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Jostein Garder - „Durch einen Spiegel, in einem dunklen Wort“

ISBN: 3-42362-033-1

Klappentext:

Weihnachtsabend - Cecile liegt krank im Bett, dabei würde sie viel lieber mit ihrer Familie unten im Wohnzimmer feiern. Ihr einziger Trost: ihr redseliger kleiner Bruder Lasse, der sie über sämtliche Weihnachtsvorbereitungen informiert. Cecile ist nicht nur ein bisschen krank, sie hat nicht mal mehr die Kraft, in ihr kleines chinesisches Tagebuch zu schreiben. Trotz ihrer Krankheit wünscht sie sich von ihren Eltern zu Weihnachten Skier. Die alten sind viel zu kurz. Nach der Bescherung, zu der ihr Vater sie heruntergetragen hat, sinkt sie erschöpft ins Bett zurück, als sie plötzlich eine Stimme hört: Ariel heißt er und behauptet ein Engel zu sein. Mit ihm gemeinsam beginnt Cecile über Dinge nachzudenken. Cecile erklärt Ariel, wie eine Marzipanerdbeere schmeckt und Ariel berichtet, dass Engel schon immer dagewesen sind. So sieht sich Cecile zum ersten Mal in ihrem Leben herausgefordert, ihre Existenz in der Welt zu durchdenken. Und als sie mit ihm eines Tages auf ihrer Fensterbank sitzt, findet sie es seltsam, sich selbst auf dem Bett liegen zu sehen. Und doch findet sie sich auch schön.

Inhalt:

In der Weihnachtsnacht passieren wirklich viele wundersame Dinge. Und so ist es auch für die kranke Cecilie, die in eben jener Nacht Besuch von Ariel bekommt. Ihr Engel gibt sich ihr erst zu erkennen, als es im Haus ruhig geworden ist und die beiden allein sind. Sie unterhalten sich über allerlei philosophische Dinge.

Später macht Ariel mit ihr Ausflüge. In das weihnachtliche Wohnzimmer, ins Tal beim Haus, um die neuen Skier auszuprobieren und dann noch einmal, um den Schlitten zu testen.

Cecilie hat Spaß und empfindet es am Ende als Geschenk, als auch sie fliegen und auf dem Fensterbrett sitzen kann.

Leseprobe:

...„Ich frage ja nur“, beteuerte er. „Obwohl wir gesehen haben, wie die Menschen kommen und gehen, wissen wir nicht genau, was für ein Gefühl das ist, aus Fleisch und Blut zu sein.“

Cecilie wand sich im Bett. Ariel ließ aber nicht locker. „Ist es nicht wenigstens ein bißchen scheußlich, so mißtrauisch zu sein?“

„Noch scheußlicher dürfte es sein, einer Kranken voll ins Gesicht zu  lügen!“

Er schlug sich die Hand vor den Mund und keuchte erschrocken. „Engel lügen nicht, Cecilie!“

Nun war sie diejenige, die nach Luft schnappte. „Bist du wirklich ein Engel?“

Er nickte nur kurz – so als ob das nun wirklich kein Grund zum Protzen sei. Cecilie war jetzt ein bißchen kleinlaut. Erst nach einigen Sekunden sagte sie: „Ich habe mir so etwas schon die ganze Zeit gedacht, ehrlich. Aber ich habe mich nicht getraut zu fragen. Ich hätte mich ja auch irren können. Ich weiß nämlich nicht, ob ich überhaupt an Engel glaube.“

Diese Behauptung fegte er mit großer Geste beiseite. „Ich finde, das Spiel sollten wir uns schenken. Stell dir vor, ich würde sagen: Ich weiß nicht, ob ich an dich glaube. Dann könnten wir doch unmöglich beweisen, wer von uns recht hat.“

Wie um zu demonstrieren, daß er ein gesunder und zurechnungsfähiger Engel sei, sprang er von der Fensterbank auf den Schreibtisch und lief au der Tischplatte hin und her. Zweimal schien er das Gleichgewicht zu verlieren und auf den Boden zu fallen, aber in letzter Sekunde fing er sich jedesmal wieder. Einmal schien er sich sogar zu fangen, als es dafür eigentlich schon zu spät war.

„Ein Engel bei mir im Haus“, murmelte Cecilie vor sich hin, als wäre es der Titel von einem Buch, das sie gelesen hatte.

„Wir nennen uns einfach nur Gotteskinder“, erwiderte Ariel.

Sie blickte zu ihm hoch. „Du dich zumindest. ..“

„Wie meinst du das?“

Cecilie versuchte sich im Bett etwas mehr aufzurichten, sank aber schwer zurück auf ihr Kissen. „Du bist doch bloß so ein Engelkind“, sagte sie.

Er lachte ein lautloses Lachen.

„Was ist daran so lustig?“

„Engelkind. Findest du das kein lustiges Wort?“

Cecilie wußte nicht, warum sie das Wort überhaupt nicht lustig fand. „Du bist ja wohl kein erwachsener Engel“, sagte sie. „Also mußt du ein Engelkind sein.“

Wieder lachte Ariel, diesmal etwas lauter. „Engel wachsen nicht auf Bäumen“, sagte er. „Wir wachsen überhaupt nicht, deshalb werden wir auch nicht erwachsen.“

„Ich glaub, gleich fall ich in Ohnmacht“, rief Cecilie.

„Wie schade, jetzt, wo wir schon so weit gekommen sind.“

„Aber ich dachte, Engel wären immer erwachsen“, beharrte sie.

Ariel zuckte mit den Schultern. „Ist nicht dein Fehler. Du kannst ja nur raten, was es auf der anderen Seite gibt.“

„Soll das heißten, es gibt überhaupt keine erwachsenen Engel?“

Er lachte ein perlendes Lachen. Cecilie mußte an Lasses Klicker denken, wenn die über den Küchenboden kullerten. Aber jetzt brauchte sie wenigstens nicht beim Aufsammeln helfen.

„Also gibt es keinen einzigen erwachsenen Engel“, stellte sie fest. „Von mir aus gern, nur gibt es danna uch keinen einzigen echten Pastor. Pastoren behaupten nämlich ständig, es wimmele nur so von erwachsenen Engeln im Himmel.“

Einen Moment war es ganz still, dann zeigte der Engel Ariel mit eleganter Geste ins Zimmer. „Es wimmelt nur so von erwachsenen Engeln im Himmel““ rief er. „Es wimmelt!“

Als Cecilie nicht sofort etwas sagte, fügte er hinzu: „ES ist ganz toll, mit dir zu reden, Cecilie!“

Sie nagte an ihrem Daumen. Dann rutschte ihr die Bemerkung heraus: „Ich wüßte ja gern, was das für ein Gefühl ist, erwachsen zu sein.“

Ariel setzte sich auf den Schreibtisch und baumelte mit den nackten Beinen. „Möchtest du darüber reden?“

Sie blieb liegen und starrte die Decke an. „Mein Lehrer sagt, Kindheit ist nur eine Station auf dem Weg zum Erwachsensein. Deshalb müssen wir unsere Hausaufgaben machen und uns auf das Erwachsenenleben vorbereiten. Ist das nicht bescheuert?“

Ariel nickte. „In Wirklichkeit ist es genau umgekehrt.“

„Wie bitte?“

„Erwachsensein ist nur eine Station auf dem Weg zur Geburt neuer Kinder.“

Cecilie dachte erst einmal nach, ehe sie antwortete: „Aber die Erwachsenen sind zuerst erschaffen worden. Wenn nicht, gäbe es keine Kinder.“ ….