ich-geb-dir.info
Home.
Delfine.
Hunde.
Literatur.

Mika Waltari - „Sinuhe der Ägypter“

ISBN: 3-404-00494-9

Klappentext:

Kein Autor hat die farbtrunkene Welt des östlichen Mittelmeers im 14. Jahrhundert v. Chr. erregender geschildert als der finnische Dichter Mika Waltari in seinem Meisterwerk »Sinuhe der Ägypter«. Es ist weit mehr als ein spannender Roman – es ist die Kultur und Sittengeschichte des vorchristlichen Orients, erfüllt von Glanz und Rausch, bis zum Rand gesättigt mit grausamen Lüsten und den Mysterien heidnischer Erotik.

Sinuhe, ein berühmter Arzt am Hof des Pharao Echnaton, steigt zu höchsten Ehren auf. Abenteuerliche Reisen führen ihn bis nach Babylon und auf die Insel Kreta, wo er das Geheimnis des blutdürstigen Minotaurus entschleiert. Alt und weise geworden, schreibt Sinuhe in der Verbannung die Geschichte seines bewegten Lebens. Dieses Werk gehört in die Reihe der bleibenden großen historischen Romane.

Inhalt:

Sinuhe ist ein Ägypter, ein Findelkind, wenn man es genau betrachtet. Er findet Aufnahme bei zwei ganz lieben Personen, die zwar auch nicht viel haben, ihn aber an eigener Kinder statt liebevoll aufziehen. - Sinuhe tritt in die Fußstapfen seines Ziehvaters und wir Arzt, der dann weit herum komme, die Unruhen in Ägypten mitbekommt, sich in anderen Ländern verdient macht, liebt hofft und enttäuscht wird. Trotzdem kämpft er sich durchs Leben, ist reich, lebt aber wie ein armer.

Die Lebensgeschichte eines ägyptischen Arztes!

Leseprobe:

… »Jedenfalls bist du ein großer Schafskopf«, entgegnete ich, »daß du solche Worte äußerst. Denn das sind gefährliche Reden; wenn der Pharao Kenntnis davon bekommt, kann er leicht seine Streitwagen und Speere gegen dich aussenden, deine Mauern niederreißen und dich und deinen Sohn mit dem Kopf nach unten am Vordersteven seines nach Theben zurückkehrenden Kriegsschiffes aufhängen lassen.«

Aziru aber lächelte nur und sprach: »Ich glaube nicht, daß mir der Pharao gefährlich wird; denn ich habe aus seiner Hand das Zeichen des Lebens empfangen und seinem Gott einen Tempel errichtet. Deshalb setzt er mehr Vertrauen in mich als in irgend jemand anderen in Syrien, sogar mehr als in seine eigenen Gesandten und Garnisonsbefehlshaber, die Ammon anbeten. Ich will dir etwas zeigen, was dich bestimmt ergötzen wird.«

Er führte mich zur Mauer und zeigte mir eine vertrocknete Leiche, die nackt, mit dem Kopf nach unten, von Fliegen umschwärmt, daran baumelte. »Wenn du genau hinsiehst«, meinte er, »wirst du finden, daß es sich um einen Beschnittenen handelt. Dieser Mann war tatsächlich ein Ägypter. Er war sogar ein Steuereintreiber des Pharao, der die Kühnheit besaß, in mein Haus einzudringen, um zu schnüffeln, weshalb ich mit meinen Steuern ein paar Jahre im Rückstand war. Meine Soldaten hatten große Freude an ihm, bevor sie ihn seiner Frechheit wegen an die Mauer hängten. Dadurch habe ich erreicht, daß die Ägypter nicht einmal in großen Haufen gerne durch unser Land fahren und die Kaufleute ihre Abgaben lieber an mich als an jene entrichten. Was das bedeutet, wirst du verstehen, wenn ich dir anvertraue, daß Megiddo sich in meiner Gewalt befindet und mir gehorcht statt der ägyptischen Garnison, die sich in ihrer Festung verschanzt hält und sich nicht in die Straßen der Stadt hinauswagt.«

»Das Blut dieses armen Menschen wird über dein Haupt kommen!« sprach ich entsetzt. »Du wirst fürchterlich bestraft werden, wenn deine Tat ruchbar wird. Mit allem anderen kann man in Ägypten Spott treiben, niemals aber mit den Steuererhebern des Pharao.«

»Ich habe die Wahrheit zur Schaustellung an die Mauer gehängt«, erklärte Aziru zufrieden. »Auch sind deshalb zahlreiche Untersuchungen angestellt worden. Ich habe mit Freuden sowohl Papier als auch Lehmtafeln zur Aufklärung der Angelegenheit vollgekritzelt und ebenso zahlreiche Lehmtafeln darüber erhalten, die ich sorgfältig numeriert aufbewahre, um, unter Hinweis darauf, neue Lehmtafeln vollschreiben zu können, bis ich mir schließlich eine Schutzmauer aus lauter Lehmtafeln aufführen kann. Beim Baal der Amoriter! Ich habe diese Sache bereits so durcheinandergebracht, daß der Statthalter von Megiddo den Tag seiner Geburt verflucht, weil ich ihn unaufhörlich mit neuen Lehmtafeln belästige und das Recht fordere, das dieser Steuererheber verletzt hat. Auch ist mir mit Hilfe zahlreicher Zeugen der Beweis gelungen, daß er ein Mörder und Dieb war, der die Mittel des Pharao veruntreute. Ich habe bewiesen, daß er in allen Dörfern die Frauen bedrängte, und berichtete, daß er die Götter Syriens geschmäht und sogar sein Wasser am Altar Atons abgeschlagen. Das verleiht meiner Sache vor dem Pharao die Festigkeit eines Felsens. Siehst du, Sinuhe: Gesetz und Recht, die auf Lehmtafeln geschrieben wurden, sind von langsamer Wirkung und verworren und werden immer verwickelter, je mehr Lehmtafeln man vor dem Richter aufstapelt, bis schließlich der Teufel selbst die Wahrheit nicht mehr herausbekommen kann. In dieser Sache bin ich den Ägyptern überlegen. Ich werde es auch bald in anderen Dingen sein.«

Je mehr Aziru sprach, desto deutlicher entsann ich mich Haremhabs; denn Aziru hatte etwas von Haremhabs Männlichkeit und war wie dieser ein geborener Krieger, obwohl er älter und von der syrischen Staatskunst vergiftet war. Ich glaubte nicht, daß man nach seiner Auffassung über große Völker herrschen konnte. Ich hielt seine Gedanken und Pläne für ein Erbe seiner Väter, entstanden zu einer Zeit, da Syrien einem zischenden Schlangenneste geglichen, in dem die zahlreichen Kleinkönige untereinander um die Macht kämpften und sich gegenseitig ermordeten, bis Ägypten Syrien befriedete und dessen Fürstensöhne ihre Erziehung und Bildung im goldenen Hause des Pharao erhielten. Auch suchte ich ihm seine falsche Einschätzung des Reichtums und der Macht Ägyptens auszureden und warnte ihn davor, sich allzu stark aufzublähen. Denn auch ein Ledersack schwillt, wenn man ihn mit Luft vollbläst; sticht man aber ein Loch hinein, so sinkt er zusammen und verliert seine Größe. Aziru aber lachte mich aus, zeigte seine goldenen Zähne und ließ mir neue Schafsbraten auf Silberschüsseln auftischen, um mit seinem Reichtum zu prahlen. ...