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Cornelia Funke - „Tintenblut“

ISBN: 978-3-7915-0488-9

Klappentext:

Meggie las zum hundertsten Mal den Abschiedsbrief an ihre Eltern:

Liebster Mo! Liebe Resa!

Bitte macht euch keine Sorgen. Farid muss Staubfinger finden, um ihn vor Basta zu warnen, und ich gehe mit ihm. Ich will gar nicht lange bleiben, ich will nur den Weglosen Wald sehen und den Speckfürsten, den Schönen Cosimo und vielleicht noch den Schwarzen Prinzen und seinen Bären. Ich will die Feen wiedersehen und die Glasmänner – und Fenoglio. ER wird mich zurückschreiben. Ihr wisst, dass er es kann. Macht euch keine Sorgen. Capricorn ist ja nicht mehr dort.

Bis bald, ich ich küsse euch tausendmal, Meggi

Inhalt:

Alles scheint wieder in Ordnung zu sein. Capricorn ist tot, Meggie hat ihre Mutter wieder und alle leben als glückliche Familie bei der „Bücherfresserin“.

Doch Staubfinger will noch immer in seine Geschichte zurück. Und der Käsekopf will es versuchen. Er hat Erfolg, jedoch hat Farid das Nachsehen. Sein treuer Freund ist weg.

Farid geht zu Meggie. Sie soll ihn in das Buch zu Staubfinger lesen. - Auch sie liest nicht nur Farid, sondern auch sich selber in das Buch. Doch die Geschichte ist schon lang nicht mehr so, wie sie Fenoglio seinerzeit geschrieben hat. Er lebt mittlerweile selber darin als Tintenweber. Mit seinem Geschichten verändert er sie. - Mit Meggie hat er eine weitere Hilfe. Mit ihr will er die Geschichte wieder verbessern.

Doch zu Hause wird die Tante von alten Bekannten bedroht. Der Käsekopf hat sich mit Mortola und Basta zusammen getan. So landen auch Vater und Mutter von Meggie in der Geschichte. Doch Meggie ihr Vater ist hier ein anderer, wird angeschossen und bringt unwissend die Spielleute in Gefahr.

Ein großes Durcheinander muss ausgebessert werden. Doch die Geschichte whrt sich gegen Fenoglios Worte und entwickelt ein Eigenleben. Und der Tod, den man eigentlich verhindern willte, der tritt dann doch ein...

Leseprobe:

… Fenoglio ging in seiner Kammer auf und ab. Sieben Schritte zum Fenster, sieben zurück zur Tür. Meggie war fort, und es gab niemanden, der ihm erzählen konnte, ob sie ihren Vater noch lebend angetroffen hatte. Was für ein abscheuliches Durcheinander! Immer wenn er gerade hoffte, alles wieder in den griff zu bekommen, passierte etwas, das nicht im Entferntesten in seine Pläne passte. Vielleicht gab es ihn tatsächlich irgendwo – den teuflischen Erzähler, der seine Geschichte weiter spann, der immer neue Wendungen gab, tückische unvorhersehbare Wendungen, seine Figuren herum schob wie Schachfiguren oder gar einfach neue auf das Schachbrett setzte, die nichts in seiner Geschichte zu suchen hatten.

Und Cosimo hatte immer noch keinen Boten geschickt! Nun ja, etwas mehr Geduld!, sagte Fenoglio sich, er ist immerhin gerade erst auf seinen Thron gestiegen, und es gibt sicherlich viel zu tun. All die Untertanen, die ihn sehen wollen, Bittsteller, Witwen, Waisen, seine Verwalter, Jagdaufseher, sein Sohn, seine Frau... „Ach was. Unfug! Mich – mich hätte er zuallererst rufen lassen müssen.“ Fenoglio stieß die Worte so aufgebracht aus, dass ihn der Klang seiner eigenen Stimme zusammenschrecken ließ. „Mich! Den Mann, der ihn zurück ins Leben geholt, der ihn überhaupt erst erschaffen hat!“

