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Astrid Lindgren - „Die Brüder Löwenherz“

ISBN: 3-789-12941-0

Klappentext:

Jeden Abend erzählt Jonathan seinem kleinen Bruder Krümel vom Land Nangijala - dem Land der Sagen und der Märchen. Nangijala ist das Land, in das die Menschen nach dem Tode kommen. Und bald ist es soweit - Jonathan und Krümel treffen sich in dem geheimnisvollen Paradies, in dem alle Menschen friedlich zusammen leben. Doch das Leben in Nangijala wird von einem grausamen Tyrannen bedroht - und damit beginnt ein aufregendes Abenteuer für die Brüder Löwenherz Astrid Lindgrens fantastischer Abenteuerroman für Kinder wurde vielfach ausgezeichnet und u. a. für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

Inhalt:

Jonathan Löwenherz, er hilft seiner Mutter, wo er nur kann und abends erzählt er seinem kranken Bruder von Nangilaja. Das Land, in dem er nach seinem Tod leben wird. - Doch als das Haus brennt, rettet Jonathan zwar seinen kleinen Bruder, reist dabei aber selber nach Nangilaja.

Krümel bleibt mit seiner Mutter allein zurück, erliegt aber auch irgendwann seiner Krankheit. In Nangilja trifft er dann auf seinen Bruder, kann alles das machen, was er vor seinem Tod nicht konnte und ist mit seinem Leben eigentlich rundum zufrieden. Das Leben im Kirschtal ist einfach herrlich. - Doch leider haben die Bewohner des Heckenrosentales Probleme. Tengil belagert das Tal und bedroht und beutet die Leute aus.

Jonathan zieht eines Tages aus, um bei der Befreiung des Tales zu helfen. Doch die Gerüchte machen Krümel fast wahnsinnig. Er träumt davon, dass Jonathan um Hilfe ruft und macht sich auch auf den Weg. Gemeinsam erleben die beiden ein großes Abenteuer. An deren Ende müssen sich die Brüder Löwenherz von Nangijala verabschieden. Denn sie reisen gemeinsam nach Nangilima.

Leseprobe:

… „Ja“, sagte Jonathan. „Wie hätte ich sonst zu dir kommen können? Nur Sophias Tauben können durch die Himmel fliegen, in jede Ferne.“ Die Tauben umgaben Sophia wie eine weiße Wolke, ganz still stand sie dort inmitten der flatternden Flügel. Genauso sieht wohl eine Taubenkönigin aus, dachte ich. Erst jetzt erblickte Sophia uns. Sie begrüßte uns freundlich, wie sie es immer tat, doch froh war sie nicht. Richtig traurig war sie, und sie sagte sofort leise zu Jonathan: „Gestern abend fand ich Violantat tot mit einem Pfeil in der Brust. Oben in der Wolfsschlucht. Und die Botschaft war fort.“ Jonathans Augen wurden dunkel. Nie hatte ich ihn so gesehen, noch nie so verbittern. Ich erkannte ihn kaum wieder! Auch seine Stimme nicht. „Dann ist es so, wie ich vermutet habe“, sagte er. „Wir haben einen Verräter im Kirschtal.“ „Ja so muß es wohl sein“, sagte Sophia. „Ich habe es bisher nicht glauben wollen. Aber jetzt sehe ich ein, daß es nicht anders sein kann.“ Ihr war anzumerken, wie traurig sie war, und doch wandte sie sich mir zu und sagte: „Komm, Karl, ich will dir wenigstens zeigen, wie es bei mir aussieht.“

Sie lebte auf dem Tulipahof allein mit ihren Tauben und ihren Bienen und ihren Ziegen und einem Garten so voller Blumen, daß man kaum hindurchkommen konnte. Während Sophia mich herumführte, machte Jonathan sich daran, zu graben und Unkraut zu jäten, wie man es im Frühling in Gärten eben tun muß.

Ich schaute mir alles an, Sophias viele Bienenkörbe, ihre Tulpen und Narzissen und ihre neugierigen Ziegen. Aber die ganze Zeit über mußte ich an diese Violanta denken, wer sie auch sein mochte, die oben in den Bergen erschossen worden war.

