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Ellen Thiemann - „Der Feind an meiner Seite“

ISBN: 978-3-7766-2453-3

Klappentext:

Als „Der Spiegel“ Ellen Thiemanns Exmann als einen der größten Stasi-Spitzel unter den DDR-Sportjournalisten enttarnt, hat sie nur noch ein Ziel: die Wahrheit finden, aufklären, zur Verantwortung ziehen. So erfährt sie, dass ihr Mann unmittelbar nach ihrer Inhaftierung ausgerechnet mit ihren Feinden paktierte, als deren Laufbursche und Marionette fungierte. Hatte er gar die gemeinsam geplante Flucht verraten?

Ellen Thiemann beschreibt ihren Kampf mit der bundesdeutschen Justiz gegen Stasi-Vernehmer, Richter, Spitzel, Zuchthausleiter. Sie offenbart brisante Aufzeichnungen ihres Exmannes über Kollegen, Geliebte, Sportler und Trainer in der DDR, der BRD und auch im europäischen Ausland.

Inhalt:

Ellen Thiemann geht in diesem Buch auf die Stasi-Vergangenheit ihres Mannes ein. Sie beschreibt ihre Gefühle bei der Einsichtnahme der Stasiakten sowie vom Inhalt der selben.

Ihr Mann, Fußballer in der DDR, später Sportredakteur hat sich während ihrer Haftzeit sein Leben neu organisiert und viele neue Kontakte aufgebaut.

Ellen Thiemann berichtet außerdem, wie sie noch nach ihrer Flucht von der Stasi verfolgt wurde und Angst um ihr Leben haben musste. - Sie macht immer wieder Rückblenden in ihre eigene Vergangenheit, bei passenden Stellen in den Akten.

Es ist schon erschreckend, was man in der DDR alles ausspioniert hat.

Leseprobe:

Mich holte die DDR-Vergangenheit knallhart am 26. April 1991 auf der Leipziger Buchmesse ein. „Eines Tages im Westen eine schöne Leiche – ein Autounfall, der nicht rekonstruierbar ist.“ Die Drohung vom Stasi-Vernehmer Arno Libera wird wieder gegenwärtig.

Internationale Pressekonferenz am 25. April 1991 am Stand von Ullstein-LangenMüller mit zahlreichen Journalisten, Fotografen und TV-Sendern. Die Autorunde versprach durch beeindruckende Bücher interessante Gespräche: unter anderem Staatssekretär a.D. Ludwig A. Rehlinger mit „Freikauf“, Journalist Reginald Rudorf mit „Nie wieder links“, Staatsanwalt Heiner Sauer „Der Salzgitter-Report“, Ekkehard Willenberg „Unser Brot schmeckt anders“ und ich mit der Taschenbuchausgabe meines erweiterten Erfolgsbuches „Stell dich mit den Schergen gut“. Nach der Pressekonferenz gab es Einzelinterviews für Tageszeitungen und Zeitschriften, für Radio und Fernsehen. Im Hotel „Deutschland“ ließen die Autoren samt Verlagsleitung und Mitarbeitern den ereignisreichen Tag ausklingen. Am nächsten Morgen tauchte ein untersetzter, bulliger Mann um die 35 auf. Schwarze Lederjacke, Jeans, Turnschuhe. Die neue Kluft der alten Stasie-Akteure?, fragte ich mich. Mit hasserfülltem Blick und zusammengekniffenem Mund schaute er mich an, als er durch die Ausstellungsstände meiner Verlagsgruppe steuerte. Mitten durch unser Gelände führte der Weg zur Eingangstür des weitläufigen Leipziger Pressezentrums. Der Stasi-Typ entschwand meinen Blicken. Nach etwa zwei Minuten tauchte er wieder auf. Derselbe unstete Blick. Hass stand drin geschrieben. Mordlust. Nein, ich bildete es mir nicht ein. Unverfroren glotzte er mich immer wieder so durchdringend an. Dreimal lief er hin und zurück. Dann schwenkte er seitlich zu den Ständen auf der linken Seite. Dort stand auch mein Buch im Regal, zwischen Ardenne und Willenberg. Nachdem ich mir meiner Sache sicher war, dass dieser schauerliche Typ mich nicht verunsichern sollte, sonder einen Auftrag hette, verständigte ich die Pressechefin unseres Verlages. Sie näherte sich ihm und beobachtete sein Treiben. Nach zehn Minuten kam sie zurück. „Gratulation. Sie haben gut beobachtet und richtig getippt. Er hat sie unentwegt ins Visier genommen.“ Was wollte er von mir? Hier, unter so vielen Menschen konnte er mir schließlich nichts antun.

„Er nahm sich ein Buch nach dem anderen aus dem Regal und schaute daran vorbei in Ihre Richtung. Ganz offensichtlich“, erklärte mir die Pressefrau noch. Kurz darauf verließ der abstoßende Typ den Stand, verschwand in den linken Gang lang. Wann würde einer seiner Kumpane auftauchen?

Gespräche mit Journalisten und Buchhändlern lenkten mich ab. Doch dann erschien wieder ein Mann in schwarzer Lederjacke, Jeans und Turnschuhen. Er war schlang, etwa 42 Jahre alt, graue Gesichtsfarbe wie bei Kettenrauchern. Nachdem er mich kurz gemustert hatte, schritt er forsch durch die Glastür ins Pressezentrum. Nach Sekunden kam er wieder. Nach einem weiteren Blick auf mich lief er schnurstracks Richtung Ausgang. Ich vermutete, dass er die Situation um mich herum einschätzen sollte, um weitere Anweisungen geben zu können, wie und wo man mich attackieren könnte. In der Folgezeit gab ich Interviews, Autogramme, unterhielt mich mit einem französischen Bildhauer, der aus München angereist war. Ich wartete auf eine Buchhändlerin, mit der ich verabredet war. Eigentlich sollte ich das Hotelzimmer um 12 Uhr geräumt haben. Telefonisch bat ich um eine Verlängerung bis 13.30Uhr.

Irgendwann entdeckte ich an einer Säule der etwa 70 Meter langen Halle einen Mann. Er saß auf einem Stuhl. Auf den Knien hatte er ein Buch oder einen Katalog liegen. Sein angestrengtes Starren in meine Richtung wertet ich zuerst als Zufall. Doch nach etwa einer Stunde mit sehr aufmerksamer Beobachtung wusste ich: Das ist ein Stasi-Spitzel, der mich intensiv anpeilt. Auch diese Wahrnehmung vertraute ich der Pressefrau an. „Ich gehe jetzt mal nach rechts zum Stand und Sie beobachten, was er macht, wenn er mich nicht mehr sieht.“ Gesagt, getan. Kaum war ich aus seiner Sichtweite, flüsterte sie mir aufgeregt zu. „Er ist aufgestanden. Er kommt, er kommt.“ Mit wenigen Schritten war ich wieder in alter Position. Er hatte bereits unseren Stand erreicht, wandte sich nach einem kurzen, nervösen Blick auf mich nach links, wo Kinderbuchverlage ausstellten. Er war etwa 34 Jahre alt, trug einen braunen Anzug mit Krawatte und einen längeren Mantel. Wenige Schritte nur ging er, dann kam er wieder zurück. Blickte erneut zu mir – dann unruhig sofort wieder weg, als ich ihm geradezu herausfordernd in die Augen schaute. …