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Wolfgang Hohlbein - „Horus“

ISBN: 978-3-7857-2257-2

Klapptentext:

London, 1888. Ein Schiff läuft in den Hafen ein. Der einzige Passagier an Bord ist eine Frau – rätselhaft, anmutig wie eine Katze und mit einer Haut schwarz wie die Nacht. Sie nennt sich Bast und sagt, sie sei nach London gekommen um ihre Schwester zu suchen. Doch das Rätsel um Bastet, so ihr eigentlicher Name, geht viel tiefer. Ihre Familie ist alt, sehr alt. Einst hat man sie als Götter verehrt, noch immer sind sie mehr als gewöhnliche Sterbliche, und ihre Gefühle sind übermenschlich. Liebe treibt sie, Hunger brennt in ihnen, und Hass legt sich über die Stadt wie die dunklen Schwingen eines riesigen Falken. Und während des Nachts ein Mörder durch die nebligen Gassen von London schleicht, entbrennt in den unterirdischen Kanälen ein Kampf zwischen Mächten, die so alt sind wie die Menschheit. Vergessen Sie alles, was Sie bislang über Jack the Ripper und die ägyptischen Götter wussten! Wolfgang Hohlbein gibt auf unnachahmliche Weise Einblick in seine ganz eigene Interpretation beider Legenden.

Inhalt:

In London treibt Jack the Ripper sein Unwesen in den einschlägigen Kreisen. Und Bast, die eigentlich Bastet heißt, sucht in eben den selben Kreisen nach ihrer Schwester Isis. Eigentlich will sie sie vor Horus warnen. Der weilt auch gerade in London und will sich an Isis retten, weil sie ihn verschmäht hat.

Während ihrer Suche hat Bast Kontakt mit einigen Sterblichen. Unter anderem auch die eine oder andere Dirne. Aber genau diese Kontakte machen sie verwundbar. Diese Verwundbarkeit nutzt Horus aus. Immer wieder bringt er Menschen um, die sie mag.

Doch dann gerät Bast in den Verdacht, dass sie für die Morde verantwortlich ist. - Nun muss sie nicht nur gegen Missgunst, Unglauben und Neid kämpfen, sondern auch gegen die Bobbys der Polzei, ihre eigenen Zweifel und Horus.

Leseprobe:

… »Das St. Catherine’s House ist nur für Frauen, die keine Wohnung haben«, antwortete Faye. »Aber sie haben mir einen heißen Tee gemacht, und ich konnte ein paar Stunden bleiben. Sie hätten mich noch länger bleiben lassen, aber ich war in Sorge um dich.«

»Also bist du zurückgekommen.« Bast schlüpfte in ihr Kleid, strich es mit beiden Händen glatt und verzog angewidert das Gesicht, als ihre Finger durch schmierige Nässe glitten. Blut? Seltsam – sie hatte eine Menge mit Roy angestellt, aber sie konnte sich nicht daran erinnern, dass er dabei geblutet … dann wurde ihr klar, dass es eher von Bens zertrümmertem Nasenbein stammte. Ein flüchtiges Gefühl von Bedauern überkam sie, als sie an den hässlichen Zwischenfall vom vergangenen Abend zurückdachte. Ben hatte letztnur getan, wofür er bezahlt wurde, und irgendwie … war er kein wirklich übler Kerl. Sie hoffte, dass sie ihn nicht allzu sehr verletzt hatte.

Rasch und ohne dass Faye es bemerkte, wischte sie sich die Hände an ihrem Gewand ab und fuhr fort, als wäre nichts geschehen: »Und was hättest du getan, wenn ich in Gefahr gewesen wäre? Ihn niedergeschlagen?«

»Wohl kaum«, schnappte Faye. »Aber ich hätte dir … ach, verdammt, ich weiß es nicht, aber ich hätte versucht, irgendwas zu tun. Aber das war ja nicht nötig, nicht wahr?«

»Nein, war es nicht«, antwortete Bast kühl. Ganz plötzlich, von einem Atemzug auf den nächsten, ging ihr Fayes Benehmen auf die Nerven. Was fiel diesem dummen Kind ein? Sie benahm sich, als wäre sie ihre Mutter, die sie mit dem Kohlenmann im Bett erwischt hatte!

