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Jack Ketchum - „Evil“

ISBN: 3-453-67502-9

Klappentext:

Eine Vorstadt in den USA der Fünfzigerjahre. Kein schlechter Ort, um seine Jugend zu verbringen – weitab von McCarthys Kommunistenjagd, dem Kalten Krieg und der Atombombe. Doch dieser Ort hat auch seine düsteren Seiten, wie der junge David bald erfahren wird. Denn in der kleinen ruhigen Sackgasse, in der er und seine Freunde wohnen, geschehen in einem Keller Ding, von denen niemand weiß und die auch nicht ans Tageslicht kommen sollen. Was passiert, wenn der Wahnsinn ungebremst seinen Lauf nimmt und das Böse von den Menschen Besitz ergreift?

Jack Ketchums Horrorthriller ist ein Meisterwerk der psychologischen Spannung und gleichzeitig eines der schockierendsten Werke der modernen Literatur.

Inhalt:

David ist ein normaler Junge in einer normalen amerikanischen Kleinstadt . Er spielt mit seinen Freunden die normalen Spiele und kann sich seinen Eltern aber nicht anvertrauen.

Als dann die Cousinen zweiten Grades seiner Freunde ins Nachbarhaus mit einziehen, gerät seine Welt aus den Fugen: Meg das schönste Mädchen auf der Erde, bringt seinen Hormonhaushalt mächtig durcheinander. Doch was als zarte Liebe beginnt, endet dann im Alptraum. Die Pflegemutter der Mädchen verändert sich. Sie ist wütend und lässt diese Wut an Meg aus. Auch seine Freunde machen mit, wenn Meg wieder traktiert wird. David schaut zu, beteiligt sich aber nicht an den Misshandlungen. Er will ihr helfen, aber was kann ein Kind schon ausrichten. Nicht mal Meg wird von der Polizei ernst genommen und man hilft ihr nicht.

Als David sich dann doch dazu entschließt Meg zu helfen, nimmt alles einen katastrophalen Ausgang.

Leseprobe:

… Ruth entschied, dass Meg von jetzt an nicht mehr allein das Haus verlassend urfte. Nur noch in ihrer Begleitung oder in der von Donny oder Willie. Die meiste Zeit kam sie überhaupt nicht mehr heraus. So hatte ich nie die Gelegenheit, Meg zu fragen, was ich für sie tun konnte, falls sie überhaupt etwas von mir wollte. Ganz zu schweigen davon, dass ich nicht überlegen musste, ob ich es auch wirklich getan hätte.

Die Sache lag nicht mehr in meinen Händen. Dachte ich zumindest.

Und das war eine Erleichterung für mich.

Wenn ich das Gefühl hatte, etwas verloren zu haben – Megs Vertrauen oder auch nur ihre Gesellschaft -, so wurde mir das nie besonders stark bewusst. Ich wusste, dass die Ereignisse im Nachbarhaus eine ziemlich ungewöhnliche Entwicklung genommen hatten, und wahrscheinlich wollte ich einfach ein bisschen Abstand bekommen, um wieder klarer zu sehen.

So traf ich mich in den nächsten Tagen seltener mit den Chandlers, und auch das war eine Erleichterung. Ich trieb mich mit Tony und Kenny, Denise und Cheryl herum und sogar mit Eddie ab und zu, wenn ich mich einigermaßen sicher dabei fühlte.

Doch auf der Straße kursierten die Neuigkeiten über die Vorfälle drüben. Früher oder später kam jedes Gespräch auf die Chandlers. Das Unglaubliche an der ganzen Geschichte war, dass Meg die Polizei geholt hatte. Das war die revolutionäre Tat, die uns so umgehauen hatte. Einfach eine Erwachsene anzeigen – noch dazu eine Erwachsene, die fast so was wie deine Mutter war – konnte man sich so was vorstellen? Es war praktisch undenkbar.

Andererseits steckten da auch ungeahnte Möglichkeiten drin. Vor allem Eddie war deutlich anzumerken, dass er über dieser Idee brütete. Tagträume über seinen Vater wahrscheinlich. Ein nachdenklicher Eddie war auch nichts unbedingt ein gewohnter Anblick für uns. Das machte das Ganze noch seltsamer.

Abgesehen von der Geschichte mit den Cops wussten wir eigentlich nur, dass die Kinder da drüben anscheinend viel und aus nichtigem Anlass bestraft wurden. Doch auch das war eigentlich nichts Neues, abgesehen davon, dass es bei den Chandlers passierte, wo wir uns alle immer sicher gefühlt hatten. Das und die Tatsache, dass Willie und Donny bei den Bestrafungen mitmachten. Aber auch das fanden wir nicht so ungewöhnlich.

Schließlich hatten wir bei unserem Spiel Erfahrungen gesammelt.

Nein, das Besondere waren die Cops. Und es war Eddie, der nach einiger Zeit zu diesem Thema das letzte Wort sprach.

„Aber gebracht hat es ihr einen Scheißdreck.“ Der nachdenkliche Eddie.

Doch er hatte Recht. Und so sonderbar es klingt, im Lauf der nächsten Woche änderte sich aufgrund dieser Bemerkung unsere Haltung zu Meg. Die Bewunderung für die schiere Kühnheit, mit der sie alles aufs Spiel gesetzt hatte, und für die bloße Vorstellung, Ruhts Autorität so umfassend und öffentlich in Frage zu stellen, wich allmählich einer leichten Verachtung. Wie hatte sie nur so blöd sein können zu meinen, dass sich ein Polizist auf die Seite eines Kindes und gegen einen Erwachsenen stellen würde? Wie hatte sie nicht merken können, dass das die Sache bloß noch schlimmer machte? Wie hatte sie nur so naiv, so leichtgläubig, so entsetzlich blauäugig sein können?

Die Polizei, dein Freund und Helfer. Von wegen. Keiner von uns hätte so was gemacht. Wir wussten es besser.

Irgendwie nahmen wir es ihr sogar krumm. Durch ihren gescheiterten Vorstoß bei Mr. Jennings war uns allen auf schmerzliche Weise klargeworden, wie machtlos wir als Kinder wahren. „Nur ein Kind zu sein“ bekam für uns auf einmal eine viel tiefere Bedeutung und wurde fast zu einer Bedrohung, von der wir zwar vielleicht auch vorher schon gewusst hatten, über die wir uns aber bis dahin nie groß Gedanken machen mussten. Scheiße, die konnten uns in den Fluss schmeißen, wenn es ihnen einfiel. Wir waren doch nur Kinder. Wir waren Eigentum. Mit Leib und Seele gehörten wir unseren Eltern. Bei einer echten Gefahr, die für uns von der Erwachsenenwelt ausging, waren wir von Anfang an chancenlos, und das heiß Hoffnungslosigkeit, Demütigung und hilflose Wut. Fast als hätte Meg durch ihr eigenes Versagen auch uns im Stich gelassen.

Also trugen wir diese Wut nach außen. Wir richteten sie gegen Meg.

Auch ich. In diesen wenigen Tagen legte ich im Kopf langsam einen Schalter um. Ich machte mir keine Sorgen mehr. Ich löste mich vollkommen von ihr.

Scheiß drauf, dachte ich. Mir doch egal, wo das alles hinführt. ...