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Hetty E. Verolme - „Wir Kinder von Bergen-Belsen

ISBN: 978-3-407-74202-5

Klappentext:

Das Konzentrationslager Bergen-Belsen Ende 1944: Etwa vierzig Kinder kämpfen ums Überleben. Unter ihnen Hetty Verolme und ihre Brüder. Als „Ersatzmutter“ versuchte sie, den Kindern Schutz und Geborgenheit zu bieten, Essen zu organisieren und sie vor allem über die lange Zeit der quälenden Ungewissheit zu trösten.

Der ergreifende Bericht einer Holocaust-Überlebenden.

Inhalt:

Hetty, ein Mädchen in einer ganz normalen jüdischen Familie, sieht sich ihrer Kindheit jäh beraubt, als die Nazis anfangen die Juden zu verstoßen und zu deportieren. Lange Zeit kann sie sich vor der Deportation schützen, da ihr Vater eine höhere Position im Berufsleben hat. Doch dann, eines Nachts, muss auch ihre Familie auf die ungewisse Reise gehen.

Die Famlilie landet im Konzentrationslager Bergen-Belsen, wo die Mutter mit Hetty und dem jüngsten Bruder in einer Frauenbaracke landet und der Vater mit einem Bruder in der Männerbaracke. Der tägliche Kampf um Nahrung, Wasser und ein Mindestmaß an Hygiene beginnt. Es wird schlimmer, als auch die Mutter dann arbeiten muss. Hetty wird zu einer Art Mutter für ihre Brüder.

Es kommt der Tag, an dem sie Vater und Familie trennen und den Vater an einen anderen Ort verschleppen.

Einen Tag später muss auch die Mutter weg.

Die Kinder bleiben allein in Bergen-Belsen zurück. Doch Hetty wird in der Kindergruppe als Ersatzmutter akzeptiert und hat die Kleinen ganz gut im Griff. Sie kann bis zu ihrer Befreiung mit einer Sondererlaubnis bei den Kindern bleiben. - Sie kämpfen gegen Ungeziefer, Hunger und Krankheiten.

Ein wirklich eindrucksvoller Bericht, wie er ehrlicher nicht sein kann, da Hetty das was sie schreibt selber erlebt hat.

Leseprobe:

Schritte im Korridor weckten mich. Ich fuhr hoch und zitterte am ganzen Körper vor Angst, was als Nächstes passieren würde. Ich konnte Stimmen hören. Die Schritte kamen näher, dann ging die Tür auf. Die beiden Frauen waren zurückgekommen, gefolgt von vier weiblichen Häftlingen, die zwei Essensbehälter trugen, ungefähr halb so groß wie die, die wir kannten. Die kleinere Frau befahl, die Behälter in der Mitte des Zimmers abzustellen, dann schickte sie die Häftlinge weg. Von oben, von meinem Bett aus, beobachtete ich alles mit großer Erleichterung. Als ich sie im Korridor gehört hatte, hatte ich wirklich gefürchtet, wir müssten wieder umziehen.

Die beiden Frauen betrachteten die schlafenden Kinder, dann wandten sie sich zum Gehen. An der Tür drehte sich die kleinere Frau um, schaute mich an und sagte: „Fangt an zu essen.“

Ein paar Kinder waren aufgewacht. Iesie, Max und Emile waren aus dem Bett gesprungen und untersuchten die Essensbehälter. Ich stieg hinunter, um auch etwas zu sehen. Iesie versuchte, den Deckel von einem Behälter zu öffnen, aber es gelang ihm nicht. Der Deckel saß fest. Inzwischen war Bram zu uns gekommen. Er packte eine Art Griff, wobei es ihm lediglich gelang, den Deckel ein bisschen zu lüften. Er bekam den Hebel einfach nicht hoch genug, um die Federung zu lösen, die ihn auf den Deckel drückte. Bram ließ die Verriegelung wieder los.

