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Christian Jacq - „Der Tempel zu Jerusalem“

ISBN: 9-783-49922-890-2

Klappentext:

König Salomo beauftragt den geheimnisvollen Baumeister Hiram, in Jerusalem einen prächtigen Tempel zu bauen. Während des Tempelbaus entwickelt sich zwischen den beiden Männern eine starke Freundschaft. Als das Bauwerk fertiggestellt wird, soll es durch einen Besuch der Königin von Saba gewürdigt werden. Die mächtige Herrscherin zieht Salomo und Hiram in ihren Bann. Sie werden zu erbitterten Gegnern. (Quelle:'Fester Einband')

Inhalt:

Salomon wird durch den Tod seines Vaters der neue König. Er ist beseelt vom Gedanken an den großen Frieden und einem Tempel für den Gott Jave.

Den Frieden kann Salomon festigen, indem er eine Tochter des ägyptischen Pharaos zur Frau nimmt. Diese ist zunächst gar nicht begeistert von ihrer neuen Situation, verliebt sich dann aber doch in den König und tut alles, seine Gegenwart so oft wie möglich genießen zu können.

Doch Salomon hat da auch noch seinen Tempel im Kopf. Dazu muss er zunächst einen geeigneten Baumeister finden. Hier trifft er auf Hiram. Ebenfalls ein Ägypter, aber als solcher darf er sich nicht zu erkennen geben.

Das Vorhaben mit dem Tempel wird in Angriff genommen und ruft auch Gegner auf den Plan.

Doch der Herrscher werweist sich als würdig. Rückschläge verkraftet er und kann auch sein Volk auf seine Seite ziehen.

Doch ist wirklich alles in Ordnung? Oder ist die Königin von Saba eine ganz anderer Bedrohung?

Leseprobe:

… Der Baumeister heftete die Blätter eigenhändig zusammen, alsdann rollte er sie um einen Zylinder und bekam damit einen Papyrus von ungefähr hundert Ellen Länge. Wenn er den auf dem Fußboden ausrollte, sah er die Bauzeichnung für das Meisterwerk. Da Hiram von Anfang an mitarbeitete, kam er selten in die Höhle zurück, wo er sich so wohl fühlte. Sein Hund Anup geriet dann vor Freude außer sich und jaulte, wenn er ihn wieder verließ. Kaleb, der Hinkefuß, wurde darüber immer unwirscher. Gewiß, er genoß Unterkunft und Verpflegung, hatte endlich ein Dach über dem Kopf, und das war nicht gering zu achten. Aber er trauerte noch immer dem schönen Haus in Jerusalem und dessen Annehmlichkeiten nach. Jetzt war er gezwungen, den Hund zu füttern und über sein Wohlbefinden zu wachen, und das gefiel ihm gar nicht. Doch er fürchtete Hirams Zorn, sollte er ihn vernachlässigen.

Der Oberbaumeister arbeitete ganze Nächte durch, entwarf hundert Bauformen, von denen er bis auf zwei alle wieder verwarf. Er brachte die unerschöpfliche Energie auf, die man für ein solches Werk brauchte. Hiram und der zukünftige Tempel waren eins, er arbeitete an seiner Geburt wie an der eines lebendigen Wesens. Ein seltsames Fieber hatte ihn ergriffen, das alle Müdigkeit hinwegbrannte.

Als Schüler der Meister von Karnak wußte er um die Schwierigkeiten seiner Aufgabe: Er sollte ein Heiligtum schaffen, das Jahwe geweiht war, jedoch in Bauweise und Symbolik in der Nachfolge der ägyptischen Tempel stand. Übertragen, ohne Verrat zu begehen, weitergeben, ohne preiszugeben, den Himmel auf Erden darzustellen… Sein Ehrgeiz war riesengroß, die Aufgabe erdrückend.

Wieder ging eine arbeitsreiche Nacht zu Ende. Dieses Mal war Hiram so erschöpft, daß ihm die Hand nicht mehr gehorchte. Er legte seine Schreibbinse beiseite, säuberte die Näpfchen mit schwarzer und roter Tusche, rollte einen Papyrus zusammen und stapelte die Schiefertafeln, nachdem er sie numeriert hatte.

Als er aus der Zeichenwerkstatt trat, betrachtete er die Baustelle. Die verschiedenen Gebäude waren fast vollendet. Die Arbeiter schliefen. Hiram hatte es verstanden, ihnen Begeisterung einzuflößen, ihnen die Gewißheit zu vermitteln, daß sie an einem ungewöhnlichen Abenteuer teilnahmen. An diesem geschlossenen, geschützten Ort herrschte eine geheime Harmonie, die von den rauhen Gesellen, die Zusammenarbeit erst noch lernen mußten, von Stunde zu Stunde mehr geschätzt wurde.

Der Oberbaumeister kam an dem Wachposten vorbei, der gerade abgelöst wurde. Er strebte zum Fuß des Felsens und hob wieder einmal den Blick zum Gipfel. Die Arbeit mußte dort oben beginnen, auch wenn das Unterfangen scheinbar nicht zu verwirklichen war.

