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Gustav Just - „Zeuge in eigener Sache“

ISBN: 3-371-00301-9

Klappentext:

„Es ist eine Schande, daß vier Jahre nach Stalins Tod und ein ganzes Jahr nach dem XX. Parteitag in der DDR stalinistische Schauprozesse stattfanden. Vorher nicht. Früher waren auch Prozesse, zum Beispiel gegen Paul Merker und andere, geführt worden, aber es waren Geheimprozesse. Stalinistische Schauprozesse, und ich sage bewußt stalinistisch, denn sie wurden nach dem bewährten Muster gestrickt, waren neu. Daß sie nicht ganz aufgingen, ist der Tatsache zu verdanken, daß sich weder Janka noch Zöger, Wolf oder ich schuldig bekannten. Unsere Rechtsanwälte, Mitglieder der SED, hatten mit guten Argumenten auf Freispurch plädiert. Juristisch war diese Anklage nicht haltbar. Der Trick der stalinistischen Schauprozesse bestand deshalb darin, die Tendenz all dessen, was wir sagten, umzufälschen.“

So Gustav Just im SONNTAG. Zu seinem unmittelbaren Anliegen äußerte er sich gegenüber DER MORGEN: „Mir geht es darum, ein Kapitel unserer Geschichte aufzuhellen, weil ich darin die Chance sehe, daß sich so etwas nicht wiederholt. Man darf auf keinen Fall mehr Andersdenkende oder auch Querdenker kriminalisieren. Politsiche Differenzen dürfen nur mit politischen Mitteln gelöst werden. Dafür sind weder Staatssicherheit noch eine Polizei oder ein Gericht zu ständig.“

Inhalt:

Gustav Just führt in tiefsten DDR-Zeiten ein Tagebuch. Ein Tagebuch, was bei seiner Entdeckung richtig gefährlich werden kann. Aber genau dieses Tagebuch ist hier in Buchform erschienen.

Zunächst lies man Einträge von Gustav Just aus den 50er Jahren. Er schreibt von seinem Leben, von seiner Arbeit bei der Zeitung „Der Sonntag“ und von der politischen Situation im Land und der Gefahr, die das birgt. Das Ganze ist mit Kommentaren aus den 90er Jahren vesehen. Die, die laso für die Veröffentlichung hinzugefügt worden sind.

Weiterhin sind noch Erfahrungen aus der Haftzeit dabei. Er erzählt, wie er den Prozess erlebt hat und spart nicht mit eigenen Gedanken oder zynischen Bemerkungen.

Im Anhang finden sich noch ein Artikel aus dem SONNTAG vom 21.10.1956, eine Aktennotiz und ein Schreiben von Eda Werfel.

Leseprobe:

19.7.1962 Ückeritz. Fünf Jahre später! Das gleiche Buch, das gleiche Thema, der gleiche Mann, der seine Gedanken und seine Erlebnisse niederschreibt. Der gleiche Mann?

Ein Tag am Strand der Ostsee liegt hinter mir, Sand, Sonne, blaues Meer, gesunde, fröhliche Menschen. Sie bräunen ihre Leiber und kühlen sich in dem salzigen klaren Wasser ab. Sie lachen und flirten, und das taten sie auch in den Sommerjahren 1957 bis 4960. Mir aber wurden diese Sommer gestohlen. Wir Sommer meines Lebens verbrachte ich in Ulbrichts Zuchthäusern, viermal erlebte ich mit meinem Herzen, das vor Sehnsucht schmerzte, den Frühling hinter Gittern. Viermal den Herbst, die drei Winter lang konnte ich vom Skifahren nur träumen. Vier Jahre Zuchthaus, lautete das Urteil des Obersten Gerichts, und diese barbarische Terrorstrafe wurde mir zudiktiert wegen angeblicher Zugehörigkeit zur sogenannten Harich-Gruppe, wegen konterrevolutionärer, staatsfeindlicher Tätigkeit. 45 Monate von den 48 ließ man mich absitzen, dann kam ich durch eine Amnestie des Herrn Ulbricht frei. Seine Wohltaten sind noch unerträglicher als sein Mißhandlungen.

Seit dem 30. November 1960 bin ich also wieder in Freiheit. Das Buch lag inzwischen wohlversteckt bei meinen Eltern. Wenn es den Schnüfflern vom SSD in die Hände gefallen wäre“ Auch nach meiner Entlassung wagte ich noch nicht, es zu mir zu nehmen. Konnte ich sicher sein, daß nicht eines Abends wieder ein paar Kerle mit kalten Visagen in meiner Wohnung erschienen, das Oberste zuunterst kehrten und mich mitnähmen? Jetzt wage ich es. Warum?

