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David Safier - „28 Tage lang“

ISBN: 9-783-46340-640-4

Klappentext:

Was für ein Mensch willst Du sein? Die sechzehnjährige Mira schmuggelt Lebensmittel, um im Warschauer Ghetto zu überleben. Als sie erfährt, dass die gesamte Ghettobevölkerung umgebracht werden soll, schließt sich Mira dem Widerstand an. Der kann der übermächtigen SS länger trotzen als vermutet. Viel länger. Ganze 28 Tage. 28 Tage, in denen Mira Momente von Verrat, Leid und Glück erlebt. 28 Tage, in denen sie sich entscheiden muss, wem ihr Herz gehört. 28 Tage, um ein ganzes Leben zu leben. 28 Tage, um eine Legende zu werden.

Inhalt:

Mira lebt im Judenghetto von Warschau. Sie schmuggelt, um die Mutter und die Schwester irgendwie durchzubringen. - Doch dann beginnen die Deportationen, die Wachen werden verstärkt und Mira ihr Leben wird schwerer. - Zwar hilft der Bruder, seine Familie zu schütze, doch auch er ist nur ein Judenpolizist und seine macht ist irgendwann zu Ende.

Die Lage wird täglich dramatischer und Mira verliert ihre Familie, findet eine neue und muss wieder fürchten, alle zu verlieren.

Leseprobe:

… In der nächsten Nacht träumte ich. Überraschenderweise jedoch nicht von Soldaten. Von Schrecken. Oder vom Tod. Nein, ich träumte etwas Absurdes. Absurd, weil es so schön war. Und mich im Traum glücklich machte. Trotz allem. Ich träumte davon, wie Daniel mich küsste. Es war einer jener Träume, die man noch weiter träumen möchte, wenn man bereits wach war, aber die Augen noch geschlossen hielt. Die Welt des Traums war so viel schöner als die echte und dank ihrer Schönheit auch kraftvoller, intensiver. Am liebsten hätte ich ewig in Daniels Armen gelegen und ihn weitergeküsst. Ich wollte nicht in die reale Welt zurückkehren, zu all dem Schrecklichen im Ghetto. Ich hielt die Augen geschlossen und spürte dem wunderbaren Traumkuss hinterher, versuchte mich an jede Einzelheit zu erinnern: an Daniels raue Lippen, an die Tatsache, dass unsere Körper nackt waren und sich aneinanderschmiegten … Doch der Traum verblasste, und je mehr ich ihn festhalten wollte, desto schneller verflüchtigte er sich.

Immerhin war es ruhig um mich herum. Ich hörte nur Mamas ruhige Atemzüge und Hannahs Schnarchen. Die beiden schliefen tief und fest. Ich hielt meine Augen weiter geschlossen, ich wollte wenigstens die Ruhe genießen, solange sie anhielt.

Das tat sie nicht lange.

Ich hörte schwere Schritte. Von Stiefeln. Sie stapften in unser Haus, gingen aber nicht die Treppen herauf, sondern wanderten in den Innenhof.

Ich hielt den Atem an und die Augen geschlossen, in der Hoffnung, der Spuk würde vorübergehen, wenn ich mich nur weigerte, ihn zu sehen. Als ob so etwas jemals klappte.

Aus dem Innenhof rief eine Stimme: «Alle Einwohner in den Hof! Jeder darf fünfzehn Kilo Gepäck mitnehmen!»

Jetzt riss ich die Augen auf. An meinen Traum verschwendete ich keinerlei Gedanken mehr. Ich sprang auf und rannte zum Fenster, das in den Hof führte. Dass Hannah und Mama sich indessen müde aufrappelten, registrierte ich kaum, auch meinen schmerzenden Körper nahm ich nicht wirklich wahr, denn im Hof standen zehn Judenpolizisten.

Ihr Anführer war ein kleiner Mann, dessen Schnurrbart größer schien als er selber. Unter anderen Umständen und ohne Uniform hätte er komisch gewirkt, wie ein Kerl aus einem Laurel und Hardy-Slapstickfilm. Hier wirkte er durch sein merkwürdiges Aussehen noch furchteinflößender als ein großer kräftiger Mann mit Narben im Gesicht.

Halbnackt rannte ich aus unserem Loch, in die Wohnung der Leute aus Kraków, die sich weder an meinem Auftauchen noch an meinem Aussehen störten, waren sie doch viel zu sehr damit beschäftigt, ihre Sachen zusammenzutragen. Durch ein Fenster blickte ich auf die Miła-Straße: Ein Haufen Judenpolizisten hatte sie mit Gittern abgesperrt. Einige von ihnen bewachten die Eingänge zu den Gebäuden, andere stürmten die Häuser. Zweifellos, um Leute aus den Wohnungen, den Treppenhäusern und den Kellern zusammenzutreiben und sie anschließend auf die auf der Straße bereitstehenden Pferdekarren zu verladen, die sie zum Umschlagplatz ziehen sollten, von wo aus es in die Züge gen Osten ging.

Vor den Karren standen deutsche SS-Soldaten und fütterten die Tiere. Das Zusammentreiben der Juden überließen sie den Judenpolizisten, sie selber streichelten lieber ihre Pferde. Bestimmt bekamen die Viecher auch viel bessere Essensrationen als wir.

Ich riss mich von dem Anblick los und rannte wieder in unser kleines Loch. Dort sah ich in die entsetzten Gesichter von Mama und Hannah. Von unten schrie der große Schnurrbart: «Wer nicht freiwillig in den Hof kommt, den holen wir!»

Ich wog alle Möglichkeiten ab. Verstecken ging nicht, dazu hätten wir irgendeinen Schrank umgebaut oder einen der Kellerräume präpariert haben müssen. Der Dachboden war keine Option, die Polizisten würden gewiss auch dort alles durchsuchen. Von dem Boden aufs Dach zu klettern, wäre mir selber zwar trotz meines Armes und des kaputten Knöchels möglich gewesen, wohl auch Hannah, aber bestimmt nicht Mama.

Wir hatten keine Wahl. «Jetzt werden wir», sagte ich den anderen beiden, «herausfinden, was Simons Papiere wert sind.»

Aus dem Nebenzimmer hörten wir, wie die Leute aus Kraków sich auf den Weg in den Hof machten. Einige der Kinder weinten, aber keiner der Erwachsenen tröstete sie. Die Väter murmelten lediglich ihre Gebete.

Hannah stand mitten in unserem kleinen Loch auf der Matratze und kaute an ihren Fingernägeln. Das hatte sie vorher noch nie gemacht. Mama begann hektisch Kleidung zusammenzutragen und in eine große Tasche zu stopfen, einen Koffer besaßen wir nicht.

«Was soll das?», fragte ich.

«Wenn die meine Papiere nicht akzeptieren, müssen wir doch Sachen für den Osten haben.» Sie strich Hannah nun über das Haar: «Da wird es im Winter kalt. Willst du etwa, dass Hannah friert?»

Die Kälte des Ostens würde nicht unser Problem werden. Das ahnte Mama auch, aber sie verdrängte es lieber. …