ich-geb-dir.info
Home.
Delfine.
Hunde.
Literatur.

Elizabeth Kostova - „Der Historiker“

ISBN:  3-8270-0590-6

Klappentext:

Ein junges Mädchen findet in der Bibliothek ihres Vaters ein Konvolut mit vergilbten Briefen. Das Geheimnis um den Vater und das Schicksal der Mutter verbinden sich zu einem Drama, das weit in die Vergangenheit zurückreicht. Die Briefe fragen nach der Herkunft von Vlad dem Pfähler, dem Urbild der Dracula-Legende. Eine atemberaubende Suche in Klöstern, Bibliotheken und Archiven beginnt, bei der Grausamkeiten Draculas zutage treten, die sich bis heute fortsetzen ...

Inhalt:

Ein junges Mädchen hat bei ihrem Vater ein wirklich sehr seltsames Buch gefunden. Sie fängt an und stellt darüber Fragen und rutscht so in eine Geschichte hinein, die sie auch aufklärt, was aus der Mutter geschehen ist.

Die Story nimmt ihren Anfang in der Studienzeit ihres Vaters. Dessen Doktorvater verschwinden von einen auf den anderen Moment spurlos und der Student macht sich auf die Suche nach dem Mann, der ihm inzwischen wie ein wirklich Vater geworden ist. Dabei stößt er auf die Legende von Dracula. Auch als Vlad der Pfähler bekannt. Er lernt seine spätere Frau kennen, sie bekommen ein Kind, dann verschwindet auch die Frau...

Zum Schluss verschwindet auch der Vater und die Tochter sucht nun nach ihm. Sie ist erwachsen und will selber Historikerin werden.

Zum Schluss ist die gesamte Familiengeschichte des jungen Mädchens geklärt. Es ergeben sich teilweise wirklich seltsame Familienbande und den Protagonisten bleibt zumindest ein wenig Zeit zum Luft holen, bevor die nächsten Katastrophen auf sie herein brechen.

Leseprobe:

… ›Niemals. Zunächst habe ich das Restaurantwochenlang nicht wieder betreten, aber dann war die Neugier stärker, und ich ging hinein, wieder nach Einbruch der Dunkelheit, aber da war keine Spur von ihm. Ich fragte sogar einen der anderen Kellner nach ihm, aber der sagte, der Mann habe nur kurz dort gearbeitet, und er wusste nicht einmal seinen Nachnamen. Mit Vornamen hatte er Akmar geheißen. Nie wieder habe ich etwas von ihm gesehen.‹

›Und Sie dachten, das Gesicht, das Sie sahen, war…‹ Ich verstummte.

›Es war Grauen erregend. Mehr hätte ich Ihnen damals nicht dazu sagen können. Aber als ich heute das Gesicht dieses Bibliothekars sah, den Sie, wie Sie sagen, hierher importiert haben, hatte ich das Gefühl, es bereits zu kennen.

Es ist nicht einfach nur der Ausdruck des Todes. Da ist etwas an diesem Ausdruck…‹ Er wandte sich unruhig um und sah zu der kleinen Nische mit dem Porträt hinter dem Vor-

hang hinüber. ›Was mir an Ihrer Geschichte einen Schlag versetzt, ist, dass dieser amerikanische Bibliothekar die Stufen seiner seelischen Verdammnis noch weiter hinabgestiegen ist, seit Sie ihn das letzte Mal gesehen haben.‹

›Was meinen Sie damit?‹

›Als er Miss Rossi in der Bibliothek angriff, konnten Sie ihn niederschlagen. Aber mein Freund aus dem Archiv, den er heute Morgen angegriffen hat, sagt, er sei sehr stark gewesen, und Mr Erozan ist nicht unbedingt schwächer als Sie. Und dieser Teufel, ach… er konnte eine beträchtliche Menge Blut aus ihm saugen.

Dabei war dieser Vampir draußen im Tageslicht, als wir ihn sahen, er kann also noch nicht völlig zu einem Untoten geworden sein. Ich nehme an, dass der Kreatur entweder bei Ihnen drüben oder hier in Istanbul ein zweites Mal das Leben ausgesaugt wurde, und wenn der Mann hier irgendwelche Verbindungen hat, wird er schon bald seine dritte Weihung erhalten und für immer zu einem Untoten werden.‹

›Ja‹, sagte ich. ›Aber solange wir nicht wissen, wo er ist, können wir gegen den Kerl nichts unternehmen. Sie werden Ihren Freund also sehr sorgfältig schützen müssen.‹

›Das werde ich‹, sagte Turgut mit bitterer Entschlossenheit und verfiel für eine Weile in Schweigen. Schließlich wandte er sich seinem Bücherregal zu und zog ein großes Album mit lateinischen Buchstaben auf dem Deckel heraus. ›Rumänisch‹, erklärte er mir. ›Das hier sind Bilder von Kirchen aus Transsilvanien und der Walachei, die von einem erst kürzlich verstorbenen Kunsthistoriker zusammengestellt wurden. In seiner Sammlung sind viele Bilder von Kirchen, die leider später im Krieg zerstört wurden. Das macht dieses Buch sehr wertvoll.‹ Er legte mir den Band in die Hand.

