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Frank Schätzing - „Breaking News“

ISBN: 3-462-04527-X

Klappentext:

Tom Hagen, gefeierter Star unter den Krisenberichterstattern, ist nicht zimperlich, wenn es um eine gute Story geht. Die Länder des Nahen Ostens sind sein Spezialgebiet, seine Reportagen Berichte aus der Hölle. Doch in Afghanistan verlässt ihn sein Glück. Hagens Ruf ist ruiniert, verzweifelt kämpft er um sein Comeback. Drei Jahre später bietet sich die Gelegenheit in Tel Aviv, als ihm Daten des israelischen Inlandsgeheimdienstes zugespielt werden. Hagen ergreift die Chance – und setzt ungewollt eine tödliche Kettenreaktion in Gang ... »Breaking News« ist ein mitreißender Thriller vor dem Hintergrund einer epischen Saga. Zwei Familien wandern Ende der Zwanzigerjahre nach Palästina ein – in eine von Legenden, Kämpfen und Hoffnungen beherrschte neue Welt, wo Juden, Araber und britische Kolonialherren erbittert um die Vorherrschaft ringen. Bis in die Gegenwart, über Generationen hinweg, spiegeln und prägen beide Familien Israels atemlose Entwicklung. Als Hagen in der jungen Ärztin Yael Kahn eine unerwartete Verbündete findet, erkennt er, dass auch sein Schicksal eng mit der Geschichte des Landes verbunden ist. Doch mit Yael an seiner Seite gehen die Probleme erst richtig los.

Inhalt:

Tom Hagen versaut durch seine Senationsgier einen Einsatz in dem Geiseln befreit werden sollten. Er verliert seinen Status als Superjournalist und bekommt außerdem noch ein Posttraumatisches Belastungssyndrom obendrauf.

Um wieder auf die Beine und ins Geschäft zu kommen, erfindet er nach einem missglückten Daten-CD-Ankauf eine Story und tritt damit einigen Leuten ganz schön auf die Füße. Eine Verfolgungsjagd beginnt, in die dann auch eine jüdische Ärztin involviert ist. - Yael ist die Enkelin von Kriegsflüchtlingen, die einst kamen, um den Staat für Juden zu gründen.

Leseprobe:

… Unsere einstige Kibbuz-Gesellschaft entwickelt sich rapide zur Industrie- und Hightech-Nation, sprich, der Verbrauch wird sich verdoppeln, verdreifachen, verzehnfachen. Stimmt, wir recyceln, je öfter sie in Tel Aviv die Hosen runterlassen, desto mehr geklärtes Abwasser fließt auf die Äcker, doch die Rückstände der Verunreinigung beginnen die Böden zu belasten. Wir entsalzen Meerwasser, aber die Verfahren kosten ein Heidengeld. Das Schlimmste aber ist die tägliche Verschwendung. Wenn ich sehe, wie Farmer ihre Zitronenhaine mit Trinkwasser beregnen, als hätten wir endlos davon, müssten israelisches Obst und Gemüse unbezahlbar sein, und in gewisser Weise sind sie das auch, so viel zur Ausgangslage.«

Sie schauen ihn abwartend, interessiert an. Viel Neues hat er bis jetzt noch nicht erzählt. Sie an die schalen Fakten erinnert, gut. Jetzt wollen sie ihn Brot und Fische vermehren sehen.

»Wie also gelangen wir zu einem effizienten Wassermanagement? Darauf gibt es drei Antworten, und alle sind richtig. Erstens, sämtliche Quellen maßvoll anzapfen, anstatt eine einzige auszubeuten. Zweitens, zur Erzielung maximaler Effekte so wenig Wasser wie möglich einsetzen. Drittens, recyceln, recyceln, recyceln.«

Er macht eine Pause.

»Der mir vorliegende Versorgungsplan für Jamit liefert eine vierte Antwort, und sie ist falsch. Denn sie gründet auf einer einzigen, fragwürdigen Idee, unseren Bedarf fast zur Gänze aus dem See Genezareth zu decken. Warum? Nur, weil wir es können? Haben wir vergessen, dass jeder Tropfen, der im Nahen Osten aus irgendeinem Hahn fließt, woanders fehlt? Muss ich jemandem ernsthaft erklären, dass Wasserknappheit ein Kriegsgrund ist?Der Kriegsgrund.«

Oktober ’73. Schwarzer Rauch über dem Golan. Flugzeuge, Panzer, das Donnern schwerer Artillerie.

