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Bettina Gundermann - „Teufelsbrut“

ISBN: 3-485-01039-1

Klappentext:

Als Sara aus der Stadt in eine dörfliche Umgebung flieht, um wieder zu sieh zu finden, lernt sie den geheimnisvollen Zadok kennen. Während Zadok sie umschmeichelt und allmählich in seinen Bann zu ziehen versteht, erzählt er ihr die Geschichte von Luca und ihrem Bruder Raphael, die er einst bei sieh aufgenommen hatte. Luca erscheint in seinen Erzählungen als engelsgleiches Wesen, das keinem Menschen gleichgültig sein konnte. Zadok hatte sich in die junge Frau verliebt, doch nun ist sie verschwunden. Sara, die ihr äußerlich ähnlich zu sein scheint, gerät unter dem immer stärker werdenden Einfluss Zadoks in ein Verwirrspiel aus Leidenschaft, Suggestion und dunklen Ahnungen, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint. Die mysteriösen Andeutungen, die Zadok über Luca und ihren Bruder macht, verdichten sich für Sara allmählich zu der bitteren Einsicht, dass Zadok sie in seinen Abgrund zu ziehen versucht. Während es hinter der kalten und abweisenden Fassade der Dorfgemeinschaft gefährlich zu brodeln beginnt, kommt Sara einem grausamen Geheimnis auf die Spur, das ein lange zurück liegendes Verbrechen, mehrere Tagebücher, drei Krähen und eine hetzende Meute verbirgt.

Inhalt:

Sara muss raus aus der Stadt. Das Leben in dieser andauernden Eile tut ihr nicht gut.

Doch das Dorf, in dem sie landet, ist jetzt auch nicht wirklich besser. Ihre Wirtin scheint nicht mehr alle Latten am Zaum zu haben und dieser Zodak hat es ständig nur immer mit seiner Nichte. Er vergleicht sie andauernd mit ihr. - Bis zum Schluss dann endlich die ungeschminkte aber nicht schöne Wahrheit ans Licht kommt.

Leseprobe:

… Du hättest sehen sollen, wie sie tanzte. Wie sie sich zum Entsetzen des Wirts auf den Tresen setzte und lachte und wie sie laut mitsang! Sie kannte den kompletten Text. Und dann, so gegen vier, stellte sie sich auf einen der Tische und schrie: Du hast deinen Hund umsonst umgebracht! Denn du wirst mich nie mehr los! Sara, du hättest sein Gesicht sehen sollen!«

Sie sind auf dem Weg zu Zadoks Haus. Sara wankt ein bisschen, er legt einen Arm um ihre Schultern.

»Sag mir, wo Luca jetzt ist«, ruft sie übermütig. Der Alkohol macht ihren Gedanken Druck, sodass sie nicht mehr überlegt, was sie sagt und was sie besser nicht sagt.

»Ich will sie kennen lernen!«

»Ach, Sara. Müssen wir noch mal zu der Lichtung? Hast du noch immer keine Geduld?«

»Scheiße! Dann gib mir wenigstens ne Kippe. Ich will rauchen! Ich hab so lange nicht geraucht. Ich muss jetzt rauchen.«

Er zündet ihr eine an und wirft einen kurzen Blick nach oben, wo drei Krähen kreisen.

Ambras Tagebuch

Ich will mich umbringen. Ich weiß noch nicht, wie. Ich kann mich kaum bewegen, wie soll ich mir da das Leben nehmen? Ich brauche ein Messer. Aber ich weiß nicht, wo mein Herz ist.

Die Kinder wachsen heran. Ich habe hier lange nicht mehr reingeschrieben. Ich war zu schwach. Es ist auch sowieso alles gleich schrecklich. Carlo hält es nicht mehr aus. Ich bin sicher, er fickt die Kinderfrau. Ich höre eindeutige Geräusche. Mir ist das Recht. Soll er machen.

Ich weiß nicht, wie lange ich überhaupt noch in der Lage bin zu schreiben. Ich drehe durch, ich drehe durch, ich drehe durch. Vielleicht ist es dann besser, vielleicht kann ich dann nicht mal mehr schreiben, aber das ist auch egal, es ist alles egal, alles ist egal. Nicht mehr lange und die Kinder können laufen. Luca spricht schon ein paar Sätze. Raphael kriegt kein einziges Wort raus. Carlo war beim Arzt mit ihm. Lass ihn einschläfern, habe ich gedacht, und Luca auch gleich. Aber gesagt habe ich nichts. Der Arzt sagt, dass Raphael vollkommen gesund sei. Wir sollen ihn verstärkt fördern. Vorlesen, deutlich sprechen usw. Carlo bemüht sich. Ich bin nicht in der Lage, etwas zu tun. Bleibt er halt stumm. Umso besser. Ihn nicht auch noch hören zu müssen.

Manchmal krabbelt Luca zu mir. Sie zieht sich an der Couch hoch, geht nahe ran an mein Gesicht und starrt mich an. Sie ist mir unheimlich. Ich schreie dann nach der Frau oder Carlo soll sie holen. Ich will nicht, dass sie mich so anguckt. So, als würde sie sagen: Du bist eine Rabenmutter. Du hast mich nicht verdient. Genauso guckt sie. Als hätte sie etwas Besseres verdient. Sie täuscht sich. Ich bin diejenige, die etwas Besseres verdient hätte. Als dies. Dies Leben. Dies verfluchte Leben. Dieser andauernde Tod. Habe ich nicht verdient! Habe ich nicht verdient!