›Warum schlagen Sie nicht einmal die Seite fünfundzwanzig auf?‹

Ich tat es und fand auf einer Doppelseite einen kolorierten Stich. Die dazugehörige Kirche war auf einem kleinen Schwarzweißfoto zu sehen: ein elegantes Gebäude mit gedrehten Doppeltürmen. Aber die größere Abbildung weckte mein Interesse. Links schwebte fliegend ein bösartiger Drache mit nicht nur einfach, sondern zweifach gewundenem Schwanz, das goldene Auge rollte wie im Wahnsinn, und das Maul spuckte Feuer. Die Kreatur schien sich auf die Gestalt rechts stürzen zu wollen, einen in Ketten dahockenden Mann mit gestreiftem Turban. Voller Furcht kauerte dieser Mann am Boden, ein Krummschwert in der einen und einen runden Schild in der anderen Hand. Zuerst dachte ich, er stünde auf einem Feld mit merkwürdigen Pflanzen, aber als ich genauer hinsah, erkannte ich, dass die Objekte um seine Knie herum Menschen waren, ein kleiner Menschenwald, und jeder Einzelne von ihnen wand sich auf dem Pfahl, der ihm durch den Leib getrieben war. Einige von ihnen trugen Turbane wie der Riese in ihrer Mitte, andere waren wie Bauern gekleidet. Dann wieder gab es welche in fließendem Brokat und mit großen Fellmützen, Blonde und Schwarze, Edelleute mit langen schwarzen Bärten und sogar ein paar Priester oder Mönche in schwarzen Kutten und hohen schwarzen Hüten, Frauen mit herabhängenden dicken Zöpfen, nackte Knaben und Kleinkinder, ja, und auch das eine oder andere Tier. Alle wanden sich vor Schmerzen.

Turgut betrachtete mich. ›Diese Kirche wurde von Dracula während seiner zweiten Regentschaft gestiftet‹, sagte er ruhig.

Ich studierte das Bild noch weiter, aber schließlich ertrug ich es nicht mehr und schloss das Buch. Turgut nahm es zurück und stellte es wieder an seinen Platz. Als er sich mir zuwandte, war sein Blick fest. ›Und wie,mein Freund, wollen Sie jetzt Professor Rossi aufspüren?‹

Die unverblümte Frage erinnerte mich daran, dass diese Suche hauptsächlich in meinen Händen lag, und ich seufzte unwillentlich. ›Ich versuche immer noch, die verschiedenen Mosaiksteine zusammenzusetzen‹, gab ich zu.

›Aber trotz Ihrer und Mr Aksoys großzügiger Arbeit letzte Nacht habe ich das Gefühl, noch nicht viel weiter zu sein. Vielleicht ist Vlad Dracula nach seinem Tod tatsächlich noch einmal in Istanbul aufgetaucht, aber wie lässt sich herausfinden, ob er hier auch begraben wurde und es immer noch ist? Das bleibt mir ein Rätsel. Was nun unsere nächsten Schritte anbelangt, kann ich Ihnen nur sagen, dass wir für ein paar Tage nach Budapest fahren werden.‹

›Budapest?‹ Fast konnte ich sehen, wie verschiedene Mutmaßungen über sein breites Gesicht huschten.

›Ja. Sie erinnern sich doch an die Geschichte, die Ihnen Helen erzählt hat über ihre Mutter und den Professor – ihren Vater. Helen glaubt, dass ihre Mutter noch Dinge weiß, nach denen sie nie gefragt hat, also wollen wir sie besuchen, um persönlich mit ihr zu sprechen. Helens Tante hat eine einflussreiche Position bei der Regierung und wird alles arrangieren, wie wir hoffen.‹

›Ah.‹ Fast lächelte er. ›Dank sei Gott für Freunde an höheren Stellen. Wann brechen Sie auf?‹

›Vielleicht morgen oder übermorgen. Wir bleiben fünf oder sechs Tage, denke ich, und kommen dann hierher zurück.‹

›Sehr gut. Und das hier müssen Sie mitnehmen.‹ Bora stand auf und holte aus einem Schränkchen das Vampirjagd-Set, das er uns tags zuvor gezeigt hatte. Er stellte es direkt vor mich hin.

›Aber das ist einer Ihrer Schätze‹, wandte ich ein. ›Und womöglich kommen wir damit gar nicht erst durch den Zoll.‹

›Oh, dem Zoll dürfen Sie es keinesfalls zeigen. ...