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Kai Meyer - „Glutsand“

Dschinnland 3

ISBN: 9-783-40416-022-8

Klappentext:

In einem Ozean aus geschmolzenem Sand, tief in den südlichen Wüsten, liegt die Ruinenstadt Skarabapur. Dort, wo alle Wunschmacht zusammenfließt, planen die Dschinne ihren Sieg über die Menschheit. Tarik und Sabatea stoßen auf ihren fliegenden Teppichen ins Zentrum der Dschinninvasion vor. Gemeinsam mit dem Magier Khalis, dem Ifritjäger Almarik und den Dieben Nachtgesicht und Ifranji wollen sie das Rätsel des Dritten Wunsches lösen. Ihnen bleibt nicht viel Zeit, denn die Dschinne ziehen in die Schlacht um Bagdad - und ein neuer, unbekannter Gegner beschwört die Allmacht der Stürme …

Inhalt:

Die Brüder trennen sich wieder. Junis hat einen Schwur zu erfüllen. Er hat Maryam versprochen, Jibril zu finden und ihn aus den Händen der Dschinne zu befreien.

Sabatea, Tarik, die Geschwister und der Magier machen sich auf den Weg, die legendäre Stadt Skarababur zu finden.

Sowohl Junis, als auch die Gruppe der anderen erleben Dinge, die sie so wohl nicht erwartet haben. Es wird gekämpft, gehofft und gebetet. Es wird geweint, gestorben und gesiegt.

Dann wird alles ruhig, eine Entscheidung fällt und das Buch ist zu Ende.

Leseprobe:

… Sie überlegte. Den Gesetzen einfacher Logik gegenüber war sie durchaus aufgeschlossen. Vielleicht, weil ihr ganzes Leben nach simplen Gesetzmäßigkeiten abgelaufen war. Still sein. Stillhalten. Überleben, irgendwie.

»Rausgehen kann ich auch nicht«, sagte sie nach einem Moment. »Da fangen sie mich.«

»Falls sie dich draußen fangen, stecken sie dich zurück zu den anderen und du bleibst am Leben. Falls sie dich mit mir erwischen, töten sie dich.«

»Aber du bist auch hier. Obwohl sie dich töten, wenn sie dich fangen.«

Wahrscheinlich würden sie noch morgen früh hier stehen, wenn er diesem Gerede kein Ende machte. Sie würde so oder so sterben, spätestens, wenn die Dschinne ihre Sklaven gegen Bagdads Mauern hetzten. Plötzlich tat sie ihm leid, und das war nun wirklich das Schlimmste, das hätte passieren können.

Er war hier, um ein Kind zu retten, das eigentlich gar kein Kind war – Jibril war etwas Anderes, Älteres, gefangen im Körper eines Jungen. Sie aber war tatsächlich ein Mädchen, und sie hatte es weit mehr verdient zu überleben als Jibril.

Er sah sie finster an. »Wenn du verletzt wirst, lasse ich dich zurück. Und wenn du dich dumm anstellst, werfe ich dich vom Turm. Verstanden?«

Aus ihrer Stimme klang ein Lächeln, als sie nickte. »Bin ja nicht leer.«

Er war drauf und dran zu ergänzen, dass er ihr zudem die Zunge herausschneiden würde, wenn sie noch einmal dieses Wort benutzte. Sie ging ihm schon jetzt auf die Nerven.

»Bleib hinter mir«, kommandierte er und huschte los. »Und sag kein Wort mehr, sonst «

»Wirfst du mich vom Turm?«

»Genau.«

»Da würde ich nicht sehr tief fallen. Also,

nicht hier unten.«

Altklug noch dazu. Wunderbar.

Er bemühte sich, nicht mehr hinzuhören und lief voraus. Der breite Ringkorridor rund um die unterste Stufe der Zikkurat war voller Schutt und Sand, der durch feine Spalten und Einsturzlöcher in den Wänden hereingeweht war.

»Was ist mit unseren Spuren?«, flüsterte sie. Er biss die Zähneaufeinander. Sie hatte Recht. Er hatte keinen Gedanken daran verschwendet, dass sie beide tatsächlich die Einzigen waren, die Fußspuren hinterließen. Falls sich ein Dschinn hierher verirrte, würde er sofort erkennen, dass sich Eindringlinge in der Ruine befanden. Und ganz sicher würden ihm eher die Spuren von zwei Menschen auffallen als die eines einzelnen.

»Wir müssen eben schnell sein«, sagte er ungehalten.

»Ist das dein Plan?«

»Ja.«

»Aha.«

Machte sie sich über ihn lustig? So verhielt sich kein Kind in einer Lage wie dieser. Aber er konnte sich nicht einmal im Ansatz ausmalen, welche Gräuel sie bereits mit angesehen hatte. Sie war mit dem Anblick von tausendfachem Tod, Verstümmelung, wahrscheinlich sogar Kannibalismus aufgewachsen. Vermutlich gab es nicht viel, das ihr noch Angst machen konnte.

»Mein Plan«, sagte er scharf, »war es, allein hier einzudringen und zu tun, weshalb ich hergekommen bin. Ohne dabei reden zu müssen und mit all diesem Lärm wahrscheinlich das halbe Lager zu alarmieren.«

»Die haben noch genug draußen in den Pferchen zu tun«, sagte sie schulterzuckend. »So schnell suchen die hier nicht nach uns.«

»Bist du schon öfter weggelaufen?«

Sie schüttelte den Kopf.

Er seufzte leise und eilte weiter. Es war zu düster, um Einzelheiten der Umgebung auszumachen. Ihr Gesicht lag ebenso im Finsteren wie die Wände rechts und links. Nur wenn von außen der Schein der Fackeln durch einen Spalt fiel, sah er die Oberfläche der uralten Lehmmauern und die Fußspuren, die er im weichen Sand hinterließ. Die Decke musste früher einmal höher gewesen sein. Wahrscheinlich war mindestens ein Viertel des Stockwerks in der Wüste versunken.

Abrupt blieb er stehen. »Still!«

»Ich hab gar nichts gesagt.«

Er warf einen zornigen Blick über die Schulter auf ihre schwarze Silhouette, ehe ihm klar wurde, dass er sich das auch hätte sparen können – sie vermochte sein Gesicht ebenso wenig zu sehen wie er das ihre.

Sie standen beide reglos da und horchten. Weit entfernt und stark gedämpft drang noch immer das Geschrei aus den Sklavengehegen an ihre Ohren, eine verwischte Lärmkulisse, in der die Stimmen von Menschen und Dschinnen ununterscheidbar ineinanderflossen. Junis und das Mädchen mussten die Zikkurat bereits so weit umrundet haben, dass sie sich nun auf jener Seite befanden, an die keine Pferche grenzten. Seltsam, er hatte angenommen, dass sie bereits viel weiter gekommen waren. Hatten sie den Aufgang verpasst und waren im Kreis gelaufen? …