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Andreas Laudan - „Das blaue Leuchten“

ISBN: 9-783-49926-719-2

Klappentext:

Im Odenwald wird eine Höhle entdeckt: Schnell hat sie einen sagenhaften Ruf - als das Versteck des Nibelungenhorts. Dann verschwindet eine Gruppe von Schatzsuchern in dem finsteren Tunnelnetz. Nur eine kann sie retten: Tia ist Höhlenforscherin, eine der besten – und sie ist blind. Zusammen mit ihrem Assistenten Leon spürt sie die Leute auf. Doch eine Explosion verwehrt ihnen den Rückweg. Unter großen Strapazen versucht die Gruppe sich einen Weg durch das Labyrinth zu bahnen. Allen voran Tia. Doch einer im Team hat andere Ziele. Und er kann keine Zeugen brauchen ...

Inhalt:

Im Wald bei Lochberg taucht ein seltsames blaues Leuchten auf. - Darauf haben die jungen Leute nur gewartet. Sie steuern darauf zu und entdecken eine Höhle.

Bei der Erkundung verletzt sich einer der drei und muss mit der Rettung abtransportiert werden.

Die bisher unentdeckte Höhle soll nun von Profis erkundet werden. Tia und ihr Partner treffen auf den Mann vom Stadtrat und lassen sich von ihm zu der Höhle bringen. Dort stösst noch ein junger Polizist zu ihnen und zu tritt wagen sie den Einstieg.

In der Höhle treffen sie auf zwei Hobbyforscher. Einer der beiden glaubt, dass das blaue Licht ein Schatzlicht war. Er vermutet in der Höhle Reichtümer und will sie um alles in der Welt für sich.

Bei einer unbedachten Handlung kommt die Höhle zum Einsturz. Die Personen überleben, aber der Weg nach draußen ist verstopft.

Als Tia die nahende Rettung verkündet, wird aus dem Polizisten auch plötzlich ein Schatzjäger. Allerdings aus geschichtlichen Gründen.

Ein Showdown der Superlative nimmt seinen Lauf.

Leseprobe:

… «Ich hoffe, es ist okay, dass ich dir Gesellschaft leiste», sagte Jan, der ihr in drei Schritten Abstand folgte.

«Ach, ich fühle mich doch ganz wohl, nicht allein zu sein», gab Tia zu. «Eigentlich gilt unter Tage dasselbe Prinzip wie bei euch Polizisten auf Streife: Jeder sollte einen Buddy haben.»

Jan lachte. «Gut, ich bin gern dein Buddy! Auch wenn du sicher lieber deinen Freund bei dir hättest.»

«Nein, das ist schon in Ordnung. Es ist besser, wenn Leon bei den anderen bleibt, damit er sie notfalls versorgen kann.»

Tia tastete sich ein Stück weiter und schnalzte mit der Zunge, um die Länge des Gangs zu ermessen. Das Echo ließ auf einen größeren Hohlraum in einiger Entfernung schließen.

«Ist dein Freund denn medizinisch ausgebildet?», nahm Jan das Gespräch wieder auf.

«Wir machen beide jedes Jahr einen Erste-Hilfe-Kurs», erklärte Tia. «Unerlässlich, wenn man in Höhlen unterwegs ist. Das Unfallrisiko ist nun einmal sehr hoch.»

«Verstehe», sagte Jan, scheinbar befriedigt. Dann aber setzte er nach: «Er ist doch dein Freund, oder?»

«Der beste Freund, den ich habe», bestätigte Tia – auch wenn sie ahnte, dass es nicht das war, was Jan wissen wollte. Tia war durchaus bewusst, dass ihre Beziehung zu Leon den meisten Menschen ungewöhnlich erscheinen musste. Warum Jan sich so sehr dafür interessierte, war ihr allerdings ein Rätsel; schließlich hatten sie im Moment ganz andere Probleme.

«Vorsicht, hier geht’s abwärts!», warnte sie. Sie ließ sich auf die Knie nieder, kroch auf allen vieren weiter und ertastete eine Felskante. Offensichtlich war sie Teil einer Reihe natürlicher Stufen, die wie eine Treppe abwärtsführten, jedoch in unregelmäßigen Abständen und glitschig von der Luftfeuchtigkeit. Der Abstieg konnte heikel werden.

«Rückwärts, mit den Füßen zuerst!», ordnete sie an.

Sie kletterte voraus und hielt immer wieder inne, um auf Jan zu lauschen – seine Bewegungen, seinen Atem, das Rascheln seiner Kleidung. Wenn er abrutschte, würde er auf sie stürzen und sie wahrscheinlich beide in die Tiefe reißen. Zum Glück schien es, dass er seine Sache gut machte; nur sein Atem war leicht beschleunigt von der Anstrengung.

«Nicht mehr weit», ermutigte sie ihn, während sie mit den Fußspitzen nach der nächsten Stufe tastete.

«Wie kannst du das bloß wissen?», staunte Jan. «Ich fasse es immer noch nicht, dass du mit diesen Zungen-Klicks weiter siehst als ich mit meiner Lampe.»