Nachdem Zadok und die Fremde seine Kneipe endlich verlassen haben, muss sich der Wirt eiskaltes Wasser ins Gesicht schütten. Dann fühlt er sich kräftig genug, abzuschließen und sich auf den Weg zum Pfarrhaus zu machen. Das ist direkt neben der Kirche, den Pfarrer darf man immer aufsuchen. Der Pfarrer ist ein gütiger Mensch. Er holt sich gerade vor dem Spiegel einen runter, als es an seiner Tür klopft. Er erstarrt, wartet. Das darf nicht wahr sein, denkt er. Er lauscht, doch es klopft erneut. Verdammt, flucht der Pfarrer und drückt seinen immer noch steifen Schwanz in die Hose.

»Entschuldige die späte Störung«, stammelt der Wirt, wie ein Riesenbaby sieht er aus, völlig verzweifelt. Mit roten Flecken im breiigen Gesicht. Ganz und gar weich sieht dieser große, fette Mann aus.

»Aber, aber. Das macht doch nichts. Gott ist immer für dich da, mein Sohn.«

Der Wirt tritt ein, der Pfarrer bringt Schnaps. »Was gibt’s?«, fragt er.

»Diese Frau, hast du diese Frau schon gesehen? Seit Ewigkeiten treibt sie sich hier schon rum. Zadok sagt, sie sei sein Gast. Aber ich glaube das nicht. Sie haben sich erst vor ein paar Tagen kennen gelernt. In meiner Kneipe, unter meinem Dach. Ich war ja dabei, ich erinnere mich sehr gut. Seitdem treffen sie sich. Etwas braut sich zusammen, ich mache mir Sorgen.«

»Wovor fürchtest du dich, mein Freund?«, fragt der Pfarrer, nimmt das Kreuz von der Wand und legt es auf den Tisch.

»Zadok fällt auf dieses Weib rein. Sie bringt uns Unglück, da bin ich sicher. Sie sieht aus, sie sieht aus, wie, wie …«, der Wirt beginnt zu schluchzen.

»Sieht sie wie das Böse aus?«, fragt der Pfarrer und bekreuzigt sich. Dann küsst er das Kreuz und hält es seinem Gast hin. Mit beiden Händen packt der danach, presst es sich an die Brust.

»Vater unser im Himmel«, beginnt der Pfarrer zu flüstern.

Einen ganz besonders scharfen Hass empfand der Pfarrer für Luca. Denn sie lenkte die Gemeinschaft ab. Die Gemeinschaft sollte sich auf ihn konzentrieren. Die Menschen sollten seinen Worten lauschen und vor seinem Blick erzittern. »Aber wenn Luca draußen war, dann zog sie jegliche Aufmerksamkeit auf sich. Wie sehr der Pfarrer darunter litt, wurde an einem Sonntag klar, an dem Luca den Wunsch äußerte, in die Kirche zu gehen. Ich sagte, was soll der Scheiß? Aber sie bestand darauf. Ich kann auch allein dahin, sagte sie. Niemals, habe ich gesagt. Da lasse ich dich nie und nimmer allein hin.

Also gingen wir, ganz die fromme Kleinfamilie, eines Sonntags in die Kirche. Ich war wirklich nicht begeistert. Raphael war es offenbar egal. Aber Luca, sie sang und tanzte. Ich weiß wirklich nicht, was sie erwartete.«

Als sie die Kirche betraten, der Gottesdienst sollte gerade beginnen und alle anderen waren schon da, verstummte der Pfarrer und alle drehten sich um, gleichzeitig, als seien sie eins. Erschütterung in ihren Gesichtern. Zum einen hatten sie Zadok noch nie zuvor in Gottes Haus gesehen. Aber dass er es wagte, dieses Kind mitzubringen, das ertrugen sie kaum. »Nach Minuten der Stille ließ Luca meine Hand los und ging nach vorn. In der Mitte des Ganges, keine Spur von Unsicherheit. Raphael sah mich fragend an, ich zuckte mit den Schultern. Etwa einen halben Meter vor dem Pfarrer blieb sie stehen. Und je länger sie so dastand und dem Pfarrer in die Augen schaute, darin las, desto mehr geriet der Pfarrer ins Schwitzen. Er versuchte, ihrem Blick standzuhalten, er wollte sich keine Blöße geben, er konnte doch nicht vor versammelter Mannschaft schlappmachen. Und während sie ihn anschaute, studierte, durch seine Augen hindurch in sein Hirn blickte, während sie ihn und sein Wesen in sich aufnahm, wie auch immer sie das anstellte, fühlte der Pfarrer sich wie bei einem langen Lauf durch eine heiße Wüste und nirgendwo Wasser in Sicht, nur Sonne und Sand und unerträgliche Hitze. Und nichts anderes ist möglich, als zu rennen. Tiefrot wurde er und schwitzte, fast bekam der Pfarrer einen Kollaps, aber Luca hatte Erbarmen, drehte sich um, kam zurück zu mir, sie lächelte traurig. Ich ließ Raphael stehen und ging ihr entgegen. Ich umarmte sie zum ersten Mal. Meine kleine Luca, sie sah so unendlich traurig aus. Winzig klein, wie sie in der großen Kirche auf mich zukam. Meine Güte, da musste ich sie umarmen. Genug, sagte ich, jetzt gehen wir besser. Sie nickte nur müde. Auf dem Weg zurück schwiegen wir. Erst als wir wieder zu Hause waren, sagte sie: Zadok, auch der Pfarrer hasst mich. Du musst mich beschützen. Du musst mich immer beschützen, damit ich Raphael beschützen kann. Versprichst du mir das?« Zadok gerät ins Stocken, hastig trinkt er einen großen Schluck.

Eine einzelne Träne perlt aus seinem linken Auge. …