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Andreas Laudan - „Pharmakos“

ISBN: 9-783-42321-139-0

Klappentext:

»Wie viel Zeit habe ich noch?« Volker packte den Arzt an der Schulter. »Einen halben Tag, wenn Sie ruhig bleiben.« Volker wurde schwarz vor Augen. »Und wenn nicht?« Deutschland 2019: Der Sozialstaat steht kurz vor dem Zusammenbruch. Eine inoffizielle Organisation hat begonnen, angebliche Sozialschmarotzer zu töten. Der ehemalige Kundenberater Volker Kühn wird im Krankenhaus zum Opfer dieser »Behandlung«. Als er erfährt, dass er nur noch wenige Stunden zu leben hat, flüchtet er und versucht – verfolgt von den Agenten des mörderischen Systems –, die ungeheuerliche Wahrheit publik zu machen. Ein spannender Thriller, der hoffentlich niemals Wirklichkeit werden wird.

Inhalt:

Volker Kühn war auf der Überholspur im Leben. Er hatte Geld, eine große Wohnung und ein luxeriöses Leben. Doch dann diagnostiziert man Krebs bei ihm. Die Krankenkasse übernimmt nur einen Bruchteil der Kosten und er verliert seine Arbeit.

Als Empfänger von Stütze hat er auch kein Anrecht auf Fachärzte. Er kämpft trotzdem.

Als der Krebs zurückkehrt, kommt Volker ins Krankenhaus. Doch man hilft ihm da nicht. Statt dessen bekommt er ein Medikament, das ihn sterben lässt.

Es beginnt ein Wettlauf mit der Zeit. Volker will sein Leben retten und die Öffentlichkeit informieren. Er ahnt jedoch nicht, wie mächtig sein Gegner ist.

Leseprobe:

… Nach Einschätzung der Polizei könnte sich der Mann noch im Raum Göttingen aufhalten. Der Flüchtige ist 30-35 Jahre alt, einen Meter fünfundachtzig groß und schlank, hat dunkles, leicht gelichtetes Haar und blaue Augen. Er trägt ein weißes Sporthemd und eine beigefarbene Hose. Der Unbekannte ist bewaffnet und gefährlich. Hinweise bitte an die Polizei Göttingen oder jede andere…«

Gernots Kopf ruckte herum; er starrte Volker an und erbleichte.

»Nicht abbiegen!«, sagte Volker scharf und zog seine Waffe hervor. »Bleib auf der Autobahn.«

Gernot starrte ungläubig auf die Pistole, dann wieder in sein Gesicht. »Das glaub ich einfach nicht…«

»Pass auf!«, zischte Volker.

Gernot trat auf die Bremse, als ein Lastwagen vor ihnen überraschend die Spur wechselte.

»Weiterfahren.«

Das Abfahrtsschild von Hannover-Langenhagen rauschte an ihnen vorbei.

Volker wandte sich dem Armaturenbrett zu und schaltete mit der freien Hand alle Geräte aus, die einen Notruf senden konnten: die Sicherheitskonsole, den Satellitennavigator, selbst das Internet. Gernot heftete den Blick auf die Fahrbahn, wobei er mit der rechten Hand nervös auf das Lenkrad einhieb.

»Ich glaub’s einfach nicht«, wiederholte er, und seine Stimme klang eher genervt als erschrocken. »Und das mir. Keinem kann man trauen heutzutage. Keinem.«

»Halt still.« Volker tastete seinen unfreiwilligen Chauffeur ab – keine Waffe? Er öffnete das Handschuhfach: Da lag, unvermeidlich, ein kurzläufiger Trommelrevolver.

»Scheiße«, fluchte Gernot.

Volker steckte den Revolver ein und hielt seine eigene Waffe auf den Fahrer gerichtet.

»Hör zu«, sagte er. »Ich will dir nichts tun. Dir wird nicht das Geringste passieren, wenn du mitspielst. Fahr mich einfach nach Hamburg, okay?«

Er zog mit der freien Hand sein verbliebenes Bargeld aus der Tasche und legte es auf das Armaturenbrett. Gernot starrte verdutzt auf die dreihundert Euro.

