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Marion Zimmer Bradley - „Silberschwester“

ISBN: 3-596-14534-1

Klappentext:

Frauen, die über  Mut, Kraft und Zaubermacht verfügen, durchmessen Reiche, in denen Gefahren, Geheimnisse und dunkle magische Mächte lauern.

Da geht es um Zwillinge, die befreit werden müssen, um einen Hexer, der über außergewöhnliche Kochkünste verfügt, einen Schatz, der bei der Durchsuchung einer Ruine zutage gefördert wird. Es gibt Geschichten, die von ganz menschlichen Beziehungen handeln, etwa wenn von zwei Freundinnen eine zu einer Ausgestoßenen wird oder wenn das, was im Charakter als die größte Schwäche erscheint, sich als die größte Stärke entpuppt. Gestaltwandlungen und Heilungen spielen in diesem Band eine herausragende Rolle.

Aus einer Fülle von Einsendungen hat Marion Zimmer Bradley, diesmal in Zusammenarbeit mit Rachel E. Holmen, die 26 besten Geschichten ausgewählt, und unter den Autorinnen und einigen Autoren sind wieder bekannte Stars der Fantasy wie Diana L. Paxson, Elisabeth Waters und Deborah Wheeler sowie einige viel versprechende Neulinge.

Wie in allen ›Magischen Geschichten‹ sind es Frauen, die im Mittelpunkt stehen, Abenteuer erleben und mit Klugheit und Weisheit die Konflikte zwischen den Mächten des Guten und Bösen lösen.

Inhalt:

Eine Fantasy-Antologie, bei der Marion Zimmer Bradley als Herausgeberin fungiert hat.

Verschiedenste Autoren und Autorinnen haben hier Kurzgeschichten veröffentlichen können, in denen immer eine Frau die Heldin war. - Bei jeder Geschichte sprang einem die Fantasy förmlich ins Gesicht und es wurde bösen Zauberern das Handwerk gelegt, Prinzessinnen befreit oder ähnliche fantastische Dinge vollbracht.

Leseprobe:

… »Du hast kein Recht, uns gefangen zu halten! «, tobte nun die junge Löwin. »Wir haben nichts verbrochen. Lass uns auf der Stelle gehen, oder meine Kameradinnen nehmen dir deine Burg auseinander, dass hier kein Stein auf dem anderen bleibt!«

Ora hielt den Atem an und betete, um der Gefangenen willen, dass Trista guter Laune sei. Denn die Herrin war eine, sogar für eine Hexe, äußerst empfindliche Frau.

gelangweilt wie belustigt. »Eine Gardistin. Du hast ja wohl das Zeug dazu.« Damit wandte sie sich der Kleinen zu und hob ihr sacht das Kinn, musterte das arme Kind, das mit bebenden Lippen, aber trotzig aufsah, zog dann, als es eine jähe Bewegung machte, die Hand noch rasch genug zurück, um einem Biss zu entgehen, und lachte spöttisch. »Mutig wie seine Mutter und so schön, wunderschön!«, rief sie und warf der jungen Frau einen bedeutungsschweren Blick zu. »Sie kommt ganz nach dir. Ja, du kannst stolz auf sie sein. Jede von euch dürfte nach meinem Bedarf sein.«

Da wollte die Gardistin sich auf sie werfen, wurde aber von den Wächtern zurückgerissen und zurückgehalten. »Ich sagte, lass uns auf der Stelle gehen, oder meine Schwestern …«

Doch Trista fasste sie mit übermenschlicher Schnelligkeit um den Hals, presste ihr die Luft ab und hob sie eine Handbreit hoch, dass sie nur noch wild die Augen verdrehen und röcheln konnte. »Ganz richtig«, fuhr sie ungerührt fort. »Und darum sollten wir dafür sorgen, dass deine Schwestern nicht darauf kommen … zumindest nicht jetzt schon.« Damit lockerte sie den Griff etwas, um der jungen Mutter wieder etwas Luft zu geben, ließ sie aber nicht los.

Nun biss Ora sich auf die Lippe, aus Angst vor dem, was käme. Sie schüttelte den Kopf … was immer Trista androhte – sie täte es diesmal nicht. Ich sticke dieses Muster nicht!

»Dir ist offenbar die Schwere deines Verbrechens nicht recht klar. Auf unbefugtes Betreten meines Landes steht die Todesstrafe!«

Die Frau versuchte, den Kopf zu schütteln, doch Trista hielt sie eisern fest. »Aber ich bin ja fair … Ich werde eine von euch gehen lassen «, sprach sie, grausam lächelnd. »Aber die andere, die bleibt. Mein Körper, siehst du, mag er auch jung erscheinen, hat seine Lebensessenz bald verbraucht. Eine von euch wird ihn mir wieder auffüllen.«

Nun ließ sie die Mutter gehen, und die starrte sie, um Atem ringend, entsetzt an.

Ora fühlte etwas Feuchtes, Klebriges in der Faust – und sah nun, dass sie sich die Sticknadel in die Hand gebohrt hatte.

