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Beatrix Gurian - „Stigmata – Nichts bleibt verborgen“

ISBN: 9 783 40106 999 9

Klappentext:

Kurz nach dem Tod ihrer Mutter erhält Emma von einem unbekannten Absender eine alte Schwarz-Weiß-Fotografie, die ein Kleinkind zeigt. Dem Foto beigefügt ist die rätselhafte Aufforderung, die Mörder ihrer Mutter zu suchen. Angeblich soll Emma die Täter in einem Jugendcamp finden, das in einem abgelegenen Schloss in den Bergen stattfindet. Dort stößt sie immer wieder auf unheimliche Fotografien aus der Vergangenheit des Schlosses. Und auch in der Gegenwart häufen sich die mysteriösen Zwischenfälle …

Inhalt:

Emma verliert ihre Mutter durch einen Autounfall. So sagt man es ihr zumindest. Doch die Leiche kann nicht gefunden werden. Statt dessen wird im Auto die Leiche einer alten Frau gefunden, die Emma nicht identifizieren kann.

Dann bekommt Emma Post. Sie soll sich in einem Jugendcamp anmelden, in dem sie die Mörder ihrer Mutter finden kann.

Das Jugendcamp entpuppt sich inzwischen als sehr seltsam. Emma findet einiges heraus, kann es aber in keinen Zusammenhang bringen.

Am Ende wird aus dem Jugendcamp eine Entführung und Emma kann endlich alle Puzzlesteine zusammen fügen. Das Ergebnis jedoch, bringt ihre Welt mächtig ins Wanken.

Leseprobe:

… Philipp holt tief Luft. »Meine Mutter hat diese Einladung für mich bekommen. Hier im Camp würde Kindern von Kriminellen die Chance geboten, sich gemeinsam mit Jugendlichen aus normalen Familien zu beweisen.« Sein Gesicht ist dunkel geworden wie der Himmel über uns, aus dem es bedrohlich grollt. Er lacht bitter. »Und ja, ich gehöre zu den Kriminellen. Mein Vater sitzt im Knast. Wegen Raubüberfall mit schwerer Körperverletzung.«

Sofort bricht eine Gedankenspirale in meinem Hirn los, die beim Tod meiner Mutter beginnt und bei Mord aufhört. Ist das hier ein Camp für Kriminelle? Wer weiß, was Sophia hinter ihrem elfenhaften Aussehen alles verbirgt?

»Mir ist schon klar, was du jetzt denkst!« Philipp kickt einen Stein aus dem Weg und schaut mich nicht mehr an. »Du hast Angst, dass ich auch kriminell bin, oder nicht? Vererbung und schlechtes Blut und all der Scheiß.«

»Blödsinn.« Ich versuche, überzeugend zu klingen, merke aber, dass ich ihn wirklich mit anderen Augen betrachte. Was, wenn sein Vater meine Mutter mit einem Fluchtauto von der Fahrbahn abgedrängt hat und sie deshalb in den See gefahren ist?

Das Grollen über uns verstärkt sich.

»Du gehörst bestimmt zu den Normalen, oder?«, sagt Philipp. »So viel hab ich inzwischen auch mitbekommen.«

Jetzt begreife ich auch seinen Ausraster gestern Nacht im Treppenhaus. Er ist davon ausgegangen, ich würde die Hintergründe kennen.

»Kennst du denn normale Familien?«

Ein lauter Donnerschlag lässt uns beide zusammenzucken. Wieder schaue ich in den Himmel. Es blitzt, aber noch in weiter Entfernung.

Ich will loslaufen, aber Philipp bleibt vor der Marienstatue stehen, als ob ihn das Marterl an etwas erinnert hätte.

»Weißt du, der neue Freund meiner Mutter fand es eine tolle Sache, dass ich mit normalen Teenagern zusammenkomme.« Seine Zornesfalte ist zurück. »In Wahrheit wollte er nur in aller Ruhe mit meiner Mutter in Urlaub fahren, denn die hätte mich nie allein zu Hause gelassen. Damit ich nicht auf dumme, sprich kriminelle Gedanken komme.«

Philipp hebt einen kinderkopfgroßen Steinbrocken auf, der mit anderen rund um den Altarstock liegt, und wiegt ihn in den Händen. »Und du denkst doch auch, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Allein wie du mich auf einmal anstarrst!«

»Quatsch!« Unwillkürlich weiche ich einen Schritt zurück.

»Ach ja?« Philip betrachtet den Steinbrocken, dann mich. Sein Gesichtsausdruck ist provozierend. »Hast du etwa keine Angst, dass ich dir damit den Schädel einschlage?«

»Unsinn, warum solltest du so was tun?« Er sieht lächerlich aus, aber ich fühle mich völlig hilflos.

»Vielleicht hasse ich blonde Frauen? Vielleicht bin ich ja ein Psycho, der ...« Er schwingt den Stein gefährlich in meine Richtung.

»Hey, Blödmann, pass auf, lass das!«

Statt aufzuhören, holt er mit dem Brocken richtig weit aus.

