ich-geb-dir.info
Home.
Delfine.
Hunde.
Literatur.

Sebastian Fitzek - „Noah“

ISBN: 978-3-8387-4496-4

Klappentext:

Er weiß nicht, wie er heißt. Er hat keine Ahnung, wo er herkommt. Er kann sich nicht erinnern, wie er nach Berlin kam, und seit wann er hier auf der Straße lebt. Die Obdachlosen, mit denen er umherzieht, nennen ihn Noah, weil dieser Name tätowiert auf der Innenseite seiner Handfläche steht. Noahs Suche nach seiner Herkunft wird zu einer Tour de force. Für ihn und die gesamte Menschheit. Denn er ist das wesentliche Element in einer Verschwörung, die das Leben aller Menschen auf dem Planeten gefährdet und schon zehntausende Opfer gefunden hat.

Inhalt:

Noah wurde angeschossen. Er wacht im Versteck eines Obdachlosen auf, der ihn wieder aufgepäppelt hat.

Ein Bild in der Zeitung lässt ihn in einen Strudel aus fehlenden Erinnerungen, Verfolgungen und immer wiederkehrenden kurzen Erinnerungen.

Gleichzeitig erkranken massenhaft Menschen an der so genannten Manila-Grippe. Sie endet tödlich und ist sehr qualvoll.

Doch diese Pandemie ist von Menschen gemacht, die durch die Dezimierung der Menschen die Erde retten wollen. Und Noah ist in dieses Projekt involviert.

Leseprobe:

… Keiner wechselte auch nur ein einziges Wort mit ihr. Weder Amber noch der asiatisch aussehende Pilot und erst recht nicht der breitschultrige Wachmann, der ihr die Kabelbinder um die Handgelenke geschnürt und sie mit gezogener Waffe auf die hinterste Reihe des Helikopters gezwungen hatte.

Celine hatte nach vorne durch die Scheiben des plexiglasummantelten Cockpits auf das endlose Wasser vor ihr gestarrt und darüber nachgedacht, was sie während des Telefonats zwischen Amber und Noah aufgeschnappt hatte: Amsterdam. Bahnhof. Toilette.

Wollten die etwa mit diesem Hubschrauber über den Atlantik?

Sie hätte sich nicht einmal darüber gewundert.

An einem Tag wie diesem, an dem Dr. Malcom ihr erst eine Hiobsdiagnose erstellt hatte und sie kurz danach von einem amnesiekranken Obdachlosen aus Europa kontaktiert worden war, war der luxuriöse Privatjet, mit dem sie nun in elftausend Meter Höhe durch die Luft schoss, nur eine logische Fortsetzung der bizarren Ereignisse.

Vor drei Stunden hatten sie auf Martha’s Vineyard die Maschinen gewechselt, direkt auf dem Rollfeld des Inselflughafens, von drei Männern in dunklen Anzügen abgeschirmt, die mit ihnen an Bord gegangen waren und sich seitdem in dem vorderen, durch eine Tür abgetrennten Kabinenteil auf Abruf bereithielten. Celine wunderte sich auch darüber nicht. Nicht mehr. Dafür blieb ihr vor Sorge und Angst keine Zeit.

Vor dem Start der Gulfstream hatte sie sich noch zu dem verzweifelten, geradezu lächerlichen Versuch hinreißen lassen, an Ambers Gefühle als Frau zu appellieren. Sie hatte gehofft, ein Vertrauensverhältnis zu ihr aufbauen zu können, wenn sie ihr von der Risikoschwangerschaft erzählte. Ein Fehler, der ihr nur Spott und Häme einbrachte.

»Herrje, ich hab gehört, man solle im ersten Schwangerschaftsdrittel Langstreckenflüge unbedingt vermeiden«, hatte Amber gesagt und dabei zynisch gelächelt, als der Privatjet im strömenden Regen abhob. »Also tue ich Ihnen ja sogar einen Gefallen, wenn unser Ausflug am Ende verhindert, dass Sie Ihr Leben lang mit einem Mongo gestraft sind.«

Da hatte Celine zum ersten Mal geweint. Zornestränen.

