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Tom Sharpe - „Der Renner“

ISBN: 9783442437474

Klappentext:

Woher nimmt man den passenden Autor für ein anonymes Manuskript, das alle Merkmale eines Bestsellers hat? Kein Problem, denkt sich der windige Literaturagent Frensic. Als er einen erfolglosen Möchtegern-Schriftsteller für diese Rolle gefunden hat, scheint alles geregelt. Aber niemand hat damit gerechnet, daß der Hobbyautor "sein" Buch liest und über das Machwerk aus Sex und Explosionen, Leidenschaften und Schiffsuntergängen entsetzt ist - der Siegeszug auf die Bestsellerlisten jedoch ist unaufhaltsam

Inhalt:

Ein Schriftsteller namens Piper reicht Jahr um Jahr ein Manuskript bei einem Literaturagenten ein. Doch der weist es jedes Jahr als unverkäuflich zurück. Bis zu dem Tag, als ein sensationell gutes Skript veröffentlicht werden soll, der Autor aber unerkannt bleiben möchte.

Das Skript wird Piper quasi unter geschoben. Doch der weiß gar nicht, was da in seinem Namen veröffentlicht wird.

In Amerika meint es der Verleger mit der Promotion etwas zu gut. Piper ist verwirrt und wird dann auch noch von der durchgeknallten Frau des Verlegers umgarnt.

Doch wer jetzt durchgeknallt ist, scheint am Ende nicht mehr so sicher. Denn jeder will am Ende nur noch seine Schäfchen ins Trockene bringen.

Leseprobe:

… Piper wuchtete den Koffer vom Bett, Baby fand die Kontaktlinse - und die Pistole. Die eine fest umklammert, während sie versuchte, sich die andere wieder einzusetzen, folgte sie Piper hinaus auf den Korridor. »Bringen Sie Ihr Gepäck runter und holen Sie dann meins«, wies sie ihn an, dann ging sie in ihr Schlafzimmer. Piper trabte nach unten, begegnete unterwegs Hutchmeyers finsterem Porträt und kam wieder zurück. Baby stand im Nerzmantel neben dem großen Wasserbett, umgeben von sechs riesigen Reisetaschen.

»Hören Sie«, sagte Piper, »sind Sie wirklich sicher, daß Sie ... «

»Ja, o ja«, sagte Baby. »Davon habe ich schon immer geträumt. Diese ... diese ganze Falschheit verlassen und neu anfangen.«

»Glauben Sie denn nicht ...« begann Piper von neuem, doch Baby glaubte gar nichts. Mit einer letzten großen Geste griff sie zum Schießeisen und feuerte mehrere Male ins Wasserbett. Kleine Fontänen sprangen in die Höhe, und das Zimmer hallte wider vom ohrenbetäubenden Echo der Schüsse. »Das ist symbolisch gemeint«, schrie sie und schleuderte die Pistole in eine Ecke. Doch Piper hörte nicht. Er wankte aus dem Schlafzimmer, in jeder Hand drei Reisetaschen, die er den Flur hinunterschleifte, während die Pistolenschüsse ihm noch in den Ohren gellten. Jetzt wußte er, sie war zweifellos verrückt; der Anblick des auslaufenden Wasserbetts erinnerte ihn auf schreckliche Weise an die eigene Sterblichkeit. Als er das Ende der Treppe erreichte, schnaufte er und rang nach Atem. Baby folgte ihm, ein Gespenst im Nerz.

»Was jetzt?« fragte er.

»Wir nehmen die Motorjacht«, sagte sie.

»Die Motorjacht?«

Baby nickte, ihre Phantasie war von neuem von Bildern aus Romanen beflügelt. Die nächtliche Flucht übers Wasser war absolut unerläßlich.

»Werden sie denn nicht...«, fing Piper an.

»Auf diese Weise erfahren sie nie und nimmer, wohin wir verschwunden sind«, sagte Baby. »Wir gehen im Süden an Land und kaufen uns ein Auto.«

»Ein Auto kaufen?« sagte Piper. »Ich habe doch kein Geld.«

»Aber ich«, sagte Baby; dann durchquerten die beiden den Salon und gingen den Weg zum Landesteg hinunter. Piper, mit den Reisetaschen beladen, immer hinter ihr her. Der Wind hatte sich zwar gelegt, doch die See war immer noch kabbelig und schlug gegen die Holzpfähle und Felsen, so daß Gischt Piper naß ins Gesicht spritzte.

»Bringen Sie die Taschen an Bord«, sagte Baby, »ich muß noch einmal zurück, etwas erledigen.« Piper zögerte einen Augenblick und schaute mit gemischten Gefühlen auf die Bucht hinaus. Er war nicht sicher, ob er wollte, daß Sonia und Hutchmeyer jetzt in Sichtweite auf den Wellen schaukelten. Doch von ihnen war weit und breit nichts zu sehen. Schließlich ließ er die Taschen ins Boot fallen und wartete. Baby kehrte mit einer Aktentasche zurück.

»Mein Unterhalt«, erklärte sie, »aus dem Safe. « Sie preßte ihren Nerz fest an sich, kletterte in die Motorjacht hinunter und ging zu den Armaturen. Piper folgte ihr auf wackeligen Beinen.

»Wenig Treibstoff«, sagte sie. »Wir brauchen noch welchen.« Kurz darauf stapfte Piper zwischen dem Motorboot und dem Treibstofflager hinterm Haus hin und her. Es war dunkel, gelegentlich stolperte er.

»Reicht das immer noch nicht?« fragte er, als er nach dem fünften Mal die Kanister zu Baby ins Boot hinunterreichte.

