohne Liebe und Teilnahme gleichgültig dahinlebt, bis ihn ein lächerlicher Zufall zum Mörder macht. Im Scheitern seiner scheinbar absolut freien Existenz erfährt er, dass Leben Mitleben heißt.

Inhalt:

Ein Mann, arbeitsam und ehrlich, wenn auch nicht besonders emotional, verliert seine Mutter. Sie erliegt in einem Altersheim ihrem Leiden. Das, an sich, ist ja gar nicht so schlimm. Aber bereits am Tag nach der Beerdigung geht er schwimmen und turtelt mit einer Frau. - Sie verlieben sich ineinander. Alles könnte so schön sein, wenn da nicht dieser Zufall gewesen wäre, der ihn zum Mörder hat werden lassen.

Es folgt die Inhaftierung, unzählige Vernehmungen, die Gerichtsverhandlung und das Urteil.

In seiner Zelle hängt er seinen Gedanken nach und whrt sich gegen den geistlichen.

Leseprobe:

… Gleich nach meiner Verhaftung wurde ich mehrmals vernommen. Aber es handelte sich  nur um Fragen der Identität; das dauerte nicht lange. Anfänglich schien mein Fall niemanden beim Kommissariat zu interessieren. Doch acht Tage später musterte der Untersuchungsrichter mich neugierig. Aber er fragte mich vorläufig nur nach Adresse, Namen, Beruf, Geburtsdatum und Geburtsort. Dann wollte er wissen, ob ich mir einen Anwalt genommen habe. Ich verneinte und fragte ihn, ob es unbedingt nötig sei, ein Anwalt zu haben.

„Wieso?“ sagte er. Ich entgegnete, mein Fall liege doch denkbar einfach.

Er erwiderte lächelnd: „Das ist ihre Ansicht. Wir aber haben das Gesetz. Wenn Sie sich keinen Anwalt nehmen, bestimmen wir einen Offizialverteidiger.“

Ich fand das sehr bequem, daß die Justiz sich mit diesen Einzelheiten befaßte. Das sagte ich ihm auch. Er stimmte mir zu und meinte, das Gesetz sei schon sehr gut.

Anfangs nahm ich ihn gar nicht ernst. Er empfing mich in einem Zimmer mit geschlossenen Vorhängen. Auf seinem Schreibtisch stand eine Lampe, deren Licht fiel auf den Sessel, in dem er mich Platz nehmen ließ, während er im Dunklen blieb. Eine ähnliche Beschreibung hatte ich schon in Büchern gelesen, und alles kam mir wie ein Spiel vor. Aber nach unserer Unterhaltung betrachtete ich ihn und sah einen Mann mit feinen Zügen, tiefliegenden blauen Augen, groß, mit langem grauen Schnurrbart und üppigem, fast weißem Haar. Er schien mir sehr vernünftig und war mir trotz des nervösen Zuckens um den Mund im Grunde nicht unsympathisch.

Beim Hinausgehen hätte ich ihm fast die Hand gegeben, aber mir fiel noch rechtzeitig ein, daß ich ja einen Menschen getötet hatte.

Am nächsten Tag besuchte mich ein Anwalt im Gefängnis. Er war klein und rundlich, ziemlich jung, mit sorgfältig gebürstetem Haar. Trotz der Hitze (ich war in Hemdsärmeln) trug er einen dunklen Anzug, einen Stehkragen und eine seltsame Krawatte mit breiten schwarzen und weißen Streifen. Er legte die Aktentasche, die er unter dem Arm trug, auf mein Bett, stellte sich vor und sagte, er habe meine Akte studiert. Der Fall sei heikel, aber er zweifle nicht am Erfolg, wenn ich nur Vertrauen zu ihm hätte. Ich dankte ihm, und er sagte: „Dann also los.“

Er setzte sich auf das Bett und erklärte mir, man habe über mein Privatleben Erkundigungen eingezogen. Man habe festgestellt, daß meine Mutter kürzlich im Altersheim gestorben sei. Dann habe man in Marengo nachgefragt. Die hiermit beauftragten Beamten hätten erfahren, daß ich am Tage von Mamas Beerdigung „Gefühllosigkeit“ gezeigt hätte. „Sie können sich vorstellen, daß ich Sie nicht gern danach frage. Aber es ist sehr wichtig. Es wird ein starkes Argument für die Anklage sein, wenn ich dem nichts entgegenzuhalten habe.“ Ich sollte ihm helfen. Er fragte mich, ob ich damals sehr traurig gewesen sei. Diese Frage verwunderte mich sehr, und es wollte mir schienen, daß es mir sehr peinlich gewesen wäre, wenn ich sie hätte stellen müssen. Ich antwortete, daß ich mich nicht mehr viel beobachte und ihm deswegen kaum Auskunft geben könne. Natürlich mochte ich Mama sehr gern, aber das besagte ja nichts. Alle gesunden Menschen wünschten mehr oder weniger den Tod derer, die sie liebten. Hier unterbrach mich der Anwalt; er schien sehr erregt. Ich mußte ihm versprechen, so etwas nie wieder zu sagen, weder in der Verhandlung noch vor dem Untersuchungsrichter. Ich erklärte ihm, bei mir sie es nun einmal so, daß meine körperlichen Bedürfnisse oft meine Gefühle verdrängten. An dem Tag von Mamas Beerdigung sei ich so erschöpft und müde gewesen, daß ich mir über das, was geschah, keine Rechenschaft haben geben können. Eins aber könne ich mit Bestimmtheit sagen, daß es mir lieber gewesen wäre, Mama wäre nicht gestorben. Aber mein Anwalt schien nicht sonderlich zufrieden zu sein.

Er sagte: „Das genügt nicht.“ Er überlegte. Er fragte mich, ob er sagen dürfe, ich hätte mich damals sehr zusammengenommen.

Ich entgegnete: „Nein, das entspricht nicht der Wahrheit.“

Er sah mich ganz seltsam an, als verabscheute er mich ein bißchen. Fast böse sagte er, auf alle Fälle würden der Direktor und das Personal des Heims als Zeugen vernommen werden, und das könnte „böse für mich ausgehen“.

Ich machte ihn darauf aufmerksam, daß das alles mit meinem Fall nichts zu tun habe, worauf er nur antwortete, offensichtlich hätte ich noch nie etwas mit dem Gericht zu tun gehabt.

Mit bösem Gesicht verließ er mich. Am liebsten hätte ich ihn zurückgehalten und ihm gesagt, daß mir viele an seiner Sympathie liege, nicht etwa, um besser verteidigt zu werden, sonder aus ganz natürlichen Gründen, wenn ich es so ausdrücken dürfe. ...