Er trat ans Fenster und blickte zur Burg hinüber. Am linken Turm wehte die Fahne der Natter. Ja, der Natternkopf war in Ombra, wie der Teufel musste er geritten sein, um sich seinen vom Tod zurückgekehrten Schwiegersohn höchstpersönlich anzusehen. Den Brandfuchs hatte er diesmla nicht mitgebracht, vermutlich plünderte und mordete der gerade andernorts für seinen Herrn, doch dafür strich der Pfeifer noch durch Ombras Gassen, immer ein paar Gepanzerte im Schlepptau. Was wollten sie noch hier? Hoffte der Natternkopf allen Ernstes, seinen Enkel doch noch auf den Thron zu setzen?

Nein, das würde Cosimo nicht zulassen.

Für einen Moment vergaß Fenoglio seine finstere Stimmung und ein Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. Ja, wenn er den Natternkopf doch nur hätte erzählen können, wer seine schönen Plöne zunichte gemacht hatte. Ein Dichter! Wie ihn das gewurmt hätte! Eine böse Überraschung hatten sie ihm bereitet, mit seinen Worten und Meggies Stimme...

Arme Meggie. Armer Mortimer.

Wie flehend sie ihn angesehen hatte. Und was für ein Schmierentheater er ihr vorgespielt hatte! Aber wie hatte das arme Ding auch nur glauben können, dass er ihrem Vater mit ein paar Wörtern helfen konnte, wo er ihn doch nicht einmal hergebracht hatte! Ganz abgesehen davon, dass er nicht eins seiner Geschöpfe war. Aber dieser Blick von ihr! Er hatte es einfach nicht übers Herz gebracht, sie ganz ohne Hoffnung ziehen zu lassen!

Rosenquarz saß auf dem Schreibpult, die durchsichtigen Beine verschränkt, und warf Brotkrumen nach den Feen.

„Hör auf damit!“, fuhr Fenoglio ihn an. „Willst du, dass sie dich wieder bei den Beinen nehmen und versuchen, aus dem Fenster zu werfen? Glaub mir, diesmal werde ich dich nicht retten. Ich werde dich nicht mal zusammenfegen, wenn du als ein Häufchen Scherben da unten im Schweinemist liegst. Soll der Abfallmann dich ruhig auf seinen Karren kehren.“

„Ja, ja, lass deinen Ärger ruhig an mir aus!“ Der Glasmann kehrte ihm den Rücken zu. „Dadurch ruft Cosimo dich trotzdem nicht schneller zu sich!“

Damit hatte er leider Recht. Fenoglio trat ans Fenster. Unten in den Gassen hatte sich die Aufregung über Cosimos Rückkehr gelegt, vielleicht hatte auch die Anwesenheit des Natternkopfes sie gedämpft. Die Leute gingen wieder ihrem Gewerbe nach, die Schweine stöberten in den Abfällen, Kinder jagten sich zwischen den eng stehenden Häusern, und ab und zu bahnte sich ein berittener Soldat seinen Weg durch das Gedränge. Soldaten sah man eindeutig mehr als sonst, offenbar ließ Cosimo sie im Ort patrouillieren, vielleicht um zu verhindern, dass die Gepanzerten noch einmal seine Untertanen nieder ritten, nur weil sie einen im Weg standen. Ja, Cosimo wird alles richten!, dachte Fenoglio. Er wird ein guter Fürst, soweit es so etwas geben kann. Wer weiß, vielleicht erlaubte er den Spielleuten sogar schon bald wieder, auch an gewöhnlichen Markttagen in die Stadt zu kommen.

„Genau. Das wird mein erster Ratschlag sein. Er soll die Spielleute wieder hereinlassen“, murmelte Fenoglio. „Und wenn er mich bis heute Abend nicht holen lässt, dann gehe ich ohne Einladung zu ihm. Was bildet der undankbare Kerl sich ein? Glaubt er, es geschieht alle naselang, dass jemand von den Toten zurückgeholt wird?“ ...