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Ellen Thiemann - „Stell dich mit den Schergen gut“

ISBN: 978-3-7766-5017-4

Klappentext:

Ihr „Verbrechen“ war, dass sie in den Westen wollte, dass sie Bespitzelungen, Verrat, die Unmöglichkeit, Kritik frei zu äußern, nicht mehr ertrug. Nach der Entdeckung ihres Fluchtvorhabens 1972 wurde Ellen Thiemann verhaftet. Aus Liebe zu ihrem Sohn, der an der Grenze gefasst worden war, nahm sie ide Schuld allein auf sich, damit der Sohn beim Vater, nicht im Heim, aufwachsen konnte. Damit begann ein Leidensweg, der die Autorin ins berüchtigte Frauengefängnis Hoheneck führte.

Fünfzehn Jahre nach der Entlassung hatte die Journalistin den Mut, den Ort, mit dem sie die schwerste Erinnerung ihres Lebens verbindet, noch einmal zu besuchen.

Die damaligen Geschehnisse sollten nicht in Vergessenheit geraten. Der authentische Bericht von Ellen Thiemanns Haftzeit ist ein erschütterndes Zeitdokument.

Inhalt:

EllenThiemann: verheiratet, ein Kind (Sohn), wohnhaft in der DDR. Doch hier will sie nicht bleiben. Zu groß sind die Einschränkungen in der Freiheit.

Bei der Flucht wird aber alles aufgedeckt und die Stasi klingelt bei den Thiemanns. - Aber auch für eine solche Situation existiert ein Notfallplan. Ellen schweigt eisern über das Mitwirken ihres Mannes bei diesem Plan. Das bringt ihr Gebrüll, Schlafentzug und seelische Grausamkeit ein.

Das Gericht verurteilt sie dann zu drei Jahren und fünf Monaten Haft, die sie in Hoheneck absitzen soll.

Ellen Thiemann berichtet mit einfachen, aber eindringlichen Worten über ihr Dasein in der Haft. Nichts wird geschönt, nicht verfälscht. - Wenn man diese Worte liest, ist es so, als wäre man selber drin gewesen.

Lesprobe:

… Immer neue Artikel muß ich mir einfallen lassen. Ich mache Autopuppen und Maskottchen, für deren Kleidung mir die schönsten Stoffreste zur Verfügung gestellt werden. Ich bin mir im klaren: Das sind Stoffe, die es nicht hier auf unserem Markt gibt. Da werden ganz sicher Badeanzüge oder ähnliches für westliche Länder angefertigt. Diese auffälligen Farben und Muster... Auch eine Nähmaschine haben wir inzwischen bekommen. Ich mache Filzwesten mit Applikationen, Taschentuchbehälter, Klammerkleidchen. Dann muß ich eines Tages vier Brautpaare basteln. Dazu hat man mir kleine Holzkegel angefertigt, die ich bemale und entsprechend bekleide. Dazu gehört natürlich auch eine repräsentative Verpackung. Also bastle ich einen Pappkarton mit Klarsichtfenster, so daß man die kleinen, süßen Püppchen von außen sehen kann... Auch die Jugendabteilung muß ich anleiten, solche Püppchen zu fertigen. Schwierigkeiten macht ihnen besonders das Malen der Gesichter. Nun, bei mir geht`s schnell und die jungen Mädchen freuen sich, über den unverhofften Besuch... Viele könnten meine Töchter sein!