«Das kann man lernen, auch wenn es lange dauert.»

Tia erreichte den Boden und richtete sich auf.

«Wie lange hast du dafür gebraucht?», fragte Jan, während er vorsichtig nachkam.

«Fünf oder sechs Jahre. Ich weiß noch: Mit achtzehn konnte ich zum ersten Mal das Echo eines Maschendrahtzauns erkennen. Bei Objekten ohne geschlossene Oberfläche ist die Sache weit schwerer als bei festen Wänden.»

«Daraus schließe ich, dass du noch sehr jung warst, als du blind geworden bist?»

«Zwölf», bestätigte Tia und griff nach Jans Arm, als er sich über die letzte Stufe herabließ.

«Das war damals bestimmt schwer für dich», sagte er mitfühlend.

Tia nickte nur und begann sofort, sich weiter den Gang hinabzutasten.

«Für deine Eltern sicher auch.»

Tia sah ein, dass er sich unbedingt mit ihr unterhalten wollte, und beschloss, ihm den Gefallen zu tun. Normalerweise sprach sie nur selten über ihre Vergangenheit, und auch nur mit vertrauten Personen. Aber vielleicht, sagte sie sich, suchte Jan einfach Ablenkung von der verzweifelten Lage, in der sie sich befanden.

«Es war schwierig, ja», begann sie. «Als ich aus der Klinik kam, konnte ich ohne Hilfe kaum ins Bad finden, mich nicht alleine anziehen, mir nicht die Schuhe zubinden. Es war schlimm, bei jeder Kleinigkeit meinen Vater rufen zu müssen.»

«Was war mit deiner Mutter?»

«Sie starb bei dem Unfall. Mein Vater trauerte sehr um sie – und ich versuchte, ihn zu schonen und ihm möglichst wenig zur Last zu fallen. Aber als ihm die Ärzte empfahlen, mich in ein Blindenheim zu geben, habe ich mich mit Händen und Füßen gewehrt. Ich sagte ihm: Bevor du mich in so ein Heim steckst, sorge ich lieber dafür, dass ich allein zurechtkomme. Und das habe ich getan.»

«Wie?»

«Mit täglichem Training. Ich habe mich allein durch die Wohnung getastet und ihm verboten, mir zu helfen, selbst wenn ich mir den hundertsten blauen Fleck dabei holte. Oft habe ich heimlich in der Nacht geübt, damit er es nicht merkte. Nach zwei Monaten konnte ich mich im Haus einigermaßen sicher bewegen und wollte nach draußen. Mein Vater bat Nachbarn und Freunde, mich zu begleiten, aber ich bin ihnen immer entwischt und allein herumgestreunt. Im Grunde tut er mir leid … Ich habe ihn damals sicher einiges an Nerven gekostet.»

«Und wie kam es, dass du dann später studieren konntest?»

«Ach, ich weiß auch nicht … Als Kind war ich in der Schule eher mittelmäßig, aber nach dem Unfall dachte ich: Jetzt musst du so schnell und so viel wie möglich lernen, um dich wieder in der Welt zurechtzufinden. Ich lernte die Blindenschrift, las ein Buch nach dem anderen, und nach einem Jahr war ich plötzlich Klassenbeste.» Tia lachte verlegen. «Ich weiß bis heute nicht, wie ich das geschafft habe. Aber ein netter Nebeneffekt der Sache war, dass ich anderen Schülern Nachhilfeunterricht geben konnte – und der finanzierte mir dann eine Punktschriftmaschine und Texterkennungs-Software für den Computer. Mein Vater hätte das Geld dafür nicht gehabt.»

«Toll!», meinte Jan mit ehrlicher Bewunderung. «Eindrucksvoll, was man aus sich machen kann, wenn man nur den Willen dazu hat.»

«Ich hatte aber auch viel Unterstützung», stellte Tia klar. «Mein Vater war immer für mich da, und auch einigen Lehrern verdanke ich viel. Ich war auf der Carl-Strehl-Schule – das ist das einzige Gymnasium für blinde Menschen in Deutschland.»

«Echt beeindruckend … Ich wag’s ja kaum zu sagen, aber ich hab bloß mittlere Reife. Mehr braucht man nicht bei der Schutzpolizei.»

«Ach …» Tia winkte ab. «Was bedeutet schon ein Schulabschluss? Es gibt Wichtigeres.»

«Zum Beispiel?»

«Zum Beispiel die Bereitschaft, Menschen zu helfen, auch wenn man dabei die eigene Sicherheit aufs Spiel setzt. Und das tust du doch als Polizist.»

«Ich denke schon, ja … aber du tust es auch», gab Jan das Kompliment zurück. «Immerhin versuchst du gerade, vier Verschüttete aus einer Höhle zu retten.»

«Ich muss es zumindest versuchen», sagte Tia.

Beide schwiegen, während sie weitergingen. Jans Neugier schien fürs Erste befriedigt – und was Tia betraf, so hing sie ihren eigenen Gedanken nach. …