ich-geb-dir.info
Home.
Delfine.
Hunde.
Literatur.

Mathias Malzieu - „Die Mechanik des Herzens“

ISBN: 978-3-641-05665-0

Klappentext:

Am 16. April 1874 hat eine unnatürliche Kälte Edinburgh fest im Griff. Es ist der Tag, an dem ich auf die Welt komme. Das Erste, was ich sehe, ist Doktor Madeleine - eine Hebamme mit einer besonderen Leidenschaft: Sie repariert Leute. Sie tastet meine winzige Brust ab und wirkt beunruhigt: »Sein Herz ist hart, ich fürchte, es ist gefroren.« Sie stöbert auf einem Regal herum und nimmt verschiedene Uhren zur Hand. Mit einem Ohr lauscht sie meinem defekten Herzen, mit dem anderen dem Ticken der Uhren. »Diese hier!«, ruft sie plötzlich freudig und streicht zärtlich über eine alte Kuckucksuhr. Madeleine setzt mir die Uhr vorsichtig ein und zieht sie auf. »Tick, tack«, macht die Uhr. »Bubumm«, antwortet mein Herz. Ticktack. Bubumm. Ticktack. Bubumm. Jeden Morgen muss jetzt meine Uhr aufgezogen werden, sonst hat endgültig mein letztes Stündlein geschlagen. Und noch etwas muss ich bedenken: ich darf mich niemals verlieben, sonst könnte mein Uhrwerk verrückt spielen

Ein phantastisches Kunstmärchen mit überbordenden Bilderwelten.

Inhalt:

Little Jack wird in dem Haus auf dem Berg geboren. Seine Mutter ist sehr jung und verstößt ihn von Anfang an.

Allerdings ist mit dem Herzen von Little Jack etwa nicht in Ordnung. Es ist zu schwach und braucht Unterstützung beim Schlagen. Also setzt Madeleine dem kleinen Jungen eine Kuckucksuhr ein. Dies macht ihn andersartig und kein Paar, welche auf den Berg kommen, ist bereit ihn zu adoptieren. Jack wächst also bei Madeleine auf.

Eine Tages trifft Jack in der Stadt auf die kleine Tänzerin und verliebt sich. Das schadet der  Mechanik seines Herzens, aber er ist von seinem Traum, sie wieder zu sehen, nicht mehr abzubringen .

Jack bringt Madeleine dazu, ihn in der Schule anzumelden. Aber da findet er nicht seine Liebe, sondern Ärger. - Das führt dann zu seiner Flucht.

Während Jack in der weiten Welt nach seiner großen Liebe sucht, ist in seinem zu Hause nichts mehr so, wie er es verlassen hat.

Leseprobe:

... Bevor ich weiterfahre, muss ich einen guten Uhrmacher finden. Seit meiner Abreise ächzt und stöhnt mein Herz schlimmer denn je. Für das Wiedersehen mit der kleinen Sängerin muss mein Uhrwerk laufen wie geschmiert. Außerdem habe ich es Madeleine versprochen. Ich klingle bei einem Juwelier auf dem Boulevard Saint-Germain. Ein alter Mann in piekfeinem Anzug öffnet mir und fragt, was ich wünsche.

»Ich möchte meine Uhr reparieren lassen.«

»Haben Sie das gute Stück dabei?«

»Ja.«

Ich knöpfe Jacke und Hemd auf.

»Ich bin kein Arzt«, sagt der Mann abweisend.

»Könnten Sie nicht einen kurzen Blick darauf werfen? Nur um das Uhrwerk zu überprüfen?«

»Wie ich schon sagte: Ich bin kein Arzt!«

Sein Tonfall ist herablassend, und ich versuche ruhig zu bleiben.

»Ich weiß, dass Sie kein Arzt sind. Das ist eine ganz normale Uhr, sie muss nur von Zeit zu Zeit neu eingestellt werden, damit sie richtig funktioniert.«

Er beäugt meine Kuckucksuhr, als wäre sie etwas Obszönes.

