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Hans Kruppa - „Das Zauberbuch“

ISBN: 3-92202-815-2

Klappentext:

Manche Bücher üben bekanntlich auf ihre Leser eine geradezu magische Anziehungskraft aus. Doch wer hat schon einmal von einem Buch gehört, das über wirkliche magische Kräfte verfügt. Hier wird von einem solchen Zauberbuch geschrieben von einem alten Weisen zu einer Zeit, als die Welt noch voller Geheimnisse war. Als dieses Buch in einem kleinen Tempel der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird, geschehen auf einmal seltsame und merkwürdige Dinge. Viele Menschen verändern sich und ihr Leben nach einem Blick in dieses Buch. Andere versuchen es zu rauben oder damit das Geschäft ihres Lebens zu machen. Doch immer weiß das Buch auf wundersame Weise verblüffende Antworten zu geben.

Inhalt:

Der alte Mann, der einsam im Wald gelebt hat, ist verstorben. Er hinterlässt seinen Jüngern ein kleines, weißes Buch, welches dem Wahrheitssuchenden die Antwort auf seine Fragen gibt.

Die Jünger lassen einen Tempel bauen. Klein, aber ganz aus Marmor. Hier sollen alle in Ruhe in dem Buch lesen können.

Es kommt, wie es in der Natur der Menschen liegt. Es wird versucht, das Buch zu stehlen. Der erste Versuch misslingt, doch der habgierige Sultan kann sich das Buch durch einen Trick aneignen. - Jedoch stellen ihn die Antworten des Buches nicht zufrieden.

Doch dann lernt er die Macht des Wichtigsten im Leben kennen und spüren.

Leseprobe:

… Mikuras Vater war es recht so, denn seine Tochter war sein Augenstern, der wichtigste Lebensinhalt nach dem Tode seiner geliebten Frau. Seine größte angst war, daß sie ihn eines Tages verlassen könne, um einem Mann zu folgen – einem, der ihre Liebe zu erwecken verstand. Doch es sah ganz danach aus, als zöge sie das luxuriöse Leben an der seite ihres Vaters, umgeben von Zofen und Dienern, jeder anderen Lebensführung vor. Denn manchen der Männer, die um sie warben, fehlte es, weiß Gott, nicht an Tugenden und Vorzügen.

Mikura betrat die erste Stufe. Ihr Blick begegnete den Augen des Tempeldieners Makunda, und es schien ihr, als lese sie Missfallen darin.

„Möchtest du nicht, daß ich den Tempel betrete?“, fragte sie leise.

Makunda zögerte einen Moment mit der Antwort. „Jeder darf den Tempel betreten“, sagte er, „so steht es dort geschrieben.“ Und er wies auf die Mamortafel.

Mikura zögerte. Sie spürte, wie ihr plötzlich weich in den Knien wurde, als bekäme sie Angst vor ihrem eigenen Entschluss, das Tempelinnere zu betreten.

„Ich weiß aber nicht“, bekannte sie, „ob ich wirklich die Wahrheit such.“

„Und was suchst du?“ fragte Makunda mit ruhiger Stimme.

Mikura zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht. Vielleicht... vielleicht mich selbst“, stammelte sie und schaute den Alten aus ihren wunderschönen Augen an.

Doch der schüttelte langsam, aber entschieden den Kopf und sagte: „Ich kann dir nicht die Verantwortung für deine Entscheidung abnehmen. Ich bin nur der Tempeldiener.“

Mikura presste die Lippen aufeinander und gab sich einen Ruck. In vollendeter Haltung stieg sie sie die Stufen empor, schwarz gekleidet von Kopf bis Fuß, schwarz das Haar. Und sie trat in das Innere des weißen Tempels.

In der Stille der Marmorkuppel hörte Mikura ihr Herz bis zum Hals schlagen. Ihre Handflächen waren feucht. Die schöne Frau wunderte sich über sich selbst. War sie nicht immer die Gelassenheit in Person, die selbst dann ihre Fassung bewahrte, wenn alles um sie herum aufgeregt wirbelte und schnatterte? Nicht einmal der Heiratsantrag von Togato, dem galanten Sohn und Alleinerben des reichsten Kaufmannes weit und breit, war für sie ein Grund zur Aufregung gewesen.

Doch dieses kleine weiße Buch, das wenige Schritte vor ihre auf dem Altar lag, versetzte sie in eine Erregung, die sie weder verstehen noch abschütteln konnte. Ergeht es vielen Frauen nicht so ähnlich, wenn sie verliebt sind und sich ihrem Angebeteten nähern? Mikura hatte dieses Gefühl noch nie erlebt, nur von ihrem Zofen dann und wann davon gehört. Sie schüttelte den Kopf über sich selbst, atmetet tief ein und ging zum Altar. Das Buch glänzte im Kerzenschein. Mikura nahm es in die Hand und schlug die letzte Seite auf. So tat sie es immer bei Büchern – sie wollte wissen, wie sie endeten, und wenn ihr der Schluss gefiel, las sie es vielleicht von Anfang an.

Auf der letzten Seite fand Mikura die Worte: Dieses Buch hat kein Ende. Und es hat keinen Anfang, wie der Tod nicht das Ende des Lebens und die Geburt nicht sein Anfang ist.

Mikura wunderte sich über diese Worte. Sie hob das Buch vor ihr Gesicht. Es roch nach Papier. Ein ganz normales Buch, dachte sie, in das jemand seine seltsamen Gedanken geschrieben hat. Und nun wird es verehrt wie ein Heiligtum! Ebenso könnte es eine Elfenbeinfigur oder ein Bildnis sein. Sind die Menschen doch dumm!

Mikuras Aufregung legte sich. Mit ruhiger Hand schlug sie das Buch in der Mitte auf. Ihr Blick fiel zuerst auf die linke Seite. Dort stand: Urteile schnell über Dinge, die Du nicht verstehst. Kleide Deine Unwissenheit in Überheblichkeit. Fasse dein Unverständnis in treffende Worte – und Du kannst die ganze Welt überzeugen, nur Deine eigene Seele nicht.

Mikur las diese Worte ein zweites Mal, und plötzlich war es ihr, als berührten sie einen wunden Punkt tief in ihrem Inneren. Und weil diese Berührung ihr ebenso weh wie gut tat, wandte sie ihren Blick der rechten Seite zu:

Nicht zu verachten ist die Schönheit des Körpers. Doch sie ist dem Gesetz des Blühens und Verwelkens unterworfen. Baue auf sie und Du wirst tief fallen.

Mikura erschrak. Wieder berührten sie Worte des Buches einen empfindlichen Punkt in ihr, und wieder fühlte sie diesen Schmerz, aber auch eine drängende Sehnsucht, die sie zum Weiterlesen zwang.

Bleibende Schönheit beginnt unter der Haut und steht über der Zeit. Ihr Wesen ist ewige Blüte, immerwährender Duft.

Mikura schüttelte unwillig den Kopf: Bleibende Schönheit -so ein Unfug! Es gibt keine bleibende Schönheit. ….