»Wer von euch soll es also sein? Du oder deine Tochter? Ihr habt bis morgen Zeit, euch zu entscheiden«, rief Trista und schloss mit einem Blick auf ihre Männer: »Schafft sie in den Turm!«

Ora schlug das Herz bis zum Hals, denn jetzt drehte sich ihre Herrin um und sah direkt zu ihrem Turmfenster hoch, und ihr war, als ob sich dieser Blick in ihren Kopf bohrte, und tiefe Abscheu erfüllte sie. »Hallo, Ora«, rief Trista jetzt. »Ich hoffe, du genießt den Anblick!«

Ihrer Zunge und ihrer zitternden Lippen nicht mehr mächtig, sagte Ora sich nur noch stumm: Diesmal tue ich es nicht! Sei tapfer!

Trista grinste böse. »Wie du wohl ahnst, brauche ich wieder die Robe des Lebens. Du erneuerst mir das magische Zeichen bis morgen Abend! Ach, wie ich darauf brenne, meinem Körper neuen Saft und neue Kraft zu geben. Und jetzt hängt das nur von der Schnelligkeit deiner Nadel ab … Mach dich also an die Arbeit!«

Da tat Ora den Mund zum Widerspruch auf, brachte aber nicht ein Wort hervor. Sie schluckte und versuchte, nicht daran zu denken, dass sie für die erste Weigerung teuer bezahlt hatte – ein Bein hatte sie ihr damals zerschmettert. Ich werde es nicht tun!

»Ora! Hast du mich verstanden?«

Die Frau dort droben im Turm neigte den Kopf. »Ja, Herrin!«

Ora blieb vor der schwer bewachten Tür stehen, holte einmal tief Luft. Der Wächter warf ihr bloß einen kurzen Blick zu, ignorierte sie dann wieder und starrte stumm geradeaus. Und Ora, das Unvermeidliche hinauszögernd, studierte bemüht die graue Maserung der roh zugehauenen Türbohlen, vermerkte gar bei sich, dass die Türangeln ganz rostig waren. Ach, wie ihr dieser Teil verhasst war … mehr noch als diese Transfusion selbst. Diesmal könnte ich abhauen!

Der Gedanke hätte sie fast lachen gemacht … Wohin abhauen? Sie war zu alt, um sehr weit zu kommen, und selbst wenn ihr das gelänge – Trista würde eben eine andere finden, die ihr die Drecksarbeit erledigte. Außerdem, nach all der Zeit war es vielleicht ein wenig spät für so einen Gesinnungswandel. Sie hatte ihr Schicksal Jahre zuvor besiegelt, als sie noch auf der anderen Seite gewesen war …

So wappnete Ora sich nun, strich sich ihr Kleid vorne glatt und nickte dem Wächter zu. Der hob rasch den dicken Riegel, der die Tür sicherte, und bezog, das Schwert bereit, an der einen Seite Position. Da stieß Ora die schwere Tür halb auf und trat vorsichtig in die kleine Kammer ein … Und die Tür fiel krachend hinter ihr zu.

Die Gefangene stand, mit noch rücklings gefesselten

Händen, in der Mitte des Raumes. Stolz stand sie da und starrte die ungebetene Besucherin böse an. Eine Locke ihres Haares, dem Zopf entwischt, hing ihr in die Stirn und bedeckte fast ein Auge … Ora widerstand nur mit Mühe dem Impuls, sie ihr aus dem Gesicht zu wischen, und sah verlegen zur Seite.

»Du kannst dir bestimmt denken, warum ich hier bin«, begann sie, immer noch ihren Blick vermeidend. »Frau Trista wartet auf deine Antwort. «

»Da kann sie warten, bis die Sonne erkaltet!«

Ora schüttelte den Kopf. »Du begreifst wohl nicht, worum es geht … Frau Trista muss alle sieben Winter die Lebensessenz ihres Leibes erneuern. Als Zauberin verbraucht sie sie ja im Nu. Du nimmst ihre Worte also besser ernst. Eigentlich nähme sie lieber deine Tochter, weil die doch länger vorhält. Aber so spielt sie das Spiel nicht. Sie liebt Überraschungen. Und die finden sich nicht so rasch für eine Frau, die schon alt war, als ich, so jung wie du jetzt, sie einst kennen lernte.« Nun versagte Ora die Stimme, musste sie doch an die Umstände jener Begegnung denken und auch an die Entscheidung, die sie damals getroffen hatte. Aber sie schob nun den schmerzlichen Gedanken beiseite, zwang sich in die Gegenwart zurück: »Ihre Zusage, eine von euch gehen zu lassen, war übrigens ehrlich. Sie braucht ja nur eine von euch beiden, und wird die andere darum freilassen. Sie hält ihr Wort, so schlecht und grausam sie auch ist.«

»Und du bist nicht schlecht.«

Ora schloss die Augen und drängte die Tränen zurück, die ihr kommen wollten. »Doch, ich auch«, erwiderte sie entschieden und holte tief Atem. »Ich bin es ja, die dem Opfer ein paar Haarsträhnen abtrennt. Und auch die, die damit das magische Symbol auf der Robe des Lebens stickt. Aber der Unterschied zwischen Trista und mir ist, dass ich weiß, dass ich schlecht bin. Und ich hasse mich dafür. Mein Irrweg begann mit einem einzigen Akt beispielloser Feigheit. Verglichen damit ist jede Untat, die ich seither begangen habe, ein kleineres Übel … Die Göttinmutter wünscht sich sicher, sie hätte nie ein so schlechtes Wesen auf die Erde gelassen!«

Da reckte sich die Kriegerin und trat einen Schritt auf Ora zu. »Wenn ich dich also töte, kann die Hexe ihr teuflisches Werk nicht vollbringen? « …