„Gut“, sagte ich, „wenn Bram noch einmal versucht, den Riegel aufzukriegen, haltet ihr beiden, Iesie und Max, den Behälter fest, und Bram zieht, so fest er kann, damit der Hebel nicht wieder zurückspringt. Und dann zieht ihr alle drei am Hebel und ich zähle bis drei.“

Max und Iesie stellten sich in Position, Bram legte die Hand um den Griff und sagte: „Seid ihr bereit?“

„Ja“, sagten Max und Iesie.

Bram zog mit aller Kraft. Als der Hebel hoch genug war, dass Max und Iesie ihn auch ergreifen konnten, fing ich an zu zählen. „Eins … zwei … drei.“ Die Jungen begannen, mit aller Kraft am Hebel zu ziehen. Ihre Gesichter waren rot vor Anstrengung. Aber sie waren nicht sehr stark. Zehn Monate langsamen Verhungerns hatten ihren Tribut verlangt. Langsam bewegte sich der Hebel nach oben, und dann, mit einem leisen Klick, gab er den Deckel frei. Außer Atem, doch erregt von ihrem Sieg, brauchten sie nur eine Sekunde, um auch den zweiten Hebel loszubekommen, denn der Druck war durch die Öffnung des ersten Hebels geringer geworden.

Inzwischen waren immer mehr Kinder aufgewacht und kamen aus ihren Betten, um zu sehen, was vor sich ging. Iesie hob den Deckel an. Ei wunderbarer Duft drang in unsere Nasenlöcher. In dem Behälter war eine dicke, cremige Kartoffelsuppe.

Wir konnten unser Glück kaum fassen. Blitzschnell waren alle aus den Betten, besorgten sich Essnäpfe und schöpften sich eine großzügige Portion Suppe. Wir saßen auf dem Boden um die Behälter, als hätten wir Angst, sie könnten verschwinden. Die Suppe schmeckte wunderbar. Niemand sprach, während wir dieses köstliche Mahl zu uns nahmen, ein Mahl, von dem wir in den letzten zehn Monaten nur hätten träumen können. Durch den Dampf, der aus dem offenen Behälter aufstieg, traf mein Blick den von Iesie. Wir wussten, dass wir uns jetzt keine Sorgen mehr darüber machen mussten, wie wir die Kinder in den nächsten zwei Tagen satt kriegen sollten.

Als ein paar Jungen eine zweite Portion nehmen wollten, sagte ich ihnen, sie sollten es nicht tun. Zu viel von einer so reichhaltigen Nahrung könne sie krank machen. Stattdessen sollten wir jetzt alle wieder ins Bett gehen. Bram legte den Deckel zurück auf den Behälter, schloss aber die Klammern nicht, damit er sich morgen leichter öffnen lassen würde. Iesie legte einen kleinen Koffer auf den Deckel, als Beschwerung, damit die Suppe warm blieb. Danach gingen wir alle ins Bett und waren schnell eingeschlafen.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, entdeckte ich, dass der Koffer, der auf meinem Bett lag, offen stand. Das kam mir seltsam vor, ich war sicher, ihn am Abend geschlossen zu haben. Ich kontrollierte den Inhalt. Kein Zucker fehlte, die Marmeladengläser waren noch da. Bei nochmaligem Kontrollieren entdeckte ich aber, dass die Hälfte der süßen Kekse fehlte. Ich rief Iesie und Max herüber, um die Sache mit ihnen zu besprechen. Ich war wütend und in meiner Wut sprach ich ziemlich laut. Beide hatten keine Ahnung. Die meisten von uns waren am Abend doch gar nicht hungrig gewesen. Uns war klar, dass wir, um zu überleben, den Diebstahl nicht tolerieren durften. Loukie kam auf das Bett und unterbrach uns.

„Hetty, ein kleiner Junge hat gesagt, es sei Emile gewesen.“

Mir fiel ein, dass Emile bereits früher einmal so etwas getan hatte. Aber ich musste mir sicher sein, deshalb sagte ich zu Loukie, er solle den kleinen Jungen zu mir bringen. …