»Bist du verrückt geworden?«

Ein Grinsen zieht sich über sein Gesicht. Er macht mir Angst.

In diesem Augenblick donnert es so laut, dass ich entsetzt zusammenzucke, Philipp stolpert und der Brocken rutscht aus seinen Händen. Ich springe zur Seite, komme aber falsch auf und knicke mit dem Knöchel so unglücklich um, dass ich stürze.

Ein jäher Schmerz durchzuckt mich, ich beiße die Zähne zusammen, um nicht laut zu schreien.

Philipp kniet schon neben mir und ist wahrscheinlich noch blasser als ich selbst. »Emma! Was ist passiert? Oh Mann, das ist meine Schuld. Ich weiß selbst nicht, manchmal geht es mit mir durch. Scheiße, Scheiße, Scheiße.«

Ich sinke zurück, starre in den dunklen Himmel und versuche, normal zu atmen, aber der Schmerz in meinem Fuß pumpt sich zu einem riesengroßen Klumpen auf, stülpt sich über meinen Körper und nimmt mir die Luft. Dicke Regentropfen fallen mir ins Gesicht, was angenehm ist, genauso wie der Wind, der plötzlich um uns herum fegt.

»Was machen wir denn jetzt? Hier können wir nicht bleiben. Ich werde dich tragen.«

Philipp kniet neben mir und versucht, seine Hände unter meinen Knien durchzuschieben, doch sofort jagt ein stechender Schmerz in meinen Fuß und ich schiebe ihn weg.

Seine Stimme zittert verdächtig. »Ich kann dich auf keinen Fall hier draußen allein liegen lassen.« Er schaut in den Himmel. »Nicht bei dem Wetter. Ich bringe dich in die Kapelle und hole dann Hilfe aus dem Schloss.«

Ich versuche zu lächeln, weil er reichlich grün im Gesicht ist. Ich glaube, dass es ihm wirklich leidtut. Das, was er mir über seinen Vater gesagt hat, beruhigt mich merkwürdigerweise. Ich habe plötzlich das Gefühl, ich verstehe ihn viel besser. »Hey, alles nicht so schlimm, okay? Das wird schon wieder.«

Nun riskiere ich doch einen Blick auf meinen Fuß. Der Knöchel ist jetzt schon dick angeschwollen, aber er fühlt sich noch schlimmer an, als er aussieht.

»Pass auf, ich such einen dicken Ast, auf den du dich stützen kannst. Ich bin gleich zurück.« Philipp hilft mir, mich aufzusetzen und mit dem Oberkörper auf einen Felsen abzustützen. Ich will mich gerade zurücklehnen, um Kraft zu sammeln für das letzte Stück zur Kapelle, da fällt mein Blick auf die Metallplatte, die am Fuß des Altarstocks leicht erhöht angebracht ist. Das trockene Gras ist sorgfältig zur Seite geschnitten und die Tafel ist blank geputzt, sodass man die eingravierten Namen und die Inschrift mühelos erkennen kann. Über den Namen steht:

Der Seele Leid verkläre sich zur Liebe durch unseren Herrn

und Erlöser Jesus Christus. Hier ruhen in Frieden:

Gabriel Benjamin *1.6.1965 — †7.6.1965

Ursula Maria *4.5.1964 — †4.5.1964

Michael Martin *10.4.1969 — †10.04.1069

Für einen Moment vergesse ich den pochenden Schmerz in meinem Fuß. Das ist kein Altarstock in Gedenken an jemanden, der bei einer Naturkatastrophe gestorben sind. Hier wird an drei Säuglinge erinnert, die kurz nach der Geburt gestorben sind. Zwei haben sogar nur einen einzigen Tag gelebt. Vielleicht sind sie aber auch schon tot zur Welt gekommen? Oder eins ist das Kind, von dem Nicoletta erzählt hat, das im Brunnen ertrunken ist?

Das Blut rauscht in meinen Ohren und unwillkürlich ist da wieder dieses wimmernde Geräusch, das ich gestern Nacht im Keller geglaubt habe zu hören. Ein Jammern und Weinen, wie von sehr kleinen Kindern.

Ich schließe die Augen, es donnert abermals, ein gewaltiger Krach, der vom nächsten Bergwipfel noch einmal zurückgegeben wird.

Wohin ist Philipp verschwunden? Was braucht er so lange?

Panik steigt in mir hoch, aber da sehe ich, wie er mit einem langen Stock bewaffnet den Felspfad hochkommt.

»Schau mal«, rufe ich ihm schon entgegen und weiß, dass ich ihm unbedingt zeigen muss, was ich entdeckt habe.

Erst winkt er ab, er drängt darauf, ins Trockene zu kommen, aber dann kniet er sich doch neben mich, sieht sich die Namen und die Daten an und schluckt ein paar Mal. Ich habe den Eindruck, dass ihm etwas auf der Zunge liegt, doch dann nimmt er einfach nur wortlos meine Hand.

So verharren wir für ein paar Minuten, und obwohl über uns das Gewitter tobt, ist es zwischen uns und diesen toten Kindern so still, als wären wir ganz allein. …