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Pierre Billon - „Die fünfte Offenbarung“

ISBN: 3-404-14747-2

Klappentext:

Drei Frauen kämpfen gegen eine internationale Organisation, die Menschenrechte missachtet und Geschäfte mit Folter und Tod macht. Als die Tochter einer der Frauen in die Fänge der vermeintlich Heilbringenden Sekte gerät, müssen sie ihren ganzen Mut zusammennehmen, um das Mädchen zu retten. Doch der Anführer der Sekte scheint der Teufel persönlich zu sein …

Inhalt:

Absolut erschreckende Videos sind im Umlauf. Sie zeigen, wie Menschen langsam und qualvoll zu Tode gefoltert werden. - Kirsten ist als Kriminalpolizistin mit dem Fall betraut und kann den Ursprung bei einer Sekte ausmachen.

Auf dem Weg zum Ermittlungsziel trifft sei auf zwei weitere Frauen. Das Zeil schweißt sie zusammen und lässt sie auch alles meistern, als die Tochter einer Mitstreiterin in die Fänge dieser ominösen Sekte gerät.

Leseprobe:

… Laurence fuhr auf, und die Papiere aus der Mappe flatterten zu Boden. Fjodor Gregorowitsch saß in dem Sessel ihr gegenüber. Wie war er dahin gekommen? Er beobachtete sie, und sie versenkte zum ersten Mal ihre Augen in das Wassergrün der seinen und fühlte, wie eine Schwäche sie überkam.

»Warum dieser plötzliche Wutausbruch?«, wollte er wissen.

»Sie hatten nicht das Recht, das zu lesen! Ich habe niemals die Weitergabe meiner Unterlagen erlaubt, und Sie …«

»Das geht auf die Initiative der Lagerstein zurück«, antwortete er und wischte mit einer Handbewegung ihren Vorwurf weg. »Sie können dieses ganze Zeug mitnehmen …«

»Meine Erklärungen haben sie also nicht zufrieden gestellt. Ich hatte auch schon meine Zweifel daran!«

»Ach was! Sie hatte einfach diese Gerüchte mitbekommen, ohne zu wissen, was nun daran war. Flüchtlinge aus Farghestan hatten über Sie geredet … Hässliche Vorwürfe!«

Ihr wurde übel, und sie musste gegen die Versuchung ankämpfen, aufzustehen und die Flucht zu ergreifen. Antoines Notiz trug kein Datum. Wann mochte er sie wohl geschrieben haben – vor oder nach ihrer Diskussion? Und was sollte sie von der Bemerkung über die Mitteilungen von Jean-Louis halten? Sie verlor den Faden ihrer Gedanken, als ihr Blick wieder auf den Aktendeckel vor ihr fiel.

»Sie haben das hingelegt, damit ich es lese«, murmelte sie, aus der Fassung gebracht. »Dabei sind Sachen dabei, die ich sicher nicht sehen sollte … Glauben Sie selbst auch, dass ich vergewaltigt wurde?«

Sie erinnerte sich an ihre Ankunft in der Botschaft, die Befragung durch den Sicherheitsbeauftragten und wenig später die Untersuchung durch Dr. Rudaz. Der arme Kollege hatte nicht so recht gewusst, wie er sich ausdrücken sollte:

»… Opfer von Missbrauch … äh, wie soll ich sagen … sexueller Natur …«

»Vergewaltigt, wieso?«, sagte Fjodor Gregorowitsch. »Ich weiß nichts davon, ich habe da nicht reingeschaut.«

»Wollen Sie damit sagen, dass Sie diese Unterlagen über mich gar nicht gelesen haben?«

»Nein. Wozu sollte das gut sein?«

Wozu in der Tat? Antoine hatte mit ebensoviel gutem Willen wie Ungeschick versucht, ihr zu Hilfe zu kommen, Catherine auf ihre Weise ebenso – und desgleichen ihr Vater in Saint-Brieuc, der es hingenommen hatte, nichts zu erfahren, und der seinerseits geschwiegen hatte, als sie nicht reden wollte. Alles vergebliche Mühe. Sie war allein geblieben, eine Gefangene ihres Schweigens, ständig auf der Hut vor Worten, die sie schon durch eine kleine Nuance verraten konnten. Und allmählich zweifelte sie selbst an der Genauigkeit ihrer Erinnerungen. Nein, niemand konnte ihr helfen, sagte sie sich mit wachsender Unruhe, weil schon ein Gefühl in ihr aufkam, welches auf das Gegenteil hinwies. Aber was stellte sie sich dabei vor? Doch wohl kaum, dass dieser so genannte Psychiater der russischen Art irgendetwas für sie tun konnte!

