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Cornelia Funke - „Tintenherz“

ISBN: 37-9150-465-7

Klappentext:

Zuerst blieb es still draußen. Nur der Regen fiel, wispernd und flüsternd, als habe die Nacht plötzlich eine Stimme bekommen. Doch dann näherten sich Schritte dem Haus, und aus der Dunkelheit tauchte der Mann auf, der auf dem Hof gestanden hatte. Der lange Mantel, den er trug, klebte ihm an den Beinen, nass vom Regen, und als der Fremde in das Licht trat, das aus dem Haus nach draußen leckte, glaubte Meggie für den Bruchteil eines Augenblicks, einen kleinen pelzigen Kopf über seiner Schulter zu sehen, der sich schnüffelnd aus dem Rucksack schob und dann hastig wieder darin verschwand.

Inhalt:

Meggie wohnt mit ihrem Vater auf einem alten Bauernhof. Beide lesen leidenschaftlich gern und führen ein normales Leben. Aber die Mutter fehlt. Der Vater erzählt manchmal von ihr, aber im Grunde weiß Meggie nichts von ihr.

Eines Tages taucht ein seltsamer Mann bei den beiden auf. Mo (der Vater) schickt Meggie weg, als er mit ihm redet, aber Meggie lauscht. Sie verseht nicht, von was die beiden da reden, aber landet trotz allem in einem recht großen Abenteuer.

Der Vater entpuppt sich als Zauberzunge, der Dinge und Personen aus Büchern heraus lesen kann. Er wird von einer Gestalt gesucht, die er selber mal aus einem Buch heraus gelesen hat, da diese noch eine weitere Gestalt aus dem Buch befreit haben möchte. - Der Vater weigert sich und Vater und Tochter können aus den Fängen der Gestalt fliehen.

Kurz darauf gerät Meggie in die Gefangenschaft dieser Gestalt. Gemeinsam mit dem Autor des Buches sitzt sie in einer Kammer gefangen. Als Meggie entdeckt, dass sie das Talent ihres Vaters geerbt hat, nimmt die Geschichte eine unerwartete Wende. Auf beiden Seiten ergeben sich vollkommen neue Perspektiven.

Leseprobe:

… „Da gibt es nicht viel zu erzählen.“ Meggie hörte Mos Stimme an, dass er nicht vorhatte, dem alten Mann die Wahrheit zu erzählen. „Ich restauriere Bücher. Ich leben von ihnen. Ihres habe ich vor etlichen Jahren in einem Antiquariat gefunden, ich wollte es neu binden und dann verkaufen, doch es gefiel mir so gut, dass ich es behielt. Und nun ist es mir gestohlen worden und ich habe vergebens versucht, ein neues zu kaufen. Eine Freundin, die sich sehr gut darauf versteht, seltene Bücher aufzutreiben, schlug mir schließlich vor, es beim Autor selbst zu versuchen. Sie war es auch, die mir Ihre Adresse besorgt hat. Und so fuhr ich hierher.“

Fenoglio wischte ein paar Kuchenkrümel vom Tisch. „Schön“, sagte er. „Aber das ist nicht die ganze Geschichte.“

„Wie meinen Sie das?“

Der alte Mann mustere Mos Gesicht, bis der den Kopf abwandte und aus dem schmalen Küchenfenster sah. „Ich meine damit, dass ich gute Geschichten auf viele Meilen Entfernung rieche, also versuchen Sie nicht, ein vor mir zu verstecken. Heraus damit. Sie bekommen auch noch ein Stück von dem fabelhaften angebohrten Kuchen.“

Paula zwängte sich auf Fenoglios Schoß. Sie schob ihm den Kopf unters Kinn und musterte Mo ebenso erwartungsvoll wie der alte Mann.

Aber Mo schüttelte den Kopf. „Nein, ich glaube, das lasse ich besser. Sie würden mir ohnehin kein Wort glauben.“

„Oh, ich glaube die verrücktesten Sachen!“,  widersprach Fenoglio, während er ihm ein Stück Kuchen abschnitt. „Ich glaube jede Geschichte, solange sie nur gut erzählt wird.“

Die Schranktür öffnete isch einen Spalt und Meggie sah, wie sich der Kopf eines Junges herausschob. „Was ist mit meiner Strafe?“, fragte er. Es musste Pippo sein, den Schokoladenfingern nach zu urteilen.

„Später“, sagte Fenoglio. „Jetzt habe ich erst mal anderes zu tun.“

Enttäuscht schob Pippo sich aus dem Schrank. „Du hast gesagt, du machst mir Knoten in die Nase.“

„Doppelknoten, Seemannsknoten, Schmetterlingsknoten, was immer du willst, aber erst muss ich diese Geschichte hören. Also stell noch ein paar Dummheiten an, bis ich Zeit habe.“

Pippo schob schmollend die Unterlippe vor und verschwand auf den Flur. Der keline Junge sprang ihm hastig nach.

Mo schwieg immer noch, stupste Kuchenkrümel von der schartigen Tischplatte und malte mit dem Zeigefinger unsichtbare Muster auf das Holz. „Es kommt jemand darin vor, dem ich versprochen habe, sie nicht zu erzählen“, sagte er schließlich.

„Ein schlechtes Versprechen wird nicht dadurch besser, dass man es hält“, sagte Fenoglio. „Zumindest steht es so in einem meiner Lieblingsbücher.“

„Ich weiß nicht, ob es ein schlechtes Versprechen war.“ Mo seufzte und blickte zur Decke hinauf, als wäre dort die Antwort zu finden. „Also gut, sagte er. „Ich erzähle es Ihnen. Aber Staubfinger wird mich umbringen, wenn er es erfährt.“

„Staubfinger? Ich habe mal eine Figur so genannt. Natürlich, einen der Gaukler im Tintenherz. Hab ihn im vorletzten Kapitel sterben lassen und geweint beim Schreiben, so rührend war das.“

Meggie verschluckte sich fast an dem Kuchenstück, das sie sich gerade in den Mund geschoben hatte, doch Feoglio fuhr ungerührt fort: „Ich habe nicht viele meiner Figuren sterben lassen, aber manchmal passt es einfach. Sterbeszenen sind nicht leicht zu schreiben, sie geraten einem allzu schnell schmalzig, doch die von Staubfinger ist mir damals wirklich gut gelungen.“

Bestürzt sah Meggie Mo an. „Er stirbt? Aber... wusstest du das?“

„Sicher. Ich habe die ganze Geschichte gelesen, Meggie.“

„Aber warum hast du es ihm nicht gesagt?“

„Er wollte es nicht hören.“

Fenoglio verfolgte ihren Wortwechsel mit verständnislosem Gesicht - und großer Neugier.

„Wer tötet ihn?“, fragte Meggie. „Basta?“

„Ah, Basta!“ Fenoglio schmunzelte. Jede seiner Falten füllte sich mit Selbstzufriedenheit. „Einer der besten Schurken, die ich mir je ausgedacht habe. Ein tollwütiger Hund, aber nicht halb so schlimm wie mein anderer dunkler Held: Capricorn. Basta würde sich für ihn das Herz herausreißen lassen, doch Capricorn wind solche Leidenschaften fremd. Er empfindet nichts, gar nichts, nicht mal die eigene Grausamkeit mach im Spaß. Ja, für Tintenherz sind mir wirklich ein paar finstere Gestalten eingefallen, und dann auch noch der Schatten, Capricorns Hund, wie ich ihn selbst immer nannte. Aber natürlich ist das eine sehr verniedlichende Beschreibung für so ein Ungeheuer.“ …