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Gavin Extence - „Das unerhörte Leben des Alex Woods“

ISBN: 9-783-80902-633-4

Klappentext:

Eine Geschichte, die erzählt, wie besonders Freundschaft sein kann Alex Woods ist zehn Jahre alt, und er weiß, dass er nicht den konventionellsten Start ins Leben hatte. Er weiß auch, dass man sich mit einer hellseherisch begabten Mutter bei den Mitschülern nicht beliebt macht. Und Alex weiß, dass die unwahrscheinlichsten Ereignisse eintreten können – er trägt Narben, die das beweisen. Was Alex noch nicht weiß, ist, dass er in dem übellaunigen und zurückgezogen lebenden Mr. Peterson einen ungleichen Freund finden wird. Einen Freund, der ihm sagt, dass man nur ein einziges Leben hat und dass man immer die bestmöglichen Entscheidungen treffen sollte. Darum ist Alex, als er fünf Jahre später mit 113 Gramm Marihuana und einer Urne voller Asche an der Grenze in Dover gestoppt wird, einigermaßen sicher, dass er das Richtige getan hat …

Inhalt:

Alexander Woods wird von einem Meteoriten fast erschlagen. Er liegt im Koma, bekommt Epilepsie und lernt jede Menge interessante Menschen kennen.

Der interessanteste aber, ist wohl Mr. Patterson. Er könnte vom Alter her, der Opa von Alex sein, aber die gemeinsame Leidenschaft fürs Lesen, lässt sie Freunde werden.

Doch Mr. Patterson wird krank. Mehr und mehr verliert er die Kontrolle über sein Leben und seinen Körper.

Alex verhindert zwar einen Selbstmordversuch seines Freundes, aber am Ende will auch er den langen Leidensweg eines Siechtums nicht.

Die beiden planen eine Reise in die Schweiz.

Leseprobe:

… Ich fiel nach vorne in eine typische Boxerumarmung hinein. Es wurde viel geschrien und gebrüllt, und die Leute schoben und drängten hin und her, um Platz für die Prügelei zu machen oder sich einen Sitz näher am Ring zu suchen. Ich zielte wieder auf das Gesicht meines Gegners, packte aber stattdessen eine Hand voll Haare – und zog kräftig daran. Empörtes Gemurmel erhob sich, selbst von den Mädchen. Meine Kampfkunst fand keine Gnade vor den Augen des Publikums. Dann verschwand plötzlich die Luft aus meiner Lunge. Es tat gar nicht so weh, wie ich gedacht hatte. Drake Mackenzie hatte keinen Platz gehabt, um einen K.o.-Schlag anzubringen, aber ich taumelte trotzdem rückwärts gegen den Metallrand des nächsten Sitzes. Ich war ziemlich stolz, dass ich nicht zu Boden fiel – obwohl ich letzten Endes trotzdem dort landete. Ich konnte immer noch nicht richtig atmen und wich zum vorderen Ende des Busses zurück. Dann ließ ich mich mit stummer Würde in eine sitzende Position in den Gang sinken. Drake Mackenzie baute sich drohend über mir auf, den Fuß erhoben, als könnte er sich nicht entscheiden, ob er mich treten oder auf mir herumtrampeln sollte. Mir war es egal, was davon er in die Tat umsetzen würde, denn meine Defensive sah für beide Fälle gleich aus: Ich zog die Knie an, so weit es ging, umklammerte die Beine mit beiden Armen und zog den Kopf ein, wie eine Schildkröte, die sich in ihren Panzer verkriecht. Ein halbherziger Stiefeltritt traf die Außenseite meines Oberschenkels, aber es tat nicht wirklich weh. In der warmen, feuchten Dunkelheit meiner Umklammerung spürte ich, dass ich dank meiner Embryonalhaltung keine reizvolle Zielscheibe für physische Gewalt mehr war. Es war ein geplanter, vorsätzlicher Angriff nötig, um mir ernsthaften Schaden zuzufügen, und wenn ein solcher bisher nicht erfolgt war, würde er gar nicht mehr erfolgen.

Wie sich herausstellte, hatte Drake Mackenzie etwas anderes im Sinne. Er trat einen Schritt zurück, schob das Oberlicht des nächsten Fensters auf und warf Mr. Petersons Buch aus dem fahrenden Bus. Dann spuckte er mich an und kehrte auf seinen Platz zurück.

Keiner machte Anstalten, den Bus anzuhalten oder mir zu helfen. Ich zog meine Tasche an mich, und dann bewegte ich mich halb krabbelnd, halb fallend die Stufen hinunter zum Unterdeck. Mein Körper war geschlagen, aber mein Geist war überraschend klar. Erst Stunden später sollte der unausweichliche Anfall kommen, in der Geborgenheit meines Schlafzimmers, mit dem Eisen-Nickel-Meteoriten an meine Brust gedrückt.

»Sie müssen anhalten!«, sagte ich zu dem Busfahrer.

Noch niemals zuvor hatte ich den Fahrer angesprochen; der machte nicht den Anschein, als ob er einen solchen Versuch zu schätzen wüsste. Selbst unter normalen, ruhigen Umständen strahlte der Busfahrer eine nur mühsam unterdrückte Wut aus. Sein üblicher Gesichtsausdruck sprach für eine leidenschaftliche Sehnsucht nach Pensionierung oder dem Tod – je nachdem, was früher vor der Tür stehen würde. Er hatte, was meine Mutter eine rabenschwarze Aura nennen würde, und in diesem einen Fall hätte ihr wohl niemand widersprochen.