»Uhren sind dazu da, die Zeit zu messen. Das ist ihre einzige Aufgabe! Verschwinde mit deinem Teufelsapparat! Verschwinde, oder ich rufe die Polizei!«

Ich fühle mich wie in der Schule oder wie damals, als die gut betuchten Möchtegerneltern zur Kinderbesichtigung kamen. Es ist immer das Gleiche. Ich kenne das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, nur zu gut, aber gewöhnen werde ich mich nie daran. Im Gegenteil, je älter ich werde, desto mehr schmerzt es. Das Ding in meiner Brust ist doch nur eine ganz normale Kuckucksuhr, ein paar Zahnräder und Zeiger, die meinen Herzschlag regulieren!

Neben der Tür des Juweliergeschäfts steht eine pompöse Pendeluhr, die über und über mit Goldschnörkeln verziert ist. Sie ähnelt ihrem Besitzer, so wie manche Hunde ihrem Herrchen ähneln. Beim Hinausgehen trete ich einmal fest dagegen. Die Uhr gerät ins Wanken, das Pendel schlägt von innen gegen das Gehäuse, und ich flitze auf den Boulevard Saint-Germain hinaus. Als ich hinter mir ein lautes Klirren höre, jubiliere ich stumm.

Der zweite Uhrmacher, ein gutmütiger Glatzkopf um die fünfzig, zeigt mehr Verständnis.

»Du solltest es bei Méliès versuchen. Er ist Magier und sehr erfindungsreich, ich bin sicher, er kann dir bei deinem kleinen Problem besser helfen als ich.«

»Ich brauche einen Uhrmacher, keinen Magier!«

»Manche Uhrmacher sind nebenbei Zauberkünstler, und dieser Zauberkünstler ist nebenbei Uhrmacher, so wie Robert-Houdini, dessen Theater Méliès übrigens kürzlich übernommen hat«, sagt er mit einem Augenzwinkern. »Bestell ihm schöne Grüße von mir. Ich bin sicher, dass er dich reparieren kann!«

Ich verstehe nicht, warum dieser liebenswürdige Mann mich nicht selbst behandelt, bin aber dankbar, dass er mein Problem ernst nimmt. Außerdem begeistert mich die Aussicht, einen echten Magier kennenzulernen, vor allem, wenn er gleichzeitig Uhrmacher ist. Womöglich ähnelt er Madeleine, und wer weiß, vielleicht sind sie sogar entfernt verwandt.

Ich überquere die Seine, und die elegante, hoch in den Himmel ragende Kathedrale beschert mir einen steifen Hals, genauso wie die vorbeiparadierenden Pos und Dutts. Die Stadt ist eine Schichttorte aus Stein, und obendrauf thront als weißes Herz die Kirche Sacré-Cœur. Endlich erreiche ich den Boulevard des Italiens, wo sich Méliès’ Theater befindet. Ein junger Mann mit Schnurrbart und blitzenden Augen öffnet mir die Tür.

»Wohnt hier der Magier?«

»Welcher?«, fragt er, als spielten wir Scharade.

»Ein gewisser Georges Méliès.«

»Das bin ich! Höchstpersönlich!«

Seine ruckartigen und zugleich fließenden Bewegungen erinnern an eine Spieluhr. Er spricht schnell, seine Hände malen Ausrufezeichen in die Luft, die seinen Worten Nachdruck verleihen. Als ich ihm meine Geschichte erzähle, hört er aufmerksam zu. Vor allem meine Schlussworte lassen ihn aufhorchen:

»Auch wenn das Uhrwerk mein Herz schlagen lässt, brauche ich hin und wieder einen geschickten Uhrmacher, um es neu einzustellen.«

Der Uhrmachermagier öffnet das Gehäuse und untersucht mich mit einem Gerät, das die winzigen Bestandteile meines Uhrwerks vergrößert. Er wirkt gerührt, als zöge seine Kindheit vor seinem inneren Auge vorbei. Dann betätigt er den Mechanismus, der den Kuckuck herausschnellen lässt, und lobt Madeleines Arbeit.

»Wie hast du es geschafft, deinen Stundenzeiger derart zu verbiegen?«

»Ich bin verliebt, verstehe aber nichts von der Liebe. Deshalb werde ich wütend, prügle mich, und manchmal versuche ich sogar, die Zeit vor- oder zurückzudrehen. Ist er noch zu retten?«

Er lacht wie ein schnurrbärtiges Kind.

»Mach dir keine Sorgen, dein Uhrwerk läuft wie geschmiert. Was willst du denn über die Liebe wissen?« ...