Ärgerlich wandte sie sich um, ging zur Kommode und wusch sich mit dem abgestandenen Wasser in der Schüssel Hände und Gesicht. Es war eiskalt und schon nicht mehr sauber gewesen, als sie gestern Nacht gekommen war, aber an ihren Fingern klebte jetzt wenigstens kein Blut mehr, das Faye Anlass zu weiteren dummen Fragen geben würde.

»Nein, das war wirklich nicht nötig!«, schnaubte Faye. »Verdammt noch mal, was hast du eigentlich mit ihm gemacht? Der Kerl ist ja fast tot!«

»Mit ihm gemacht? Möchtest du Einzelheiten wissen, Kleines, oder …« Wieso fast? starrte das dunkelhaarige Mädchen eine halbe Sekunde lang verständnislos an, dann fuhr sie herum, war mit einem einzigen Schritt neben dem Bett und beugte sich über die reglose Gestalt darauf.

Roy lag noch immer in vollkommen unveränderter Haltung da, mit offenen Augen und leerem Blick, und sein Atem ging so flach, dass man schon sehr genau hinsehen musste, um überhaupt zu sehen, dass er noch atmete.

Aber er atmete, und das hätte er eigentlich nicht gedurft.

Bast beugte sich weiter vor, zog die Decke zurück und legte die flache Hand auf Roys Brust. Sein Herz schlug sehr langsam, vielleicht zwanzig oder fünfundzwanzig Mal in der Minute, aber es schlug, und seine Haut war warm.

»Er … lebt?«, murmelte sie.

»Natürlich lebt er … so gerade noch!«, sagte Faye. »Hast du was anderes erwartet?« Sie kam zornig näher. »Aber hättest du vorher gesagt, was du vorhast, dann hätte ich Miete für das Zimmer verlangt!« Sie klang wütend, so viel wütender, als selbst angesichts dieser Situation erklärbar schien, dass Bast überrascht aufsah. Sie erkannte dieselbe Wut auf ihrem Gesicht, die auch in ihrer Stimme zu hören war, aber darunter verbarg sich auch ein nur noch mühsam beherrschter Schrecken. Sie lachte nervös. »He, einen Moment lang hast du wirklich gedacht, er wäre tot, wie? Also wenn ich es nicht schon vorher gewusst hätte, dass Patsy wirklich deine Freundin ist, dann würd ich dir spätestens jetzt glauben.«

»Wieso?«, fragte Bast. Sie hatte fast Mühe, dieses einzelne Wort auszusprechen. Roy war ganz eindeutig am Leben … aber das hätte er nicht gedurft! hungrig, wie sie gewesen war, hätte sie sich nicht einmal mehr gewundert, wenn sie Roy wirklich en hätte!

»Warum? Sag nicht, du weißt nichts von Patsys Todesküssen.«

»Patsys … Todesküssen?«

»Es heißt natürlich nur so«, beeilte sich Faye zu versichern.

Anscheinend war der Schrecken, den dieses Wort Bast eingejagt hatte, deutlich in ihrer Stimme zu hören gewesen. »Ein paar von den Jungs haben es so genannt.«

»Was?«

»Patsy macht das nicht oft, nur wenn sie einen Kerl nicht leiden kann … oder er ganz besonders aufdringlich ist. Aber ich hab’s einmal gesehen. Der Bursche wollte einfach keine Ruhe geben, bis Patsy ihm nicht wenigstens einen Kuss geben würde. Und dann hat sie ihn geküsst.« Sie hob die Schultern. »Der Kerl ist zusammengebrochen wie vom Blitz getroffen. Hat kaum noch geatmet, und es hat über eine Stunde gedauert, bis er wieder zu sich gekommen ist … und mehr als zwei, bis er auch nur wieder so weit auf den Beinen war, um nach Hause zu wanken. Hab den Kerl seither nie wieder hier im East End gesehen.« ...