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John F. Dean - „Im Namen des Wolfes“

ISBN: 3-434-53060-6

Klappentext:

Womit fing alles an? Mit dem aufgebrochenen Lieferwagen, zu dem sich ein Wesen Zutritt verschafft hatte, das -- den Spuren nach -- halb Mensch und halb Wolf zu sein schien? Oder mit der Geburt der kleinen Patty, während der die Klageschreie der ‚Banshee' zu hören waren, jener Feenfrau aus den Bergen, die mit ihrem Heulen normalerweise den Tod eines Familienmitglieds ankündigt? Oder erst mit dem Ausbruch der "Lupus"-Krankheit bei Patty, die eine wolfsähnliche Entstellung der Gesichtszüge mit sich bringt? Schwer zu sagen, jedenfalls geschehen rätselhafte, beunruhigende Dinge in dem kleinen irischen Dorf, und meistens haben sie etwas mit einem Wolf zu tun.

Dieser erste ins Deutsche übersetzte Roman von John F. Deane schafft es, unseren Glauben an die scharfe Grenze zwischen Realität und Fantasie ins Wanken zu bringen. Ein fast klassischer Schauerroman, wie es heute leider kaum noch welche gibt. --Ernst Christoph -

Inhalt:

In einem kleinen Dorf, am Rand der Küste, wird ein Kind geborgen. Irgendwo auf einer Landstraße, zwischen Säcken von Mehl und Zucker, in einem Lieferwagen.

Der Vater bekommt die Nachricht per Telegramm und reist sofort zu Frau und Kind.

Doch bald ist das Leben im Dorf nicht mehr so toll. Die Bannsee ruft nach Opfern und bei dem Kind treten seltsame Schmerzen auf. Auch die Mutter des Kindes leidet unter Depressionen.

Die Tante möchte das Kind zur Untersuchung mit in die Stadt nehmen. Doch einen Tag vor der Abreise verschwindet die Tante und wird nie wieder gesehen.

Das Leben muss weiter gehen und die Zeiten ändern sich. So mancher kommt nicht damit klar. Doch die seltsamen Rufe in der Nacht bleiben...

Leseprobe:

… Der Waldboden war weich von den vermoderten und vermodernden Kiefernnadeln vieler Jahre. In kleinen, blassen Kolonien wuchsen Giftpilz, im Dunkel krochen feuchte Schlingpflanzen. Die Nachtlampe, die im hinteren Schlafzimmer des Hauses brannte, warf einen schmalen Streifen kränklichen Gelbes auf die Wand des Kieferngehölzes. In denn Bäumen rüttelte klagend der Wind.

Das Kind schlief, an seiner Seite Nora. Sie ahnte die unermeßliche Kuppel der Nacht dort draußen und wußte, daß sich hinter den benennbaren Geräuschen des Windes der gewaltige Ozean erstreckte, der sich hob und senkte, während er seine andere, seine Meereswelt nährte. Auch der- unendlichen Schwärze des Alls, das sich – über allem, was sie kannte und was erkennbar war – für immer ausdehnte  in die Mysterien Unendlichkeit, Ewigkeit und Gott, war sie sich bewußt. Sie erinnerte sich an die Zeit, als sie die Hand auf ihren geschwollenen Bauch gelegt und die Finger gespreizt hatte, als wolle sie das in ihr heranwachsende Kind vor der Last des Universums und dem Auge Gottes schützen. Jetzt saß sie beruhigt auf der Bettkante und bog wie zur Erinnerung an die wiegenden Bewegung, mit der sie das Kind an sich gedrückt hatte, bevor es einschlief, ihren Körper langsam hin und her.