»Das Geld gehört dir«, sagte Volker. »Wenn du mich hinfährst. Damit will ich dir beweisen, dass ich kein Gangster bin, sondern ein anständiger Mensch. Ich habe noch nie jemanden getötet, und dabei soll es auch bleiben.«

Gernot lachte trocken auf. »Und wieso bist du dann auf der Flucht vor der Polizei?«

»Ich muss so schnell wie möglich nach Hamburg«, versuchte Volker wahrheitsgemäß zu erklären. »Es geht um Leben oder Tod. Wenn die Polizei mich festhält, habe ich keine Chance mehr. Ich trage ein langsam wirkendes Gift im Körper, das mir in einem Krankenhaus verabreicht wurde. Ich konnte fliehen und bin mit dem Zug bis zu der Stelle gefahren, wo du mich aufgelesen hast. Man verfolgt mich, weil ich alles ausplaudern könnte. Ich bin unschuldig.«

Gernot schnaufte. »Tolle Geschichte, wirklich. Also, fassen wir zusammen: Du bist Mister Saubermann, und die ganze Welt hat sich gegen dich verschworen, richtig? Was war denn das für ein Krankenhaus, aus dem du ausgebüchst bist – nicht zufällig eine Station für Geisteskranke?«

»Das ist nicht zum Lachen«, fuhr Volker auf und hielt die Waffe etwas höher, sodass der Lauf auf Gernots Gesicht zeigte. »Ich bin nicht verrückt, und ich leide auch nicht unter Verfolgungswahn. Ich bin eins von vielen Opfers einer inoffiziellen Säuberungsstrategie, die wahrscheinlich ganz nach deinem Geschmack ist: Man gibt den Patienten heimlich ein Gift, das nach etwa zwölf Stunden zu einem Herz- oder Schlaganfall führt. Ich bin Sozialhilfeempfänger, seit vier Monaten. Und ich bin schwerkrank. Da hat man sich eben gesagt: Kürzen wir die Sache doch einfach ab; auf diese Weise sparen wir eine Menge Geld.«

Gernot schüttelte den Kopf, wobei er unverwandt auf die Stoßstange des russischen LKWs starrte, der vor ihnen fuhr.

»Du glaubst das wirklich, nicht wahr?«, sagte er fassungslos. »Du bist wirklich überzeugt davon…«

Als Volker nicht antwortete, schien er zu begreifen, dass sein Entführer es ernst meinte.

»Hör zu«, sagte er mit veränderter Stimme, in der nun hörbar Angst mitschwang. »Du kannst nicht auf mich schießen, klar? Ich würde das Steuer verreißen, und bei Tempo zweihundert bringt uns das unweigerlich aus der Spur. Wir würden uns überschlagen, auf die Gegenfahrbahn geraten und beide sterben… also sei vernünftig und steck die Knarre weg.«

Volker schüttelte müde den Kopf. »Ich trage das Gift seit mehr als fünf Stunden in mir. Heute Nacht, spätestens um null Uhr, bin ich sowieso tot.« Er lächelte – ein kaltblütiges Lächeln; es hätte ihn schaudern lassen, wenn er selbst es hätte sehen können. »Ich habe nichts zu verlieren.«

Gernot krampfte die Hände ums Lenkrad.»Scheiße«, fluchte er leise, und auf seiner Stirn brach der Schweiß aus. »Pass auf, Mann… ich hab das nicht so gemeint, was ich vorhin über die Asozialen gesagt hab… ich meine: Man soll ja auch nicht verallgemeinern…« Er atmete keuchend. »Ich hab ‘ne Freundin und ein Kind… ich muss sie anrufen… ich muss meinen Geschäftspartner in Hannover anrufen; der wartet auf mich… wenn ich bis Viertel vor sechs nicht dort bin, wird er misstrauisch werden…«

»Schon klar«, sagte Volker und griff nach dem Handy. »Wir schicken ihm eine SMS.«

»Darf ich ihn anrufen… bitte?«, flehte Gernot.

Volker schüttelte den Kopf. »Du diktierst mir, was ich ihm sagen soll, und ich tippe es ein. Nur eine schriftliche Kurzmitteilung… gesprochen wird nicht.«

»Scheiße«, flüsterte Gernot zum dritten Mal.

Volker staunte über sich selbst. Innerhalb kürzester Zeit war er nun tatsächlich zum Verbrecher geworden: Er entführte einen Mann, bedrohte ihn mit einer entsicherten Pistole und zwang ihn zu gehorchen. So einfach geht das,staunte er. Man muss nur verzweifelt genug sein. …