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Paulo Coelho - „Der Dämon und Fräulein Prym“

ISBN: 3-257-06282-6

Klappentext:

Ein Ort in den Pyrenäen, gespalten von Habgier, Feigheit und Angst. Ein Mann, der von den Dämonen seiner schmerzvollen Vergangenheit nicht loskommt. Eine junge Frau auf der Suche nach ihrem Glück. Sieben Tage, in denen das Gute und das Böse sich einen erbitterten Kampf liefern und in denen jeder für sich entscheiden muß, ob er bereit ist, für seinen Lebenstraum etwas zu riskieren und sich zu ändern.

Inhalt:

Ein Fremder steigt in Bescos ab. Mit gefälschten Daten trägt er sich in die Anmeldepapiere des Hotels ein.

Als er Chantal im Wald trifft, macht er ihr nicht die erhofften Avancen, sondern stellt eine höchst seltsame Forderung mit einer Frist von sieben Tagen. Die Belohnung ist höchst verlockend, aber die Forderung zu erfüllen würde bedeuten eines der zehn Gebote zu brechen.

Chantal zögert länger ehe sie den Leuten des Dorfes die Geschichte erzählt. Doch als sie es dann getan hat, gibt es unter den Dorfbewohnern eine seltsame Veränderung. Das vertraute Gefühl untereinander ist weg. Chantal fühlt sich mehr und mehr unwohl in ihrer Haut und will mit ihrer Belohnung das Dorf verlassen.

Nicht nur Chantal kämpt einen Kampf mit sich selber, sondern auch all die anderen Dorfbewohner. Jeder zeigt hier so seine eigenen Antriebe und Gelüste.

Am Ende gelangt das Dorf mit Hilfe von Chantal zu einer Entscheidung. Und für Chantal tun sich endlich die Möglichkeiten auf, die sie sich vom Leben schon immer erhofft hat.

Leseprobe:

… Keiner zwang sie, hinunterzugehen und Brot zu kaufen. Heute mußte sie erst am Abend wieder zur Arbeit und konnte so lange im Bett bleiben, wie sie wollte. Doch etwas hatte sich verändert. Sie brauchte den Kontakt zu den anderen, um nicht ganz verrückt zu werden. Sie wollte die anderen treffen, die sich jetzt um den kleinen grünen Lieferwagen drängten und fröhlich ihr Kleingeld hinstreckten, weil ein neuer Tag begann und sie etwas zu tun und zu essen bekamen.

Sie ging hinunter, begrüßte alle und mußte sich Bemerkungen anhören wie >Du siehst aber üde aus< oder >Ist etwas passiert?< Sie meinte es gut mit ihr und boten ihr großzügig Hilfe an. Der weil lag ihre Seele in einem pausenlosen Kampf um Träume, Abenteuer, Angst und Macht. Wie gern hätte sie ihr Geheimnis mit den anderen geteilt, doch wenn sie es auch nur einer einzigen Person sagte, wußte es der Rest des Ortes, noch ehe der Vormittag um war. Da nahm sie die freundliche Anteilnahme lieber danke an und wartete, bis sie ihre Gedanken etwas geordnet hatte.

„Es ist nichts weiter. Ein Wolf hat die ganze Nacht geheult und mich nicht schlafen lassen.“

„Ich habe keinen Wolf heulen hören“, sagte die Hotelbesitzerin, die auch gerade ihr Brot kaufte.

„Seit Monaten war kein Wolf mehr in der Gegend“, stimmte ihr die Frau aus dem Laden neben der Bar zu. „Die Jäger haben sie fast ausgerottet. Um so schlimmer für uns, denn seither finden die Jäger die Wolfsjagd erst recht spannend. Sie lieben diesen nutzlosen Wettstreit: Wer schafft es, das schwierigste Tier zu töten?“

„Sagen Sie bloß nicht laut, daß keine Wölfe mehr in der Gegend sind, solange der Bäcker da ist“, gab Chantals Chefin leise zurück. „Wenn das bekannt wird, kommt womöglich gar niemand mehr nach Bescos.“

„Aber ich habe einen Wolf gehört.“

„Das wird der verfluchte Wolf gewesen sein“, meinte die Bürgermeistersfrau. Chantal mochte sie nicht besonders, war aber so wohlerzogen, ihre Gefühle nicht zu zeigen.

