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Kerstin Gier - „Silber – Das zweite Buch der Träume“

ISBN: 9-783-84142-167-8

Klappentext:

Liv ist erschüttert: Secrecy kennt ihre intimsten Geheimnisse. Woher nur? Und was verbirgt Henry vor ihr? Welche düstere Gestalt treibt nachts in den endlosen Korridoren der Traumwelt ihr Unwesen? Und warum fängt ihre Schwester Mia plötzlich mit dem Schlafwandeln an? Albträume, mysteriöse Begegnungen und wilde Verfolgungsjagden tragen nicht gerade zu einem erholsamen Schlaf bei, dabei muss Liv sich doch auch schon tagsüber mit der geballten Problematik einer frischgebackenen Patchwork-Familie samt intriganter Großmutter herumschlagen. Und der Tatsache, dass es einige Menschen gibt, die noch eine Rechnung mit ihr offen haben - sowohl tagsüber als auch nachts ...

Inhalt:

Liv und Mia haben es nicht besonders leich tin ihrer neuen Familie. Sie müssen mit ansehen, wie ihre Mutter von der Schwiegermutter in Spe runter gemacht wird. Und auch die beiden selber kommen nicht gut weg. Also begehen sie einen Racheakt, der raus kommt und noch die halbe Stadt gegen sie aufbringt.

Als Mia dann auch noch beginnt zu schlafwandeln, muss Liv etwas unternehmen. Doch das ist nicht ganz so einfach, da sich ein seltsamer fremder Mann auf den Korridoren herum treibt.

Dieser Mann stellt sich als Psychiater heraus, der eigentlich eine Mitschülerin behandelt. Doch sie ist nicht allein, denn da ist noch jemand, der sich an Liv rächen will.

Für Mia wird es wirklich ziemlich eng.

Leseprobe:

… In Menschengestalt hätte ich bestimmt vor Schreck aufgeschrien, als er so plötzlich um die Ecke bog. Und dann wäre ich vermutlich abgehauen, wie beim letzten Mal. Aber mein Jaguar-Ich duckte sich instinktiv, sträubte das Nackenfell und entblößte die scharfen Eckzähne.

Das schien Senator Tod zu beeindrucken. Langsam wich er zwei Schritte zurück und murmelte dabei: »Ganz ruhig, Miezekätzchen, ganz ruhig.«

Aha, er konnte offenbar auch ganz normal sprechen. Von nahem wirkte er längst nicht so bedrohlich wie aus der Ferne – das Gesicht unter dem Schlapphut schien absolut menschlich zu sein. Es war kein Totenkopf, keine madenzerfressende Zombievisage, wie ich insgeheim befürchtet hatte, sondern ein ganz gewöhnliches Männergesicht, das man so oder ähnlich auf jeder Straße sah: eher rundlich, eine kräftige Nase, die Unterlippe ein wenig voller als die Oberlippe, und blassblaue Augen, in denen allerdings etwas schimmerte, was ich nicht recht zuordnen konnte und das mir Angst machte. Aber ohne dieses Schimmern hätte er tatsächlich eher harmlos ausgesehen.

Aus meiner Kehle entwich ein dumpfes Knurren. Von wegen Miezekätzchen. Das hier war mein Korridor. Und ich war heute wirklich mies drauf. Ich hatte keine besonders gute Woche gehabt.

»Schon gut«, sagte er und trat einen weiteren Schritt zurück. »Ich komme dann später noch mal wieder.« Erst als genügend Abstand zwischen uns war, drehte er sich um und verschwand um die nächste Biegung.

Ich schickte noch ein Fauchen hinterher. Dann schlenderte ich zurück zu Henrys Tür, setzte mich auf die Schwelle und begann hingebungsvoll meine Pfote zu lecken. Meine eigene Tür lag direkt gegenüber, aber ich verspürte nicht das geringste Bedürfnis, zurückzugehen, ganz gleich, wie müde ich auch sein mochte.

Jede Nacht wurde ich von grauenhaften Albträumen geplagt, in denen Mr Snuggles lebendig war und bitterlich schluchzte oder ich selber Wurzeln schlug und zu einer Pflanze mutierte, die dann von Mrs Spencer, Florence und Grayson mit einer Schere bearbeitet wurde. Hier draußen im Korridor war es so viel friedlicher als in meinen eigenen Träumen. Und ich hatte jede Menge Zeit zum Üben.

