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Jonathan Nasaw - „Der Sohn des Teufels“

ISBN: 978-3-453-40512-7

Klappentext:

Seit Luke mitansehen musste, wie seine tote Stiefmutter von Aasgeiern aufgefressen wurde, ist ein sein Innerstes von Grauen erfüllt. Er wird in die Psychiatrie eingewiesen, doch fühlt er sich dort unschuldig eingesperrt. Mit jedem Tag, den seine Entlassung näherückt, nimmt ein perfider Plan Gestalt an. Luke wird abrechnen, mit all jenen, die ihm Unrecht angetan haben. Ganz oben auf seiner Liste steht der Mann, der ihn in die Anstalt gebracht hat: der FBI-Beamte E.L.Pender.

Inhalt:

Nicht genug, dass seine Stiefmutter eine Tunte ist, verliert Luke seinen Vater auch noch von einen Moment auf den anderen. Seine „Stiefmutter“ begeht Selbstmord und Luke erledigt die Geier, die sich an dem Aas gütlich tun wollen.

Doch für die Polizei ist Litle Luke ein Komplize von Big Luke. Er wird gejagt und gefangen. Ein Programm, welches wohl der Umerziehung dienen soll, fruchtet nicht wirklich und die Flucht reißt ihn noch tiefer in die Scheiße.

Luke landet in der Psychiatrie. Doch er hat nicht vor, dort zu bleiben. Doch auch der Fluchtversuch verläuft nicht ganz so, wie sich Luke das gedacht hat. Er selber wird verletzt und braucht Hilfe. Doch dafür hat er nun einen persönlichen Racheengel. Dieser soll ihn rächen. Und genau das führt die Polizei lange Zeit auf eine falsche Fährte. Doch als sie hinter die Wahrheit kommen, ist es fast schon wieder zu spät.

Leseprobe:

Dank einem überraschenden Aprilschauer waren gestern Morgen nur zwei Patienten in dem kleinen Garten. Da war ich mit einem Regenmantel über meinem Schlafanzug und meinem Bademantel, trug einen Regenschirm und schlurfte in dem plattfüßigen Gang dahin, den ich mir von den anderen pharmakologisch ruhiggestellten Sabberern abgekuckt hatte, die ich jeden Tag sah. Und dann war da ein hochgewachsener, gebeugt gehender alter Wahnsinniger mit den ausschweifenden Augenbrauen eines Zauberers, der einen durchsichtigen Poncho über einer unansehnlichen braunen Strickjacke mit Eigelbflecken trug.

„Spuckst wohl die guten Pillen wieder aus, was?!, sagte er, als wir außer Hörweite der für den Garten zuständigen Weißjacke waren, die auf einer Bank unter dem Dachvorsprung Zuflucht gesucht hatte.

„Wasch schuckich ausch?“, erwiderte ich im Sabberer-Tonfall: Der Trick war, so zu tun, als wäre deine Zunge so dick wie ein Lendenfilet.

„Du kannst sie an der Nase rumführen. Ich weiß, wo die Leichen begraben sind.“ Er artikulierte die Worte wie die Salven eines Maschinengewehrs: ratta-ta-tat.

Na prima, von einem ausgewachsenen Irren durchschaut. Ich beschloss, dass es für mich amb esten wäre, auf ihn einzugehen. „Wie habe ich mich verraten?“

„Durch deine Aura. Sie is ticht mehr schwefelschwarz sonder blassgelbrosa.“

„Kannst du die Auras sehen?“

„Ich sehe alles. Deshalb bin ich hier. Zu viel Input, nicht genug Filter. Ich hab lange gedacht, es wären die Antennen.“ Er zeigte auf seine oberen Backenzähne. „Wahnvorstellungen; sie brauchen keine verstunkenen Antennen.“

„Ich bin selber C.R.“ sagte ich.

Er nickte wissen. „Ich an deiner Stelle, Sonny, würde machen, dass ich so schnell wie möglich hier rauskomme. Vor deiner nächsten Blutuntersuchung. Die wird ihnen verraten, dass du deine Medizin ausgespuckt hast. Die sie dir dann injizieren werden. In hohen Dosen.“

„Aber... aber sie haben mir erst gestern Blut abgenommen.“

„Dann lautet mein Rat an dich. Kratz die Kurve und hau ab. Mach dich schnellstens aus dem Staub, bevor die Ergebnisse zurückkommen.“

„Ich  kann nicht: Ich bin nicht freiwillig hier.“

„Aber du bist auf dem zweiten Stock, stimmt`s?“ Ein riesiger dunkler Raum mit einer hohen Decke, bedrückend übermöbliert mit hohen Ledersesseln, Beistelltischchen aus geschnitzter Eiche, Lampen mit Quasten und Sofas mit Holzkugel-Sitzpolstern. Sogar der Fernsehapparat sah in seiner schweren Walnusskredenz irgendwie viktorianisch aus.

„Natürlich.“ Was gab es denn sonst zu tun. Ein typ kann nur eine bestimmte Anzahl von Nicherchen und Spaziergängen machen.

„Schon mal hinter die Gardinen geguckt?“

Staubige Vorhänge aus auberginenfarbenen Samt waren von der Rückwand zugezogen; ich hatte sie noch nie geöffnet gesehen. „Nein, aber ich hab die Fenster von außen gesehen, als ich hier eingeliefert wurde. Sie sind alle zugemauert.“

„Fenster? Was für Fenster? Vergiss die Fenster. Wer hat was von Fenstern gesagt?“

„Tut mir leid.“ Der Regen wurde schlimmer. Ich hielt den Schirm schräg, um ihn auch davor zu beschützen. „Fahr fort, ich höre zu.“

„Hier ist die Geschichte, mein Junge. Ich hab einmal im Aufenthaltsraum rumgesessen, als der Feueralarm losging. Die Weißjacke hat den Vorhang zurückgezogen. Voila, eine Feuertür führte in ein geschlossenes Treppenhaus. Husch, husch, runter mit uns. Eine Treppe, zwei Treppen, drei Treppen. Dann Entwarnung. Husch, husch, hoch mit uns. Aber es muss da unten irgendwo einen Ausgang gegeben haben. Entweder das“, fügte der alte Irre vertraulich hinzu, „oder wie wollten uns in den Tod führen.“

Nach dem Mittagessen machte ich mich auf den Weg in den Aufenthaltsraum. Ich hatte einen graubraunen Schlafanzug, einen unförmigen Bademantel und Hausschuhe aus Papier an und nahm am Schachtisch Platz, und während ich die Figuren sinnlos auf den eingelegten Quadraten aus Walnuss- und Ahornholz hin und her bewegte, musterte ich insgeheim die anderen Leute im Raum.

In einer Ecke stand Chuckles, der Insasse, essen Haltung und Benehmen ich aufmerksam studiert und kopiert hatte, um meine laufende Imitation eines unter Beruhigungsmitteln stehenden Sabberers zu perfektionieren, und starrte konzentriert auf etwas, das niemand sonst sehen konnte.