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Romain Puertolas - „Die unglaubliche Reise des Fakirs“

ISBN: 9-783-10400-603

Klappentext:

***Der Nr.1-Bestseller!*** Ein irrsinniger Lesetrip – einmal um die halbe Welt und zurück: Die Geschichte eines Fakirs, der in einem Ikea-Schrank auf eine wundersame Reise gerät Ayarajmushee Dikku Pradash, charmanter Hochstapler in Turban und Seide sowie Träger eines Schnurrbarts beträchtlicher Größe, fliegt eines Tages aus Indien nach Paris. Er ist von Beruf Fakir und möchte sich bei Ikea ein brandneues Nagelbett zulegen: Modell „Likstupikstå“, schwedische Kiefer, 15 000 Nägel (rostfrei), Farbe: Puma-rot. Kaum am Flughafen Charles de Gaulle angekommen, handelt sich Ayarajmushee Ärger mit einem Taxifahrer ein, verliebt sich im Ikea-Bistro in die schöne Französin Marie, nistet sich über Nacht im Möbellager ein und versteckt sich in einem Ikea-Schrank. Prompt gerät er in diesem Schrank auf eine irrwitzige Reise, die ihn über England, Barcelona, Rom und Tripolis zurück nach Paris führt... Der große Überraschungshit aus Frankreich - ein Roman über das verrückte Leben in unserer globalisierten Welt – heiter, schnell, wundervoll überdreht.

Inhalt:

Ein Betrüger, der sich als Fakir bezeichnet, kommt nach Frankreich, um sich ein Nagelbett zu kaufen. - Da er kein Gelf ür ein Hotelzimmer hat, übernachtet er in der Filiale des schwedischen Möbelriesen.

Doch genau in dieser Nacht wird im Ausstellungsraum umgebaut. Weichen muss auch der Schrank, in dem sich der Fakir versteckt hat.

Im Lkw wird er von illegal reisenden Flüchtlingen aus dem Schrank befreit. Doch die Gruppe wird von der Polizei aufgefirffen und der Fakir tritt eine wahre Abschiebeoddyssee an.

Während er noch von einem „Opfer“ gesucht wird, trifft er auf Wohltäter. So beschließt er, dass auch er sein Leben ändern will.

Leseprobe:

… In der überfüllten Zelle erfuhr Ayarajmushee von einem Albaner in Trainingsanzug und Sandalen, dass sie sich im englischen Folkestone befanden, wenige Minuten vom Ausgang (oder Eingang, je nachdem, wie herum man’s sieht) des Eurotunnels entfernt, und nein, es gebe kein Ikea in der Nähe, und ja, er sitze ganz schön in der Tinte.

Ayarajmushee blickte sich um. Sie waren alle da, die Männer, die nirgends willkommen waren. Die Reise von Soomar und seinen Gefährten war tatsächlich an ein Ende gelangt, allerdings nicht an das erhoffte. Wie geplant hatte er sie bis zur Ziellinie begleitet, doch war er nicht Zeuge eines glücklichen Ausgangs geworden, wie er es gedacht hatte, als seine neuen Zufallsfreunde ihn hilfsbereit aus seinem Gefängnis aus Noppenfolie und Metall befreit und ihm zu essen und zu trinken gegeben hatten. Jemand musste Buddhas Karten neu gemischt haben. Das konnte doch nicht alles sein für diese tapferen Männer. Der Himmel hatte sich geirrt und ihnen das falsche Empfangskomitee geschickt.

Ayarajmushee begegnete dem traurigen Blick von Soomar, der auf einer Betonbank saß und zwischen zwei beeindruckend großen Nordafrikanern wie geschrumpft wirkte. Sein Blick schien ihm sagen zu wollen: »Sei wegen uns nicht traurig, Aya.«

Während der Fakir sich zwischen den Verhafteten hindurchschlängelte, einem bunten Mosaik aus Farben, Akzenten und Gerüchen in Jogginganzügen und Sandalen, um Soomar irgendetwas Tröstliches zu sagen, ließ der indische Beamte, Officer Simpson, der ihn eine Stunde zuvor einkassiert hatte, die Plexiglastür öffnen, hinter der sie alle gehalten wurden wie in einem Aquarium, und rief ihn zu sich, um ihn in sein Büro zu bringen.

»Das wird nicht lustig, ich sag dir’s!«, meinte der Albaner. Für ihn war es schon der zehnte Versuch, nach Großbritannien zu gelangen.

Doch Ayarajmushee war zuversichtlich, dass seine Glaubwürdigkeit und das Verständnis des Beamten, immerhin eines Landsmanns, erlauben würden, den fürchterlichen Irrtum ein für alle Mal aufzuklären, und so folgte er Officer Simpson guten Mutes.

