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Alison Leslie Gold - „Erinnerungen an Anne Frank“

ISBN: 978-3-473-58337-9

Klappentext:

Hanna Pick-Goslar erinnert sich an ihre Kindheit mit Anne Frank. Im Juni 1942 verschwindet Anne und ihre Familie plötzlich aus Amsterdam, und wie alle Freunde und Bekannte glaubt auch Hannah, dass die Franks ihr Leben retten und in die Schweiz entkommen konnten. Doch dann trifft sie – im Juni 1943 selbst deportiert – ihre Freundin Anne im KZ Bergen-Belsen. Es ist ein Wiedersehen im Angesicht des Todes.

Mit einem Nachwort von Lea Rosh.

Inhalt:

Hannah und Anne – die besten Freundinnen, seit sie in Amsterdam kennen gelernt haben. Beide sind sie mit ihren Familien aus Deutschland geflohen und sprechen kein Niederländisch. Zusammen finden sie sich in das neue Leben ein und finden sich selber als beste Freundinnen.

Doch dann ist Anne eines Tages verschwunden. Keiner weiß, wo Familie Frank abgeblieben ist. Man denkt, dass sie in die unabhängige Schweiz fliehen konnten.

Doch dann, als Hannah selber deportiert wurde und auf ihren Gefangenenaustausch wartet, trifft sie Anne wieder. Genau da, wo sie sie nicht erwartet hatte. Im KZ Bergen-Belsen. Hinter dem mit Stroh ausgestopften Stacheldrahtzaun. Sie können sich nicht sehen, aber sie können unter Einsatz ihres Lebens ein paar Worte miteinander wechseln...

Eine Geschichte, die extrem unter die Haut geht. Sie macht Gänsehaut, Glücksgefühle und lässt einen mit trauern.

Leseprobe:

… Es kam das Jahr 1944. An einem Abend im Januar trat Hannahs Vater zu Gabis Bett in der Krankenbaracke. Hannah war gerade dabei, die Kleine zu füttern. Sie hob den Kopf. Wie froh ihr Vater aussah. Sie lächelte ihn an.

„Ich habe eine gute Nachricht“, sagte er.Sie sollten in Kürze zu einem neuen Ort transportiert werden. Zusammen.

Hannah fragte, seit wann ein Transport“eine gute Nachricht“ bedeute, und merkte selbst, wie frei, fast unverschämt ihr Ton war. Vielleicht werde ich langsam wie Anne, dachte sie.

Ihr Vater erklärte ihr, dass sie auf einer Liste von Personen stünden, die nach Deutschland gebracht würden, in ein Konzentrationslager in der Lüneburger Heide, das Bergen-Belsen hieß. Das Lage war, den Gerüchten zufolge, kein Arbeitslager, sondern ein Austauschlager.

Er sagte, sie seien wegen ihrer paraguayischen Pässe und der Tatsache, dass sie auf einer noch gültigen Palästinaliste standen, für die Nazis von besonderem Wert und würden daher in dieses Lager Bergen-Belsen gebracht. Das bedeutete, dass man sie möglicherweise gegen deutsche Kriegsgefangene austauschen würde. Sie seien wohl so etwas Ähnliches wie Figuren in einem Schachspiel, sagte er.

Auf einmal war Hannah auch ganz aufgeregt und fragte, wann sie fahren würden.

„Bald“, antwortete ihr Vater.

Und so war es auch. Am Abend des 14. Februar kam ein Lagerpolizist in die Baracke und las die Namen für den Transport vor. Hannah und Gabi waren dabei.

In dieser Nacht packte Hannah all ihre Kleidungsstücke in den Rucksack. Sie waren inzwischen abgewetzt und schäbig, und manche Sachen waren ihr zu klein geworden. Blödes Sommerzeug, dachte sie, als sie die Kleider und Blusen zusammenlegte, die sie mit der wenigen Seife, die ihr zur Verfügung stand, so sauber wie möglich gehalten hatte. Am Morgen des 15. Februar standen sie, ihr Vater und ihre Großmutter auf dem Bahnsteig. Ihr Vater hatte Gabi am frühen Morgen aus dem Krankenhaus abgeholt und trug sie auf dem Arm. Hannah hatte den Rucksack auf dem Rücken. Gabis Ohren waren noch immer dick verbunden. Die Binden waren nicht besonders sauber und stanken nach Eiter. Die Kleine schaute sich mit großen Augen um und rief: „Papa. Hanneli. Großmutter. Zug. Suppe.“

Auf dem Bahnsteig hatte sich inzwischen eine große Gruppe von Häftlingen versammelt, die von den Wachleuten in Fünferreihen aufgestellt wurden. Im Gegensatz zu den üblichen Viehwagons, die nach Auschwitz oder Sobibor gingen, wartete ein Personenzug auf sie, mit richtigen Abteilen. Hannah schaute sich um. Sie erkannte einige Gesichter. Alle Leute hier besaßen irgendwelche besonderen Pässe oder sie standen auf einer speziellen Liste.

SS-Männer drückten rote Stempel auf ihre Papiere, dann schrien sie: „Schnell! Schnell!“

Grob wurden sie in den Zug gestoßen. Der Vater, Hannah, Gabi und die Großmutter wurden in ein Abteil geschoben, in dem schon andere saßen und quetschten sich dazu. Dann wurden die Türen geschlossen und von außen verschraubt.

Die Reise dauerte zwei Tage, und in der ganzen Zeit erfüllte der Gestank von Gabis eitrigen Bandagen das Abteil. Die Rolläden vor den Fenstern waren zugezogen, sodass sie nicht hinausschauen konnten und kaum wussten, ob es Tag oder Nacht war. In den beiden Tagen wurde nur wenig Brot und kleine Portion Wasser verteilt. Gabi verlangte ständig nach Essen, aber sie konnten ihr nur wenig geben.

Der Zug hielt immer wieder an und fuhr nach einiger Zeit weiter. Manchmal verlangsamte er die Fahrt, vermutlich fuhren sie dann an einem Bahnhof vorbei. Und dann blieb der Zug endlich stehen, die Tür wurde aufgerissen, und im ersten Moment blendete sie das helle Tageslicht.

Aus einem Lautsprecher kam der gebrüllte Befehl, dass sie sofort aussteigen und all ihre Sachen mitnehmen sollten. „Schnell!“, verlangte die Stimme. „Schnell! Aufrücken“!

Sie stiegen aus.

Als Hannahs Füße den Boden berührten, erschrak sie. Es schien, als seien sie mitten im Nirgendwo angekommen.

Auf dem Bahnsteig stand eine Reihe SS-Männer, Schulter an Schulter, Pistolen in den Halftern. In der einen Hand hielten sie einen Schäferhund an der Leine, in der anderen eine Peitsche.

Die Hunde waren sehr groß, grauhaarig und mit gelben Augen. Sie zerrten wütend an ihren Leinen.

Hannah blieb zögernd stehen. Sie hatte Angst, an den Hunden vorbeizugehen. Ihr Vater und die Großmutter, die ihre Furcht vor Hunden kannten, versuchten, sich zwischen Hannah und die Hunde zu stellen. Doch als sie weitergetrieben wurden, konnte Hannah den Anblick der zähnefletschenden Hunde nicht ausweichen. Der schnaubende Atem der Tiere stieg Furcht erregend in die Luft. …