Am Strand erzählte mir jemand vor Tagen einen Witz. Die DDR wird umbenannt in AGR – Anton-Günther-Republick: `s is Feierohmt! Ja, irgendwie ist Feierabend mit dem stalinistischen Regime. Die Ulbricht-Ära geht zu Ende. Viel zu spät für meine Begriffe. Viel zuviel Schaden hat dieser Mann der Arbeiterbewegung, der revolutionären Partei und Deutschland zugefügt. Scheinbar sitzt er auch jetzt noch fest auf dem Thron, als Alleinherrscher gefürchtet und gehaßt, umgeben von ihm bedingungslos ergebenen Kreaturen. Aber selbst im kommunistischen Lager ist die Entwicklung über die Ulbrichts hinausgegangen, und daß er noch regiert, ist ein schwer begreifbarer Anachronismus.

Das Fazit seiner Politik: eine ruinierte Wirtschaft, eine stagnierende und rückläufige Landwirtschaft, verbitterte Arbeiter, Bauern und Intellektuelle, Lethargie und Resignation in der Bevölkerung, Passivität und prinzipienloser Karrierismus in der Partei, Ablehnung dieses Systems durch die Masse des deutschen Volkes. Er muß die Grenzen bewachen lassen, wie noch die  deutsche Grenzen bewacht wurden, er muß eine Mauer und Stacheldraht quer durch Berlin ziehen, damit ihm nicht die Leute restlos davonlaufen. Was muß eigentlich noch geschehen, bis sich der ehrliche Kern der Partei aufrafft und sagt: Dieser Mann und seine Helfer müssen weg!

Manchmal zweifle ich daran, daß sie, jahrelang korrumpiert und niedergehalten, noch die Kraft finden wird, sich von dem Übel zu befreien. Manchmal scheint es mir, das Gewissen der Partei, verkörpert in den Blutopfern, die sie im Kampf für die Befreiung der Arbeiterklasse brachte, sie tot, erstickt unter dem breiten Hintern dieses Mannes, der sich an die Spitze gedrängt hat. Aber irgendwo, rational nicht begründbar, lebt der Glaub in mir, die Stunde werde kommen, daß Recht, Moral und Anstand triumphieren. Und das muß, wenn es geschen soll, bald geschehen. Deshalb bin ich nach meiner Haftentlassung hier geblieben und nicht das andere Deutschland gegangen. Deshalb habe ich jetzt das Buch wieder an mich genommen und setzte meine Aufzeichnungen fort.

Kein leichtes Unterfangen. Ich will wahrheitsgetreu und ohne Beschönigung festhalten, wie ich die fragliche Zeit erlebte. Aber der Mensch sieht seine eigenen Vergangenheit durch das Prisma seiner gegenwärtigen Anschauungen. Und da hat sich bei mir im Vergleich zu 1956/57 viel gewandelt. Hohenschönhausen, Lichtenberg, Bautzen – das waren meine Hochschulen. Der führer Just kommt mir wie ein dummer Junge vor. Aber das war er natürlich nicht. Er machte manches Guteund manchen Fehler, aber stets folgte er seiner echten Überzeugung, ohne Rückgedanken an Strafe oder Belohnung. Ich muß der Gefahr entgehen, heutige Erkenntnisse in meine damaligen Handlungen hineinzuprojizieren. Wir hingen manchen Illusionen nach, aber in der Perspektive dachten wir richtig. Vielleicht kamen wir mit manchem zu früh, aber solche Menschen muß es immer geben.

Juli 1989 Wie diese Tagebuchnotizen zeigen, hatte sich in dieser Beziehung nicht viel bei mir geändert. Die Einschätzung der Lage und der Perspektive war richtig, aber die Hoffnungen rechneten nicht mit der langen Zeit, die solche Veränderungen brauche. Ulbricht saß noch lange im Sattel, und seine Nachfolger setzen seine Politik cum grano salis fort. Nichts hat sich bie sheute wesentlich in der Politik der SED geändert, dennoch ist die DDR nicht zusammengebrochen. Und immer noch – heute viel stärker – steht die objektive Notwendigkeit vor der Tür, radikale Reformen durchzuführen. …