»Damit dir eins gleich klar ist, ich bin nicht dein Landsmann«, sagte Simpson, diesmal auf Englisch, als könnte er die Gedanken des Fakirs lesen.

Dann ließ er ihn Platz nehmen.

»Ich bin britischer Bürger und als Beamter Vertreter der staatlichen Gewalt. Ich bin nicht dein Freund«, fügte er hinzu, falls noch irgendeine Unklarheit bestehen sollte, »ich bin weder dein Bruder noch dein Cousin.«

»Du bist mir ein schöner Bürger Ihrer Majestät«, dachte Ayarajmushee, dem klar wurde, dass seine Glaubwürdigkeit und das Verständnis des Beamten durchaus nicht erlauben würden, den fürchterlichen Irrtum aufzuklären. »Du bist aber heute auch nur hier, weil deine Eltern irgendwann mal in einem LKW-Anhänger zwischen Kisten mit spanischen Erdbeeren und belgischem Blumenkohl gesessen haben«, dachte er, hütete sich aber, das laut auszusprechen. »Deine Eltern haben sie ganz sicher gekannt, diese Angst im Leib, wenn der Laster langsamer wird und anhält.«

Der Polizist, dem nichts ferner lag als derlei Gedanken, schrieb etwas auf seiner Tastatur, dann hob er den Kopf.

»So, jetzt erklärst du mir noch mal alles schön von Anfang an.«

Er fragte nach seinem Namen, nach dem der Eltern, nach Geburtstag und -ort und nach Ayarajmushees Beruf. Die letzte Antwort versetzte ihn in Erstaunen.

»Wie, Fakir? Das gibt es immer noch?«, fragte er mit einer Grimasse, in der sich Skepsis und Verachtung mischten, dann deutete er gebieterisch auf eine durchsichtige Plastiktüte, die auf seinem Schreibtisch lag.

Ayarajmushee hatte sofort seine persönlichen Besitztümer erkannt.

»Das da haben wir dir abgenommen. Lies die Liste und unterschreibe.« Simpson reichte ihm ein Blatt, auf dem alles aufgelistet war:

• 1 Visitenkarte der Roma-Taxis, Region Paris

•  1 Kaugummipapier, darauf der Name Marie und eine französische Mobiltelefonnummer

• 1 echter indischer Reisepass mit einem authentischen Kurzzeitvisum für die Schengenländer, ausgestellt von der französischen Botschaft von Neu-Delhi. Einreisestempel vom4. August, Flughafen Roissy-Charles-de-Gaulle, Frankreich

• 1 Seite aus einem Ikea-Katalog, darauf das Nagelbettmodell Likstupikstå

• 1 Gürtel aus Lederimitat

• 1 Sonnenbrille, Marke Ray-Ban, in sechs Teilen

• 1 schlecht gefälschter 100-Euro-Schein, einseitig bedruckt, daran 20 cm feiner Nylonfaden

• 1 echter 20-Euro-Schein

• 1 Holzbleistift und 1 Papiermetermaß, beides mit dem Markenzeichen von Ikea bedruckt

• 1 US-amerikanische 50 Cent-Münze mit auf beiden Seiten identischer Prägung

»Warum habt ihr mir eigentlich den Gürtel abgenommen?«, fragte Ayarajmushee, den das ärgerte.

»Damit du dich nicht aufhängst«, antwortete der Beamte trocken. »Wir behalten auch immer die Schnürsenkel, aber du hattest keine Schuhe an. Warum eigentlich?«

Der Fakir blickte auf seine Füße. Besonders weiß waren die Sportsocken nicht mehr.

»Weil sie gestern Abend in dem Ikea-Wohnzimmer geblieben sind, als ich mich in dem Schrank verstecken musste, damit die Angestellten mich nicht entdecken …«

Nachdem er seit neun Jahren illegale Einwanderer in den unwahrscheinlichsten Verstecken aufstöberte und tagaus, tagein ihre Märchen anhören musste, glaubte Officer Simpson ebenso wie Soomar ein paar Stunden zuvor kein Sterbenswörtchen von der Geschichte dieses Ayarajmushee »Die Kuh« Pradash – wahrscheinlich war das nicht mal sein richtiger Name.

»Gut, wenn du es nicht von dir aus zugeben willst, dann lass dir gesagt sein, dass wir bei deinen Freundchen da, diesen Jackson Five, genug Hinweise gefunden haben, dass sie aus Barcelona kamen, also aus Spanien. Da scheint wenigstens die Sonne, man fragt sich wirklich, was ihr in England wollt, bei dem Scheißwetter. Der Monsun ist gar nichts gegen den Regen hier.« …