„Es gibt keinen verfluchten Wolf, und damit basta“, zischte die Hotelbesitzerin. „Das war irgendein Wolf, und wahrscheinlich ist er inzwischen tot.“

Die Bürgermeistersfrau gab sich noch nicht geschlagen. „Ob es ihn nun gibt oder nicht, wir alle wissen, daß heute nacht kein Wolf geheult hat. Sie lassen das Mädchen bis in die Puppen arbeiten, sie ist einfach erschöpft und bekommt vor lauter Müdigkeit bereits Halluzinationen.“

Chantal überließ die beiden ihrem Streit, nahm ihr Brot und entfernte sich.

>Nutzloser Wetttstreit< dachte sie und erinnerte sich an die Bemerkungen der Lebensmittelhändlerin. So betrachteten sie das Leben: als unnötigen Wettstreit. Sie hätte beinahe an Ort und Stelle den Vorschlag des Fremden preisgegeben, nur um zu sehen, wie diese bequemen und im Geiste armen Menschen einen wirklich nützlichen Wettstreit begannen. Für ein einfaches Verbrechen zehn Goldbarren, die die Zukunft ihrer Kinder und Kindeskinder und Bescos neuerlichen Ruhm – mit oder ohne Wolf – sicherten.

Aber sie hielt sich im Zaum. Gleichzeitig beschloß sie, die Geschichte noch am selben Abend in der Bar zu erzählen, vor allen, so daß keiner sagen konnte, er habe sie nicht gehört und nicht verstanden. Womöglich würden sie sich dann auf den Fremden stürzen und ihn direkt zur Polizei bringen und ihr so die Freiheit geben, ihren Goldbarren als Belohnung für die der Gemeinschaft geleistete Arbeit zu nehmen. Vielleicht würden sie es aber einfach nicht glauben, und der Fremde würde in der Überzeugung fortgehen, alle seien gut – was nicht der Wahrheit entsprach.

>Alle sind so ignorant, naiv, angepaßt. Alle glauben nicht an Dinge, die sie zu glauben nicht gewohnt sind. Alle haben Angst vor Gott. Wir alle – auch ich – sind in dem Augenblick feige, in dem wir unser Leben ändern können. Wahre Güte jedoch gibt es nicht. Weder auf Erden bie den fiegen Menschen noch im Himmel des Allmächtigen Gottes, der Leid aussäht, wie es gerade kommt, nur damit wir ihn ein Leben lang bitten, uns von dem Bösen zu erlösen.<

Es war kälter geworden, und Chantal hatte drei Nächte nicht geschlafen; doch als sie ihr Frühstück bereitete, fühlte sie sich besser denn je. Sie war nicht der einzige feige Mensch. Vielleicht war sie sich als einzige ihrer Feigheit bewußt, weil die anderen das Leben einen „unnötigen Wettkampf“ nannten und ihre Angst mit Großzügigkeit verwechselten.

Unwillkürlich mußte sie an einen Mann denken, der in der Apotheke im Nachbarort gearbeitet und nach zwanzig Jahren seine Stelle dort verloren hatte: Er hatte nicht einmal eine Abfindung verlangt, angeblich, weil er mit den Besitzern befreundet war und sie nicht verletzen wollte, weil die Kündigung aufgrund einer finanziellen Notlage erfolgt war. Alles Lüge: Der Mann war nicht vor Gericht gegangen, weil er zu feige war und um jeden Preis geliebt werden wollte, seine Arbeitgeber sollten ihn unbedingt als einen großzügigen und verständnisvollen Menschen in Erinnerung behalten. Als er später zu ihnen ging, ums ich Geld von ihnen zu leihen, schlugen sie ihm die Tür vor der Nase zu, aber da war es bereits zu spät. …