Jehuda hat den metallischen Geschmack der Angst noch auf der Zunge. Sieht sich, Phoebe und die Kinder auf der Veranda ihres Hauses stehen und zu dem so beängstigend nahen Gebirgszug hinüberstarren, den die Syrer gerade versuchen zurückzuerobern.

48 Stunden der Ungewissheit.

»Sie wollen meine Meinung hören? Ich sage ihnen meine Meinung. Der jetzige Plan ist Mist.«

Schon hat er einige schwer vor den Kopf gestoßen. Nicht zu vermeiden. Titelmann kennt sein Konzept, Jehuda weiß sie hinter sich, aber ihre Unterstützung ist nur die Hälfte wert, wenn er sich in dieser Runde nicht Respekt verschafft.

»Wir sollten ihn fallen lassen zugunsten einer paritätischen Versorgung aus verschiedenen Quellen. Teils werden wir, wie geplant, Trinkwasser aus dem Jordanbecken beziehen, teils von einer Meerwasserentsalzungsanlage, zu deren Anschaffung ich Finanzierungspläne ausgearbeitet habe, außerdem steht uns wenige Kilometer südwestlich von hier ein bislang kaum genutztes Grundwasserbecken in geringer Tiefe zur Verfügung, das heißt, wir können mit vergleichsweise wenig Aufwand Brunnen anlegen. Unsere Industrie ist mit Abwasser aus Tel Aviv, Aschdod, Aschkelon und Beer Scheva bestens bedient, für die Landwirtschaft zapfen wir Reservoirs im Negev an –«

»Augenblick.« Ein Hydrologe hebt die Hand.

»Ja?«

»Das Negev-Wasser ist brackig.«

Lächelt triumphierend. Sein Gesichtsausdruck sagt, mach deine Hausaufgaben, bevor du hier Reden schwingst.

Aha, denkt Jehuda. Du bist schon mal einer von denen, die den See Genezareth leer saufen wollten.

»Es ist 30 000 Jahre altes Tiefenwasser«, erwidert er freundlich. »Frei von Keimen und Viren. Sehr sauber.«

»Zu salzig für Nutzpflanzen.« Der Mann blickt in die Runde. »Ich meine, wir können das machen, aber die Aufbereitung wird Unsummen kosten.«

»Genau das, was Sie eigentlich vermeiden wollen«, sagt Titelmann aus dem Hintergrund.

Spielt ihm den Ball zu.

»Ja, Sie haben recht.« Jehuda nickt. »Und auch wieder nicht. Während der vergangenen Monate habe ich die biologischen Muster der Wüste studiert, Lebensformen, Vegetation, so ziemlich alle Spielarten der Verbindung von Wasserstoff und Sauerstoff. Ich war Dauergast in Forschungsinstituten, die sich tagein, tagaus nur mit der Frage beschäftigen, wie wir noch den letzten, unbrauchbar erscheinenden Wassertropfen nutzen können, und dabei haben wir auch mit Negev-Wasser gearbeitet. Es klingt erstaunlich, aber tatsächlich eignet sich dieses Wasser hervorragend für die Aufzucht bestimmter Feldfrüchte. Tomatenund Melonen gedeihen prächtig, sie reagieren mit biochemischen Abwehrprozessen auf die unerwünschten Stoffe, und diese Reaktionen produzieren –« Er lässt genießerisch die Zunge schnalzen. »– eine ganz wunderbare Süße.«

Er weist auf die Obstschalen.

»Probieren Sie. Was Sie dort sehen, wurde mit Negev-Wasser hochgezogen. Die chemischen Analysen finden Sie in einer Dokumentation, die ich im Anschluss verteilen werde.«

Alison Titelmann schaut ihn an. Im Halbdunkel der Baracke erscheint ihr Lockenkopf wie ein Medusenhaupt.

Eins zu null, sagt ihr Blick. Bleib dran.

Er wartet, bis ihnen der Melonensaft aus den Mundwinkeln läuft, lässt sie Tomaten und Paprika kosten. …