Wir kehrten bald wieder zu Jonathan zurück. Er kniete dort und jätete, und er  hatte schon ganz schwarze Finger bekommen.

Sophia sah ihn bekümmert an und sagte: „Hör mal, mein kleiner Gärtnerbursche, ich glaube, du mußt dich bald an eine andere Arbeit machen.“ „Ich verstehe“, sagte Jonathan.

Die arme Sophia, sie war wohl sehr beunruhigt, mehr als sie sich anmerken lassen wollte. Forschend blickte sie zu den Bergen hinauf und sah dabei so besorgt aus, daß auch ich unruhig wurde. Wonach spähte sie aus? Auf wen wartete sie? Ich sollte es bald erfahren. Denn plötzlich sagte Sophia: „Dort kommt sie! Gott sei Dank, da ist Paloma!“ Eine ihrer Tauben kam angeflogen. Anfangs sah man sie nur als kleinen Punkt oben im Gebirge, doch bald war sei bei uns, und sie landete auf Sophias Schulter. „Komm, Jonathan!“ rief Sophia ungeduldig. „Ja, aber Krümel – ich meine Karl“, sagte Jonathan. „Er muß wohl jetzt alles erfahren, nicht?“ „Gewiß“, antwortet Sophia. „Beeilt euch und kommt mit, ihr beide!“

Mit der Taube auf der Schulter lief Sophia vor uns ins Haus. Sie führte uns in eine kleine Kammer neben der Küche, und dort verriegelt sie die Tür und schloß die Fensterläden. Sie wollte wohl ganz sicher sein, daß niemand hören und sehen konnte, was wir tateten

„Paloma, meine Taube“, sagte Sophia. „Bringst du uns heute bessere Botschaft als beim letztenmal?“ Sie steckte die Hand unter einen Flügel und zog eine kleine Kapsel hervor. Daraus nahm sie einen zusammengerollten Zettel, genau so einen, wie ihn Jonathan damals aus dem Korb genommen und im Schrank versteckt hatte.

„Lies!“ sagte Jonathan. „Lies schnell, schnell!“

Sophia las und schrie leise auf. „Sie haben auch Orwar erwischt“, sagte sie. „Jetzt gibt es dort niemanden mehr, der wirklich etwas tun kann.“ Sie reichte Jonathan den Zettel, und nachdem er ihn gelesen hatte, wurden seine Augen noch dunkler. „Ein Verräter im Kirschtal“, sagte er. „Was glaubst du, wer es ist? Wer kann so schlecht sein?“ „Ich weiß es nicht“, sagte Sophia.“Noch nicht. Doch gnade ihm Gott, wenn ich es herausfinde!“ Ich hörte zu und begriff nichts.

Sophia seufzte, und dann sagte sie: „Erzähle es Karl. Inzwischen mache ich euch Frühstück“ Und dann ging sie in die Küche.

Jonathan setzte sich mit dem Rücken zur Wand auf den Fußboden, blieb eine Weile stumm so sitzen und schaute auf seine erdigen Finger.

Schließlich sagte er: „Also hör zu! Jetzt, wo Sophia es erlaubt hat, kann ich es dir erzählen.“

Vieles hatte er mir von Nangijala erzählt, schon bevor ich hierherkam und auch später, aber nichts vor dem vergleichbar, was ich jetzt in Sophias Kammer zu hören bekam. „Du weißt doch noch, was ich damals gesagt habe“, begann er. „Daß nämlich das Leben hier im Kirschtal leicht und einfach ist. So ist es gewesen, und so könnte es  noch immer sein, aber so ist es kaum mehr. Denn wenn das Leben drüben in dem anderen Tal schwer und bedrückend wird, dann wird es auch hier im Kirschtal schwer, verstehst du?“ „Gibt es denn noch ein zweites Tal?“ fragte ich. Und da erzählte Jonathan mir von Nangijalas beiden grünen Tälern, die so schön in Nangijalas Bergen liegen, dem Kirschtal und dem Heckenrosental. Die hohen, wilden Berge, die diese Täler umschließen, seien schwer zu überwinden, falls man die schmalen, gewundenen Pfade nicht kenne, sagte Jonathan. …