Der Kabelbinder war längst entfernt, aber weil ihr Gurt sich nicht öffnen ließ, hatte sie nicht aufspringen und Amber ins Gesicht schlagen können. Sie spuckte vor Wut auf den Boden, was keine nennenswerten Spuren hinterließ, da das gesamte Flugzeug mit einem cremefarbenen Hochflorteppich ausgelegt war – farblich abgestimmt auf die Holzeinfassung der Kabine und die Ledersessel, in denen sie sich gegenübersaßen.

Amber war nur lachend aufgestanden und hatte sich an der Bordbar einen Gin Tonic gemixt.

Im Augenblick nippte sie bereits an ihrem zweiten und blätterte desinteressiert in einem Modemagazin. Celine, die sich mit einem Mal unendlich müde fühlte, hatte derweil entdeckt, dass sie mit dem in ihrer Armlehne eingelassenen Bedienelement einen Breitbildfernseher an der Kabinenwand aktivieren konnte. Sie drückte auf ON, und als Erstes erschien Werbung. Bevor sie eine lachende Hausfrau, die mit einer sprechenden WC-Ente durch ihr Bad tanzte, wieder wegschalten konnte, war der Spot auch schon zu Ende, und das NNN-Logo schob sich in den Bildschirm.

Ausgerechnet Nachrichten!

Der Fernseher war auf stumm geschaltet, weshalb Celine nicht hören konnte, was der akkurat gescheitelte Sprecher sagte, doch das war wegen der eingeblendeten marktschreierischen Bildunterschriften auch gar nicht nötig.

• JFK-OUTBREAK

• Terminals unter Quarantäne

• Zufahrten blockiert

• Handy- und Internetsperre

• Versiegelung der Klima- und Lüftungsanlagen

• Absolutes Start- und Landeverbot

Mehrere Bildsequenzen wechselten in rascher Abfolge. Celine sah einen Grundriss des Flughafens, dann Außenaufnahmen. Ein sechsköpfiges Team in weißen Ganzkörperanzügen und Gasmasken vor dem Gesicht näherte sich einem provisorischen Zelteingang vor der Ankunftshalle des Terminals 2.

Neben den Außenaufnahmen der Presse gab es auch Filmmaterial aus dem Inneren der Terminals.

Trotz der Kommunikationskontrolle schien es einem der wartenden Fluggäste gelungen zu sein, ein Handy-Video zu drehen und ins Internet zu stellen, wahrscheinlich kurz bevor jeglicher Funkverkehr auf dem JFK lahmgelegt worden war.

Die Bilder sahen mit ihren flimmernden Querstreifen und blassen Farben aus, als wären sie von einem Fernseher abgefilmt worden. Sie zeigten einen aufgeregten Pulk von Menschen, die vor einer Notausgangstür auf mehrere Polizisten einredeten. Plötzlich kam Bewegung in die Menge, die sich anscheinend mit Gewalt ihren Weg nach draußen bahnen wollte, dann aber auseinanderstob, als einer der Polizisten seine Waffe zog. Da sich einige sogar auf den Boden warfen, vermutete Celine, dass der Beamte einen Warnschuss abgegeben hatte. Auch der Urheber dieser Aufnahmen schien jetzt zu flüchten; die Bilder wurden verwischt. Kurz bevor das Video endete, erfasste die Kamera, jetzt aus größerer Entfernung, noch einmal die Polizisten vor dem Notausgang. Nur ein einziger Mann stand noch immer vor ihnen. Außer einem zwei Zentimeter breiten weißen Kranz im Nacken hatte er kaum noch Haare auf dem schmalen Kopf.

Dreh dich um, rief Celine ihm in Gedanken zu. Doch er tat es nicht. Die Aufnahme riss ab, der Nachrichtensprecher zeigte seinen professionellen »Die Lage ist schlimm, aber als Profi wahre ich den Abstand«-Blick, und Celine konnte den Verdacht, der ihr die Kehle zuschnürte, nicht überprüfen: Habe ich gerade meinen Vater gesehen? …