»Wie soll das denn nun weitergehen zwischen uns?«, fragte sie mit wackeliger Stimme.

»Wenn ich an die U-Bahn vorhin denke … Ich bin doch nicht verrückt!«

»Kummerseele spürt es, wenn Sie erschreckt sind. Wieso? Weil sie den Geruch der Angst absondern und sein Geruchssinn ihn erkennt.

Kummer, Freude, Misstrauen: jedes Gefühl erzeugt eine bestimmte Absonderung.«

»Und weiter? Was wollen Sie mir zu verstehen geben? Dass Sie meine Gedanken lesen können?«

»Gedanken – aber nein, auf gar keinen Fall!

Gott bewahre! Es ist schon schlimm genug, all diese Emotionen voll mitzubekommen, aber auch noch alles zu wissen, was den Leuten so durch den Kopf geht, welche Strafe! Gedanken sind Kleinigkeiten, konventionell, mittelmäßig! Ständig … wie haben Sie gesagt: völlig den Emotionen, den Leidenschaften unterworfen.«

»Ich habe nichts dergleichen gesagt! Aber diese Geschichte mit dem Geruchssinn … Das ist doch nicht Ihr Ernst?«

»Nun … ja und nein. Oder besser: halb und halb! Sagen wir, es ist eine Analogie, um sich weitläufige Erklärungen zu ersparen.«

In dem Vogelkäfig auf der einen Seite des Ateliers machte sich heftige Bewegung bemerkbar. Das friedliche Zwitschern verwandelte sich in aufgeregtes Trillern. Man konnte das Geräusch von Schnäbeln hören, die am Gitter gewetzt wurden, und aufgeregtes Flügelschlagen, das ein Funken stieben in den Strahlen der Sonne auslöste. Irgendetwas musste die Vögel aufgeschreckt haben, aber was? Doch schon kehrte wieder Ruhe ein; der kleine Aufruhr schien beendet.

»Ich habe ja genug Zeit«, murmelte Laurence.

»Sie sagen das nur, weil die Gegenwart Sie noch nicht eingeholt hat … Aber wie auch immer, ich würde Ihnen raten, zu berichten. Sie wollen das doch im Grunde!«

Dann ließ er eine nebulöse Tirade los, unterbrochen von ungehaltenen Ausbrüchen über sein Unvermögen, sich verständlich zu machen, begleitet von einer Miene tiefster Enttäuschung, mit der er wohl andeuten wollte, dass er ein für alle Mal seine Hoffnungen, wirklich verstanden zu werden, begrabe.

Was geschehe zum Beispiel, wenn Laurence einen Unbekannten dabei ertappe, wie der lauthals gähne? Sie würde dadurch veranlasst, selbst zu gähnen, nicht wahr? Primitiver Nachahmungstrieb, spontane Ansteckung, unbewusst ausgelöste zwanghafte Muskelbewegung konnte das sein – zum Teufel mit den Fachausdrücken!

Bei ihm allerdings habe sich diese Nachahmung ›auf ganz schreckliche Weise‹ wie ein ansteckendes Leiden entwickelt, als er vom KGB

zum Zweck der Gehirnwäsche interniert worden sei. Damals habe ihn die Behandlung mit Psychopharmaka nicht nur auf den ›rechten Weg‹ des Marxismus-Leninismus zurückgeführt, sondern ihn – wie konnte er das ihr gegenüber nur ausdrücken, ohne sie zum Lachen zu bringen? – Sozusagen zu einem ›psychischen Schwamm‹ gemacht, haha! Emotionen, Gefühle, Stimmungen von außerhalb hätten sich seinerzeit auf ihn übertragen, während sein Körper sich dagegen wehrte, worunter er gleichermaßen geistig wie körperlich gelitten habe. Dieses Phänomen der ›Ansteckung‹ zeige sich schon nach wenigen Minuten, in denen er mit anderen zusammen sein müsse, ohne einen gewissen Abstand zu wahren. Sowohl sein endokrynes System als auch seine kardiovaskulären Abwehrfunktionen würden völlig automatisch ausgelöst aufgrund einer seelischen Verfassung, die sich seiner Kontrolle entziehe. …