Auf mein Ansinnen hin grunzte der Busfahrer etwas Unverständliches.

»Entschuldigung«, unterbrach ich ihn, »aber Sie sprechen zu undeutlich, und ich habe keine Zeit zu verlieren. Dies ist ein Notfall. Halten Sie den Bus an.«

»Ich sehe hier keine Haltestelle. Du etwa?«

»Das ist ein Notfall! Sie müssen den Bus anhalten!«

»Ich muss überhaupt nichts«, knurrte der Fahrer.

Ich merkte, dass man mit ihm nicht vernünftig reden konnte. Kein Wort, das ich sagte, würden ihn dazu bringen, einen unplanmäßigen Stopp mitten auf der B3136 einzulegen. Draußen nieselte es; umgehendes Handeln war erforderlich. Ohne über die sehr wahrscheinlich eintretenden Konsequenzen nachzudenken, drehte ich mich zur Tür um und zog die Notbremse. Ringsum keuchten die Fahrgäste auf, gleichzeitig zischten kreischend die Bremsen, und alles fiel mit einem mörderischen Ruck nach vorn. Mein Arm wurde von der vertikalen Haltestange weggerissen. Etwas traf meine Schulter, und etwas anderes schlug mir einen blauen Fleck auf den Hintern. Aber wundersamerweise blieb ich auf den Beinen.

In dem Moment, in dem der Bus zum Stehen kam, war ich auch schon draußen. Später erfuhr ich, dass der Busfahrer geschlagene fünf Minuten mit wedelnden Armen am Straßenrand stand, außer sich vor Zorn, und keine Ahnung hatte, was er nun tun sollte. Für eine solche Situation gab es weder ein Protokoll noch einen Präzedenzfall. Ich bekam von diesem Drama jedoch nichts mit. Ich sah mich nicht um. Ich rannte wie ein Irrer. Mein ganzes Sein war auf ein einziges Ziel gerichtet. Irgendwie musste ich die Zeit zurückdrehen.

Jedes Problem, sagte ich mir, hat eine mathematische Lösung. Mein Problem war, dass ich keine Ahnung hatte, wo entlang der B3136 Mr. Petersons Buch den Schulbus verlassen hatte. Ich hatte zu besagtem Zeitpunkt auf dem Boden gehockt.

Also, was genau wusste ich?

Ich wusste, dass die B3136 eine gewundene Landstraße war, und ich wusste, dass der Schulbus alt, klapprig und schwerfällig war. Es schien daher unwahrscheinlich, dass er sonderlich schnell gefahren war. Er hatte, so schätzte ich, eine Durchschnittsgeschwindigkeit von etwa sechzig Kilometer pro Stunde – und das war noch großzügig bemessen. Sechzig Kilometer pro Stunde, dachte ich, lag vermutlich am oberen Limit dessen, wozu dieser Schulbus in der Lage war.

Wie viel Zeit war zwischen dem Hinauswurf des Buches und dem Anhalten des Busses vergangen? Da ich nicht die Geistesgegenwart besessen hatte, auf meine Armbanduhr zu schauen, war diese Schätzung schwieriger zu bewerkstelligen. Ich musste mich auf meine subjektiven Eindrücke verlassen, die bestenfalls schwammig waren. Wie lange hatte es gedauert, bis ich wieder zu Atem gekommen war, meine Tasche genommen hatte, die Treppe hinuntergefallen war, mit dem Fahrer gestritten und schließlich den Bus angehalten hatte? Ich kam zu der Überzeugung, dass es mindestens zwei Minuten gewesen sein müssen, eher drei.

Sechzig Kilometer pro Stunde ist gleich ein Kilometer pro Minute. Entfernung ist gleich Geschwindigkeit multipliziert mit Zeit. Nach meiner Berechnung war Mr. Petersons Buch etwa zwei bis drei Kilometer weit weg.

Wie schnell konnte ich laufen? Ich wusste, dass einen Kilometer in zweieinhalb Minuten zu laufen als eindrucksvolle sportliche Leistung galt. Ich war voller Adrenalin, aber ich war ganz gewiss kein Athlet. Ich gab mir siebeneinhalb Minuten Laufzeit. Dann fing ich an zu suchen.

Über eine Stunde suchte ich in dem nassen Gras und den Hecken. Ich fand so viele leere Getränkedosen, Chipstüten und Schokoriegelpapiere, um damit mehrere Mülltonnen zu füllen. Ich fand Toilettenrollen und zerbrochenes Glas, Hamburgerverpackungen und eine Müslischachtel. Ich fand alle möglichen Dinge, die verloren gegangen oder weggeworfen worden waren – ein Plüschkaninchen, einen Außenspiegel, einen Scheibenwischer. Ich fand ausgesprochene Merkwürdigkeiten: ein Handtuch, ein Paar karierte Hausschuhe, einen Tennisschläger, eine Unterhose. In der Nähe eines Rastplatzes fand ich ein Kondom – einbenutztes Kondom. Es lag ordentlich und glatt auf einem kleinen grauen Stein. An diesem Punkt fing ich an zu weinen. …