Pferdegalopp störte die leichte Luft der Morgendämmerung.

Jerobeam hielt zwei Ellen vor dem Baumeister und sprang zu Boden. Der rote Riese war wütend.

«Der König hat mir die Verantwortung für die Frondienste übertragen», verkündete er. «Ich bin ein treuer Diener, ich gehorche, aber von dir nehme ich keine Befehle entgegen.»

«Das geht nicht», sagte Hiram. «Die Fronarbeit unterliegt keiner willkürlichen Entscheidung, sondern gehört zum Arbeitsplan. Das dürfte Salomo auch so gesagt haben. Du bist mir jeden Tag Rechenschaft schuldig. Ich will wissen, wieviel Männer genau eingestellt sind und was sie tun. Ein Verstoß gegen diese Vorschrift, und du bist abgesetzt.»

Jerobeam war beeindruckt von Hirams strengen Worten und begriff, daß der Oberbaumeister eine Amtsstellung innehatte, die sich nur schwer erschüttern ließ. Einfache Drohungen richten da nichts aus.

«Du bist ein herrschsüchtiger Mensch, Meister Hiram.»

«Das erfordert mein Amt. Willst du mir dienen, mir wirklich dienen, wie es der König fordert?»

«Dessen kannst du gewiß sein», bekräftigte Jerobeam, doch sein haßerfüllter Blick strafte seine Worte Lügen.

 

Irgendwann fragte sich Salomo, ob sein Oberbaumeister nicht etwa wahnsinnig geworden wäre. Das Projekt auf dem Felsengipfel, das er ihm darlegte, war wider alle Vernunft.

«Bist du dir sicher, daß es nicht eine Katastrophe wird?»

«Meine Berechnungen können nicht trügen. Es ist zu schaffen, daß wir die Mello-Schlucht auffüllen und die Lücke schließen, die die Stadt Davids von dem Platz trennt, auf dem der Tempel erbaut werden soll. Auf diese Weise bekommen wir einen sanften Hang, auf dem wir das Material leichter heranschaffen, außerdem verbindet er die Unterstadt mit dem neuen Stadtkern.»

Der König prüfte den Plan, den der Baumeister in den Sand zeichnete. Die Vision war so einfach wie überwältigend. Sie drängte sich geradezu auf; sie war selbstverständlich. Wie Salomo geahnt hatte, würde der Tempel allein durch sein Dasein ein neues Jerusalem schaffen, ein himmlisches Jerusalem, wie es den Gerechten in der Schrift versprochen worden war.

Hiram dachte an die gewaltige Arbeit, die der Erschaffung der Pyramiden von Gizeh vorausgegangen war: Man hatte viele Morgen höhergelegenes Land auswählen, riesige Steinbrüche anlegen, die Ebene abgleichen und ausgleichen, Zufahrtsrampen und Hebelvorrichtungen schaffen müssen, deren Geheimnis man nicht preisgegeben hatte, dann eine strenge Organisation der Baustelle organisieren müssen, auf der eine große Zahl von Handlangern und eine kleine Zahl von Landvermessern und Steinhauern arbeiteten. Einen Felsvorsprung durch Aufschüttung mit einem bewohnten Abhang zu verbinden, das erschien im Vergleich zu den einstigen Wundertaten fast als eine leichte Aufgabe.

«Setzt du dabei nicht das Leben deiner Arbeiter aufs Spiel?»

Der Oberbaumeister bedachte Salomo mit einem gereizten Blick.

«Willst du mir eine solche Niedertracht unterstellen? Falls es sich so verhielte, würde ich auf der Stelle mein Amt abgeben. Die Sicherheit der Männer, die unter meiner Aufsicht arbeiten, hat immer Vorrang. Sollte man mir Unfälle zur Last legen können, darfst du mich unverzüglich entlassen.»

Es tat Salomo leid, daß er Hiram gekränkt hatte.

In der darauffolgenden Stunde versammelte der Oberbaumeister die Hunderte von Arbeitern, die bereits auf der Baustelle eingetroffen waren. Die Nebengebäude breiteten sich immer weiter um den schlichten Kern aus, dessen Mittelpunkt die Zeichenwerkstatt war. Einige hatten bereits Erfahrung, andere arbeiteten hier zum ersten Mal. Hiram unterstellte sie den Arbeitern, die er in Ezjon-Geber ausgebildet hatte. Es war noch zu früh, als daß er sie nach den rituellen Graden einteilen konnte, wie man sie in Ägypten kannte. Hiram erteilte jeden Tag seine Anweisungen und konnte sie so ständig überwachen. Er merkte sich Mutige, Faule, Aufmerksame, Schlampige, Fähige und Unfähige. Um die Schlucht aufzufüllen, brauchte man keine besonderen Fähigkeiten, nur eine vollendete Organisation. Daher ernannte Hiram Werkmeister, die seine Befehle ausführen konnten. …