Mit einer eleganten Bewegung ringelte ich den Jaguarschwanz um meine Füße. Schuldgefühle, Scham und Wut waren offenbar ganz hervorragend geeignet, um die Konzentration zu schärfen, jedenfalls meine. Der Jaguar war jetzt eine meiner leichtesten Übungen, genau wie die Schleiereule, und heute hatte ich sogar den Lufthauch geschafft. Vorhin war ich eine ganze Weile lang unsichtbar durch die Gänge geschwebt, hellauf begeistert von mir selber. Vorbei an Mums Tür (»Matthew’s Mondschein-Antiquariat – geöffnet von Mitternacht bis Morgengrauen«) und an Mias Tür, die ich daran erkannte, dass sie zurzeit von einer hüfthohen Version von Fuzzy-Wuzzy bewacht wurde. Fuzzy-Wuzzy war Mias uraltes Kuscheltier, ein Schlenkerhase, den sie als kleines Mädchen unendlich geliebt hatte. So sah er auch aus, mit seinen angenuckelten Ohren, nur noch einem Auge (das andere war in Hyderabad geblieben) und einer verblassten, ehemals gelben Latzhose. Leider war er in groß kein bisschen niedlich, eher gruselig. Der Riesen-Fuzzy-Wuzzy saß vor einer veilchenblau lackierten Holztür und hatte seltsamerweise einen Fuchsschwanz in der Pfote, vielleicht zur Abschreckung. Ich betrachtete ihn eingehend, während ich gleichzeitig darüber nachdachte, warum ich denn das alles sehen konnte, wenn ich doch ein Lufthauch war und ein Lufthauch naturgemäß keine Augen hatte? Das hätte ich mal lieber bleibenlassen sollen (das Denken, meine ich), denn schwupps war die Schwerkraft wieder zurückgekehrt und ich unsanft auf den Boden gefallen. Aber egal, ich wusste jetzt, dass ich es konnte, und das machte mich stolz. Wenn Henry gleich kam, würde ich es ihm sofort vormachen.

Wo blieb er denn nur wieder? Hoffentlich hielt ihn nicht wieder jemand vom Schlafen ab. In seiner Familie schienen immer alle als Erstes seinen Namen zu brüllen, wenn sie ein Problem hatten. Und leider schienen sie immer genau dann ein Problem zu haben, wenn Henry und ich ein ernstes Gespräch führen wollten. Ich streckte und dehnte mich und begann, meine Krallen an seinem Türpfosten zu schärfen. Wenn Spot das machte, sprang sofort jeder auf, um sich um ihn zu kümmern.

Henry war in dieser Woche mein großer Trost gewesen. Um ehrlich zu sein, mein einziger. Alle anderen behandelten Mia und mich wie Aussätzige, mich noch ein bisschen mehr als Mia, denn ich war laut Mum und Lottie »die Ältere und Vernünftigere und hätte das niemals zulassen dürfen«. Mia behauptete, sie hätte das in jedem Fall auch ohne mich durchgezogen, und ich war geneigt, das zu glauben. Trotzdem hatten Mum und Lottie natürlich recht.

In der Schule hatte sich der Trubel um Mr Snuggles mittlerweile ein wenig gelegt, aber immer noch wurden Mia und ich mit bösen Blicken bedacht oder von Wildfremden darauf angesprochen, meist verbunden mit einer rührseligen »Ich kenne Mr Snuggles noch von früher«-Geschichte. Glücklicherweise hatte sich Secrecy inzwischen wieder anderen Themen zugewandt, und Henry versicherte mir, dass bald Gras über die Sache gewachsen sein würde.

Für alle, nur nicht für Florence.

Sie weigerte sich wie angekündigt, mit mir an einem Tisch zu sitzen, und hatte sich demonstrativ einen Platz am anderen Ende der Cafeteria gesucht. Emily war natürlich mit ihr umgezogen, und ich konnte nicht sagen, dass mich das wirklich störte – im Gegenteil, eigentlich war es herrlich, mal Ruhe vor ihr zu haben. Schade war nur, dass so auch Grayson nicht mehr bei uns saß.

Da Persephone wegen der neuen Ent wicklung unsicher war, ob der Umgang mit mir sich nachteilig auf ihren eigenen Beliebtheitsgrad auswirken könnte, hatten Henry und ich den Tisch mittags anfangs für uns ganz allein, aber schon am Mittwoch gesellten sich zwei Jungs aus Henrys Basketballmannschaft zu uns. …