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Simon Beckett - „Der Hof“

ISBN: 3-805-25068-1

Klappentext:

Knapp drei Jahre nach dem Erfolgsroman „Verwesung“ seiner David-Hunter-Reihe folgt endlich das neue Buch des 53-jährigen Bestsellerautors, Simon Beckett. „Der Hof“ besticht nicht nur durch eine spannende Handlung, sondern auch durch authentische Charaktere, deren Schicksale die Leser bewegen. Gekonnt versteht es Beckett, mit den Erwartungen erfahrener Krimienthusiasten zu spielen und diese hinters Licht zu führen. Bezüglich der Handlungsorte greift Beckett, auch in seinem neuen Krimi, auf Altbewährtes zurück. So verwendet er, wie in seinen früheren Werken, erneut ein abgeschiedenes Fleckchen Erde, in dem Fremden von Natur aus misstrauisch entgegengeblickt wird (u.a. „Die Chemie des Todes“), sowie die Weltstadt London (u.a. „Voyeur“), als Kulisse für seine Erzählung.

Inhalt:

Sean ist aus London geflohen. Sein Leben ist ihm aus den Fugen geraten, woraufhin er einen Fehler begangen hat.

Auf der Flucht wird er verletzt und landet so auf dem Hof von Arnaud, dessen ältere Tochter ihn dort heimlich pflegt.

Mehrfach droht Arnaud mit dem Rauswurf doch Sean kann am Ende doch auf dem Hof ein paar Arbeiten verrichten und bleiben. So bemerkt er, dass auf diesem Hof mehrere Geheimnisse das Leben und Handeln der Leute bestimmen. Sean ist sich sicher dass er hier weg muss, um sein Leben zu schützen. Da er aber selber ein Geheimnis mit sich herum trägt, zögert er zu lang und muss am Ende doch miterleben, wie eine Tragödie die Geheimnisse alle wieder hervor holt.

Leseprobe:

… «Du bietest mir einen Job an?»

«Bis auf Georges sind nur wir drei hier. Wir könnten ein zusätzliches Paar Hände gut gebrauchen, und Gretchen hat mir erzählt, du wärst früher Maurer gewesen.» Ihre Hand schiebt wieder die Haare zurück. «Du wirst gesehen haben, in was für einem erbärmlichen Zustand unser Haus ist. Die Wände müssen dringend ausgebessert werden.»

«Ich habe auf Baustellen gearbeitet, aber das ist nicht dasselbe. Warum beauftragt ihr nicht ein örtliches Bauunternehmen mit den Arbeiten?»

«Das können wir uns nicht leisten», sagt sie. «Wir können auch nicht besonders viel zahlen, aber Kost und Logis sind frei. Du musst auch nicht sofort mit der Arbeit anfangen. Warte erst, bis du wieder zu Kräften gekommen bist, und dann arbeite einfach in deinem eigenen Tempo. Mach einfach das, wozu du dich in der Lage fühlst.»

Ich fahre mir mit der Hand übers Gesicht und versuche nachzudenken. «Was ist mit deinem Vater?»

«Mach dir um ihn keine Sorgen.»

Ja, schon klar. «Er weiß doch, dass du mir einen Job anbietest, oder?»

Die grauen Augen sind undurchdringlich. «Ich würde dich nicht fragen, wenn er nicht Bescheid wüsste. Mein Vater kann manchmal stur sein, aber er ist Realist. Die Arbeit muss getan werden, und da die Vorsehung dich hergeführt hat … Es wäre für uns alle das Beste.»

Vorsehung, ach so. Es hatte also nichts mit den Fallen ihres Vaters zu tun. «Ich weiß nicht …»

Sie erhebt sich anmutig. In der Dämmerung wirken ihre Gesichtszüge sehr ernst und undurchdringlicher als je zuvor. «Gute Nacht. Wir sehen uns morgen früh.»

Ich beobachte, wie sie um die Ecke der Scheune verschwindet. Völlig perplex nehme ich einen Schluck Wein und verziehe das Gesicht.

«Gott …»

Der Wein wird bestimmt keine Preise gewinnen, aber er ist kräftig. Ich riskiere noch einen Schluck und versuche, meine Gedanken zu sortieren. Plötzlich hat sich alles verändert. Wenn ich ohne einen genauen Plan und ein Ziel fortginge, würde mich das in Schwierigkeiten bringen, aber ich glaubte bisher nicht, dass ich eine Wahl habe. Jetzt habe ich sie, und vielleicht ist es gar keine so schlechte Idee, mir eine Atempause zu gönnen. Wenn ich bleibe, löst das meine Probleme nicht, aber mir bleibt mehr Zeit zum Nachdenken. Wenigstens kann mein Fuß in Ruhe verheilen, ehe ich irgendwelche schwerwiegenden Entscheidungen treffen muss.

Gott allein weiß, dass ich auf keinen Fall wieder in irgendeine Situation geraten will, die mich vor unlösbare Probleme stellt.

Die Sonne ist fast untergegangen und hinterlässt nur das goldene Echo ihrer Strahlen. Ich koste von dem Schweinefleisch. Es schmeckt intensiv und ein bisschen nach Wild und ist mit Knoblauch gekocht. Es ist so zart, dass es auseinanderfällt. Ich nehme noch einen Schluck Wein und fülle mein Glas auf. Mathilde hat recht: Zum Essen schmeckt er besser, wenngleich das nicht viel zu bedeuten hat. Der Alkohol und das intensive Aroma bescheren mir einen angenehmen Schwips.

Irgendwann merke ich, dass die Depression, die permanent wie eine dunkle Wolke über mir hing, sich gelichtet hat. Ich gönne mir noch ein Glas Wein und blicke über den Wald zu den dahinter liegenden Feldern. Das einzige Geräusch ist das abendliche Zirpen der Grillen. Keine Autos sind zu hören, keine Menschen. Der Frieden ist perfekt.

Ja, das hier ist der perfekte Ort, um sich zu verstecken. …