Draußen, hinter dem Kieferngehölz, schlich etwas durch die Dunkelheit und war selber so dunkel, daß es sich nicht abhob gegen die Nacht. Über die weiche, saugende Oberfläche es Moores rückte es näher. Im Seufzen des Nachtwinds war sein rauher Atem nicht zu hören, seine wuchtige, bedrohliche Gestalt verlor sich zwischen den Höckern und Huckeln des Erdbodens. Entschlossen bewegte es sich voran, floß wie Wasser über den Graben am anderen Ende des Kiefernwäldchens und schritt jetzt über den weichen Humus des Waldbodens. Tiere sahen das Wesen vorübergehen und retteten sich sofort in ihre sicheren, dunklen Verstecke. Der vielfältige Geruch nach verwesendem Holz und vermoderndem Gestrüpp wich einem durchdringenden Gestank, alt, brandig und säuerlich, wie aus dem tiefsten Innern der sterbenden Erde. Das Wesen verhoffte. Das Kind in seiner Wiege regte sich.

Am Rand von Dunkelheit am Ende der Waldung starrte das Wesen unverwandt auf den gelben Lichtstrahl. Auch die Augen des Wesens waren gelb, waren weit und feucht und konzentriert. Das Wesen stand vollkommen still, eins mit Bäumen und Gesträuch. Nur der Gestank seiner Gegenwart drang durch die Nacht. Es stand und starrte und harrte.

Nora in ihrem Zimmer hörte in weiter Ferne das Heulen eines Hundes. Sie streckte die Hand aus und faßte nach der Korbweide der Wiege. Geräuschlos bewegte das Kind den Mund, wie um zu nuckeln, und atmete laut durch die Nase. Es regte sich unmerklich, dann verfiel es in einen tieferen Schlaf.

Nora fühlte, wie es sie hoch oben an ihrem Rückrat kalt überlief. Sie wickelte die Decke fester um sich. Die Flammenzunge in der Lampe flackerte einen Augenblick, und die  Schatten an der Wand erzitterten. Als sie merkte, daß die Vorhänge nicht ganz geschlossen waren, erhob sie sich zaudernd.

Das Geräusch der protestierenden Matratzenfedern erschreckte sie. Sie ging zum Fenster. Bervor sie die Vorhänge zuzog, hielt sie sie in der Hand und sah hinaus. Sie konnte nichts erkennen, nichts als Schwärze. Sie fröstelte. Rasch schloß sie die Vorhänge. Plötzlich wünschte sie sich, der Captain wäre heute nacht zu Hause geblieben. Sie lauschte. Nur der Wind, der die Winkel des Hauses vermaß. Aber jetzt war ihr kalt, sehr kalt, und das Kind in der Wiege wälzte sich unruhig hin und her. Sie beugte sich über sie und betrachtete sie.

Patricias Augen waren kaum geöffnet, ihr Blick leer, doch langsam wandte ihr Kopf sich Nora zu. Dankbar hob diese sie heraus, ohne sie aus ihren Decken auszuwickeln, und setzte sich wieder mit ihr aufs Bett. Sie flüsterte mit ihr und berührte mit den Lippen ihre Stirn. Dann knöpfte sie ihre Bluse auf und führte ihre Brustwarze in den Mund des Säuglings.

Das Wesen draußen in der Waldung rührte sich. Aus dem Fenster fiel kein Licht. Sein tiefes, wütendes Knurren wurde heftiger.

Hoch oben im Gezweig eines Baumes regte sich ein Nachtvogel. Und plötzlich heulte das Wesen aus seiner Dunkelheit hervor, ein einziger langgezogener, tiefer Laut, der auch das Stöhnen des Windes hätte sein können, doch dauerte er fort und steigerte sich mählich von der Tonhöhe eines Tieres zum durchdringenden Schrei eines Menschen; dann brach er unvermittelt ab.

Was Nora in ihrem Zimmer hörte, war ein Stöhnen, ein schauriger Ruf wie von einem Menschen, flehend, verführerisch, bezaubernd, und der gierige Mund an ihrer Brust hatte aufgehört zu saugen, hatte eine pause eingelegt, als habe auch der Säugling den Laut erkannt. Vor Entsetzen hatte Noras Körper sich verkrampft, und ein kalter Schauder durchlief sie. Als das Geheul verstummte, Blickte sie wie gehetzt zu den Vorhängen. Kein Laut. …