»Fehler können wir uns keine leisten«, antwortete sie. »Sie wollen doch nicht, daß uns mitten in der Bucht der Sprit ausgeht?«

Piper machte sich wieder auf den Weg. Eins stand für ihn inzwischen felsenfest: Er hatte bereits einen schweren Fehler gemacht. Er hätte auf Sonia hören sollen. Sie hatte gesagt, diese Frau sei ein Ghul, und recht hatte sie. Ein wahnsinniger Ghul. Und was in aller Welt machte er hier eigentlich, daß er mitten in der Nacht eine Motorjacht mit Benzinkanistern volltankte? Keinesfalls eine Aktivität, die auch nur entfernt mit dem Metier eines Romanciers in Zusammenhang stand. Um nichts in der Welt hätte sich Thomas Mann zu so etwas breitschlagen lassen. D. H. Lawrence auch nicht. Conrad möglicherweise, aber auch nur vielleicht. Doch selbst das war äußerst unwahrscheinlich. Piper schlug in Gedanken in Lord Jim , fand jedoch nichts Ermutigendes darin, nichts was diese hirnrissige Beschäftigung rechtfertigte. Ja, hirnrissig war das richtige Wort. Zögernd stand Piper mit zwei weiteren Kanistern im Treibstofflager. Es gab nicht einen einzigen einigermaßen bedeutenden Romancier, der getan hätte, was Piper gerade tat. Sie alle hätten sich geweigert, bei solch einem Plan mitzuwirken. Das war zwar gut und schön, aber keiner von ihnen hatte sich jemals in einer solchen Zwickmühle befunden wie er jetzt. Stimmt, D. H. Lawrence war mit Frieda, der Frau von Mr. Werauchimmer durchgebrannt, doch vermutlich aus eigenem Antrieb und weil er sich in die Dame verliebt hatte. Piper war absolut nicht in Baby verliebt, und aus eigenem Antrieb handelte er auch nicht. Ganz bestimmt nicht. Nach Untersuchung dieser Präzedenzfälle überlegte Piper, wie er seinen Vorbildern gerecht werden könne. Schließlich hatte er ja nicht umsonst die letzten zehn Jahre seines Lebens als großer Schriftsteller zugebracht. Er würde einen moralischen Standpunkt vertreten. Das war aber leichter gesagt als getan. Baby Hutchmeyer war nicht die Sorte Frau, die einen verstand, wenn man einen moralischen Standpunkt vertrat. Außerdem fehlte die Zeit für Erklärungen. Am besten bliebe er, wo er war, und ginge nicht wieder zum Boot hinunter. Dann säße sie in der Klemme, wenn Hutchmeyer und Sonia zurückkamen. Sie hätte alle Hände voll zu tun, um ihnen zu erklären, was sie, mit vollen Reisetaschen und zehn Zwanzigliterkanistern Benzin über die ganze Kabine verteilt, an Bord der Motorjacht tue. Wenigstens konnte sie nicht einfach behaupten, er hätte sie gezwungen, mit ihm durchzubrennen - falls Durchbrennen das richtige Wort war, wenn man mit der Frau eines anderen davonlief. Jedenfalls nicht, wenn er, Piper, abwesend wäre. Andererseits war sein Koffer an Bord. Den mußte er unbedingt herunterholen. Aber wie? Wenn er nicht wieder zurückkäme, würde sie natürlich nach ihm suchen, und in dem Fall ... Piper spähte aus dem Lagerhaus und schlich sich - als er sah, daß die Luft rein war - zur Vordertür und ins Haus hinein. Kurz darauf stand er hinter dem Verandagitter und blickte aufs Boot hinaus. Um ihn herum knarrte das große Holzhaus. Piper schaute auf seine Uhr. Sie zeigte eins. Wo blieben nur Sonia und Hutchmeyer? Sie hätten schon vor Stunden zurück sein müssen.

An Bord der Motorjacht dachte Baby das gleiche von Piper. Wo er nur blieb? Sie hatte den Motor angelassen, die Benzinuhr überprüft und war bereit zum Ablegen – nun brachte er alles ins Stocken.

Nach zehn Minuten war sie ernstlich beunruhigt. Unruhe zu. Die See war jetzt ruhig, und wenn er nicht bald auftauchte …

»Genie ist so unberechenbar«, brummelte sie schließlich und kletterte auf den Landungssteg. Sie ging ums Haus herum, über den Hof zum Treibstofflager und machte Licht an. Leer. Zwei große Blechkanister in der Fußbodenmitte bezeugten stumm Pipers Meinungsänderung. Baby ging zur Tür.

»Peter«, rief sie; ihr dünnes Stimmchen erstarb in der Nachtluft. Dreimal rief sie, dreimal blieb die Antwort aus.

»O herzloser Knabe!« schrie sie, und diesmal gab es anscheinend eine Antwort. Leise drang sie in Form eines Krachens und eines gedämpften Schreis vom Haus herüber. Piper war über eine dekorative Vase gestolpert. Baby ging über den Hof und die Stufen zur Haustür hinauf. Sobald sie im Haus war, rief sie noch einmal - vergebens. Mitten in der großen Eingangshalle stand Baby, sah zum Porträt ihres verhaßten Ehemannes auf und hatte dank ihr er überreizten Phantasie den Eindruck, ein Lächeln spiele um dessen dicke, arrogante Lippen. Wieder hatte er gewonnen. Er würde immer gewinnen, sie würde immer das Spielzeug seiner Mußestunden bleiben. …