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Clara Assher-Pinkhof - „Sternenkinder“

ISBN: 978-3-7915-2624-9

Klappentext:

„Sternenkinder“ - das waren die jüdischen Kinder, die unter den Nationalsozialisten den „Judenstern“ tragen mussten. Wie ihre Eltern und Großeltern erfuhren sie die Schrecken der Konzentrationslager – und verstanden doch oft nicht, was mit ihnen geschah. Clara Asscher-Pinkhof, die selbst deportiert wurde und nur durch großes Glück überlebte, beschreibt die Stationen der Verfolgung durch die Augen der Kinder und findet so besonders eindringliche Bilder für das Leid, das diese zu ertragen hatten.

Mirjam Pressler hat den Text von 1946 neu und erstmals vollständig übersetzt.

Inhalt:

Clara, ein jüdisches Mädchen in den Niederlanden, allein und ohne ihre Eltern. Sie wird deportiert, überlebt die Hölle in den Konzentrationslagern und hat das Glück mit dem einzigen Austauschtransport nach Palästina zu kommen. - Kaum zu fassen ist ihr Glück, als sie das Lager in der 250 Menschen starken Gruppe verlässt, in einem sauberen Bett mit Laken schlafen kann, genug zu Essen bekommt und dann auch noch in einem normalen Personenzug fährt, der sogar einen Speisewagen mit Porzellangeschirr hat.

Clara hatte Glück!

Dazu gibt es in diesem Buch aber auch jede Menge Leid zu lesen. Das Leid der Wartenden, das Leid von Hunger und Krankheit und Verlust von Hab und Gut. Der schlimmste Verlust war wohl die aberkannte Würde.

Leseprobe:

… Heute ist ein langer Tag. Er hat früh begonnen und er wird wohl nie enden. Es ist so lang, und es passiert so viel Seltsames, dass er an der Hand des Vaters einschläft, statt sich umzuschauen, wie viel Seltsames wirklich passiert.

Er ist heute Morgen aufgewacht, als es eigentlich noch Nacht war. Das passiert ihm sonst nie. Aber ein Auto bog in die Straße ein und in dem Auto saß ein Mann, der schrie ganz laut etwas durch einen Lautsprecher. Sein Vater und seine Mutter liefen zum Fenster, um zu hören, was der Mann sagte. Aber er war noch zu verschlafen, um aus dem Bett zu steigen. Als der Mann zu Ende geredet hatte, dauerte es eine Weile, dann redete er wieder, nur ein bisschen weiter weg. Beim letzten Satz hörte der Junge, dass es das Gleiche war wie vorher. Und als de Mann zum dritten Mal redete, verstand er alles. Er erschrak noch nicht einmal, denn er hatte es ja bereits anderthalb Mal gehört.

Alle Juden sollten zu Hause bleiben und ihr Gepäck fertigmachen. Nur die Nichtjuden durften ihre Wohnungen verlassen, um zur Arbeit zu gehen. So ungefähr hieß es.

„Sollen wir aufstehen?“, fragte er seine Eltern. Sie drehten sich erschrocken zu ihm um. Sie hatten nicht bemerkt, dass er aufgewacht war und alles gehört hatte. Er, der Älteste.

„Hast du es denn verstanden?“

„Beim dritten Mal.“

Die Mutter hat sich auf seinen Bettrand gesetzt und ihn gestreichelt. Das tut sie sonst nur bei den Kleinen, er ist zu groß für so etwas. Aber heute findet er es schön, dass sie ihn streichelt. Sie schaut über ihn hinweg zu den Familienbildern, die an der Wand hängen, und sagt. „Jetzt ist es so weit.“

Der Vater stellt sich neben die Mutter, legt seine Hand auf ihre Schultern und sagt: „Wir haben es die ganzen Jahre gut gehabt.“ Und der Junge ist sehr froh, dass er der Älteste ist und vom Lautsprecher geweckt wurde und dass die Eltern so lieb zueinander und zu ihm sind und dass sie es die ganzen Jahre gut gehabt haben.

Dann machen sich Vater und Mutter leise an die Arbeit. Sie wollen die beiden Kleinen und das Baby nicht aufwecken, und sie möchten auch gern, dass er noch ein bisschen schläft, denn heute wird noch vil passieren. Er schließt die Augen, schaut aber durch die Wimpern zu, wie Vater und Mutter ins Schlafzimmer gehen, wo auch die Wiege und der Wickeltisch stehen, und wie Mutter die Windel und die Babykleider hervorholt und Vater viele andere Dinge aus dem Kleiderschrank. Er versucht, noch fünf Minuten liegen zu bleiben, doch dann denkt er an alles, was er noch nicht in seinem Rucksack hat, weil er es jeden Tag gebraucht hat, was er aber unbedingt mitnehmen möchte. Er kann nicht mehr liegen bleiben. Die Stimme aus dem Auto hat nicht gesagt, wann sie kommen werden, um sie abzuholen. Es könnte also bald sein. Leise, um die Kleinen nicht zu wecken, rutscht er aus dem Bett und zieht sich an. Sofort ist die Mutter bei ihm.

„Warten einen Moment, Schätzchen“, sagte sie. Sie nennt ihn sonst nie „Schätzchen“, schließlich ist er ein Junge. „Warte einen Moment, ich gebe dir noch mehr Unterwäsche. Dann müssen wir nicht alles tragen.“

Es ist ein warmer Tag, trotzdem zieht er die Unterwäsche übereinander an, die seine Mutter ihm gibt. Er protestiert nicht. Je mehr er anzieht, umso mehr Platz bleibt im Rucksack für die Dinge, die er mitnehmen möchte.

Dann werden die Kleinen wach und das Baby auch. Alle werden sie dick angezogen und sie müssen auch viel essen, denn sie wissen nicht, wann sie wieder etwas bekommen. Die Kleinen tun ihr Bestes. Es ist lange her, dass sie so viel essen durften, wie sie Lust hatten, also fällt es ihnen schwer, mehr zu essen als sonst.

Als die Mutter das Frühstücksgeschirr abspülen will, lacht der Vater sie aus, als wäre er wieder ein Lausejunge.

„Bist du verrückt?“, fragt er. „Für wen willst du alles gespült zurücklassen? Kinder, ihr dürft so viel Unordnung machen, wie ihr wollt.“

„Auch Schnipsel? Überall?“, fragt die kleine Schwester.

Der Vater hebt sie hoch und schwenkt sie über dem Kopf hin und her. „Auch Schnipsel. Überall.“

Die Kleinen machen sich sofort begeistert ans Werk, und er, der Große, schließt sich ihnen an, nachdem er alles in seinen Rucksack gestopft hat, was er mitnehmen möchte. Dieses seltsame Spiel, Unordnung zu machen, fesselt ihn bald. Fast vergisst er, was der Mann im Auto morgens gerufen hat und was heute passieren wird. Er vergisst, dass sie zum letzten Mal in ihren Zimmern und zwischen ihren eigenen Sachen sind und dass sie eigentlich traurig sein sollten. Überall liegen Papierschnipsel, alte Lappen und zerrissene Zeitungen herum. Die Kleinen haben ihren Spaß und er auch. …