Einmal muß ich einen zwei mal drei Meter großen Teppich entwerfen, darauf das Staatswappen der DDR und auch den Polizeistern. Das Ganze wird auf grünem Grund geknüpft. Ich mache nur die wichtigsten Arbeiten dran. Dann müssen die anderen weiterknüpfen. Teppiche mit diesen Motiven werden auch noch weitere verlangt. „In den nächsten Tagen sollen Sie mal eine Thälmann-Portät knüpfen“, eröffnet mir der Oberleutnant Seifert. Er ist etwa Mitte Fünfzig, hat gutmütige Augen. Wir haben ihn nicht ein einziges Mal brüllen gehört. Das ist eine Seltenheit hier. „Aber das kann ich doch gar nicht“, gebe ich zu bedenken. „Na, Sie können`s ja mal versuchen.“ In meiner Zelle vertraue ich mich meinen engsten Freundinnen an. „Was meint ihr, das kann ich doch gar nicht. Ob ich das ablehnen darf?“

„Tja, das ist so eine Sache. Sie können dich ja nicht zwingen, etwas zu erschaffen, was du nicht kannst“, erklärt Bärbel. „Aber andererseits mußt du vorsichtig sein, daß sie idr dann keine Arbeitsverweigerung anhängen!“ gibt Tina zu bedenken. „Da kannst du noch mal mit mindestens zwei Jahren rechnen“, fügt Liane hinzu. Ich bin verunsichert. Was soll ich nur tun? Am nächsten Tag werde ich wieder daraufhin angesprochen. „Na, Strafgefangene Thiemann, haben Sie sich schon überlegt, was Sie für Wolle brauchen?“ „Ich kann das nicht! Nein, beim besten Willen nicht!“ „Aber Sie können`s doch mal versuchen. Egal, was dabei rauskommt. Und wenn`s eine Kuh ist....“ Das könnte euch so passen! Aus einem von euch so hochgelobten Klassenkämpfer wie Thälmann eine Kuh zu machen! Ich bin doch kein Selbstmörder! „Nein, ich kann`s nicht, und ich brauche gar nicht erst anzufangen.“

So geht es ein halbes Jahr hin und her. Immer wieder überzeuge ich sie, daß ich dazu nicht befähigt bin. Mittlerweile haben sie aber auch mitbekommen, daß ich alle Aufträge über ihre Erwartungen hinaus erfüllte. Mit großem Geschwader rücken sie eines Tages an. „So, Thiemann, jetzt schreiben Sie mal auf, was Sie für den Thälmann alles brauchen.“ Ein kurzer Protest wird sofort niedergeschlagen. „Sie können das, davon sind wir überzeugt!“ Noch mal versuche ich: „Aber, ich kann ihn vielleicht zeichnen oder malen – nach Vorlage. Doch in ein textiles Gewebe umsetzen, das kann ich nicht!“ Mit aller Verzweiflung versuch eich, diesen Auftrag abzuwenden. Doch sie sind durch nichts mehr zu überzeugen. Noch in der nächsten Stunde erhalte ich eine Schwarz-Weiß-Zeichnung in der Größe 30 mal 40 Zentimeter. „Nach einem Schwarz-Weiß-Bild kann ich aber keinen farbigen Teppich knüpfen“, versuche ich`s noch mal. Doch sie winken nur ab. Ich denke an meine Umgebung. Wir sind alle angezogen wie die Klageweiber. Bleichgesichtig, unterernährt und verhärmt. Wie soll man in dieser Umgebung Kunst machen können? Hinzu kommen die ständigen Belastungen durch die Strafgefangenen untereinander....

Am nächsten Tag schon erhalte ich ein Wollmusterbuch, anhand dessen ich mir die benötigten Farben bestellen soll. Ich schreibe jede Menge auf. Das Gesicht wird viele Schattierungen brauche. Allein für die Augen bestelle ich acht Farben. Ich versetze mich so in das Gesicht, daß ich es bald in Farbe vor mir sehe...

Die Jacke und die legendäre Mütze machen ich in Blau, aber dafür sind auch mehrere Schattierungen notwendig. Das Hemd ist weiß, der Binder rot. Den Hintergrund knüpfe ich hell. Drum herum plane ich einen braunen Rahmen, darin in bordeauxrot ein Schmuckelement. So sieht`s aus wie ein richtiger Bilderrahmen... Den Stoff kann ich mir schon zuschneiden. Ich beginne die Zeichnung anzufertigen. Sie gelingt. Ein richtiger Ernst Thälmann schaut auf uns herab. …