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Oliver Buslau - „Die Akte Necropolis“

ISBN: 9-783-83875-101-6

Klappentext:

HORROR FACTORY: Neue Horror-Geschichten. Deutsche Autoren. Digitale Originalausgaben. Das ganze Spektrum des Phantastischen. Von Gothic bis Dark Fantasy. Vampire, Zombies, Serienmörder und das Grauen, das in der menschlichen Seele wohnt. Erscheint monatlich. Jeder Band in sich abgeschlossen. Eigentlich führt Leon ein beneidenswertes Leben: Ex-Model Sarah, die Frau an seiner Seite, ermöglicht ihm, sich ganz seinen schriftstellerischen Ambitionen zu widmen. Da tritt der geheimnisvolle Alvar in Leons Leben. Er beauftragt ihn mit der Archivierung seiner Bibliothek. Leon, ein Liebhaber und Kenner antiquarischer Bücher, widmet sich nur zu gern der Aufgabe. Doch bereits an seinem ersten Arbeitstag muss er feststellen, dass die Bibliothek viel größer ist, als er angenommen hat. Und dass es weit mehr dunkle Geheimnisse birgt, als er überhaupt je für möglich gehalten hat. Als er auf DIE AKTE NECROPOLIS stößt, erweckt er Kräfte, die sich nun auch an seine Fersen heften: Er bringt nicht nur sich, sondern auch Sarah in tödliche Gefahr ... Nächste Folge: "Crazy Wolf: Bestien auf der Flucht" von Christian Endres am 12.06.2014.

Inhalt:

Sarah und Leon führen eigentlich ein recht gutes Leben. Sahra ist Moderatorin der Spätnachrichten und ehemaliges Model und kann Leon ohne Probleme aushalten.

Der ist ein recht erfolgloser Autor, dem aber so langsam die Inspiration ausgehen. Aus diesem Grund will er arbeiten.

Auf die Annonce gibt es nur eine Antwort und Leon stellt sich dort vor. Er soll ein Archiv einscannen, damit dieses Internetnutzern zugänglich gemacht werden kann.

Der Job klingt harmlos und langweilig. Doch schon die Fahrt zum Archiv ist sehr seltsam. Auch im Archiv geht einiges nicht mit rechten Dingen zu.

Leon kann ein Blick in die Akte Necropolis werden, die magische Fähigkeiten besitzt. Zudem irrt seine Freundin nach einem Unfall darin herum.

Leon ist verzweifelt. Er will zu ihr.

Leseprobe:

… Was wusste dieser Helfer schon, wer in dem Archiv arbeitete?

Plötzlich hatte Leon Sehnsucht nach Sarah. Er musste unbedingt mit ihr sprechen. Jetzt sofort. Er nahm das Telefon und holte ihre Handynummer aus dem Speicher. Er wählte, und sofort kam die Ansage, dass sie nicht zu erreichen war. Kein Wunder. Sarahs Sendung begann in zwei Stunden. Jetzt war die heiße Phase der letzten Vorbereitungen.

In der Küche schmierte er sich ein Brot, biss hinein. Aus dem Kühlschrank nahm er ein Bier, doch dann stellte er es wieder zurück und ging stattdessen an die kleine Hausbar im Wohnzimmer. Dort stand immer noch die Flasche Whisky, die Sarah von irgendwem geschenkt bekommen hatte.

Der Alkohol auf fast nüchternen Magen sorgte für ein Stechen im Bauch, auf das ein wohlig-schummriges Gefühl folgte.

Wenn Leon am Abend Sarah sehen wollte, schaltete er immer den Fernseher ein. Da die Sendung noch nicht angefangen hatte, blieb ihm nur eine andere Möglichkeit: das Internet. Dort gab es kurze Videos von den Vorbereitungen des Redaktionsteams. Ein kleiner Trost, aber immerhin.

Als er mit dem Glas in der Hand sein Zimmer im Keller betrat, spürte er endlich so etwas wie Entspannung. Das war seine Welt, die ihm Geborgenheit gab.

Er schaltete den Computer an, und dabei fiel ihm ein, dass die ganze Sache mit dem Job ihm ja helfen sollte, Stoff für ein Schreibprojekt zu finden. Das wird es. Das wird es garantiert. Schon der erste Tag hat dafür gereicht. Eigentlich kann ich wieder kündigen. Ich habe, was ich wollte.

Er rief die Seiten des Senders auf, für den Sarah arbeitete. Er fand die Videos zwischen Meldungen des Tages. Eine Nachricht stach ihm ins Auge. Sie trug eine blutrote Überschrift:

MEDIENMOGUL HUGHES ALVAR BESUCHT DIE REDAKTION DER SPÄTNACHRICHTEN

Darunter konnte man sich durch eine ganze Galerie mit Fotos klicken. Und da war er: der Mann, der wie ein Fürst auf einer Etage in einem Firmenhochhaus residierte, sich von zwei Hunden und einem wortkargen Chauffeur bewachen ließ und ein gigantisches Archiv sein Eigen nannte.

Leon gelangte zu einem Bild, auf dem Alvar mit Sarah zu sehen war. Ein Schnappschuss. Sie hatten Sektgläser in der Hand und prosteten sich zu. Auf einem weiteren Foto gaben sie sich Schickeriaküsschen auf die Wangen, auf dem nächsten berührten sich die beiden Gläser.

Und Alvar und Sarah lächelten sich an.

Unter den Fotos gab es kurze Texte:

BESONDERS DIE ATTRAKTIVE CHEFMODERATORIN SARAH MARTIN ERLAG DEM CHARME DES MULTIMILLIARDÄRS

SCHNELL TRANKEN DIE BEIDEN BRÜDERSCHAFT

Leon klickte weiter. Er hatte vor lauter Eifersucht und aufpeitschender Wut nicht die Geduld, alles zu lesen, was dort stand. Vage bekam er mit, dass Alvar Sondierungsgespräche bei der Senderleitung geführt habe. Es ging um irgendwelche Holdingfirmen, um Verkäufe bestimmter Sparten, um Internetvermarktung.

Auch als er den Computer ausgeschaltet hatte und dumpf brütend im Wohnzimmer auf der Couch saß, gingen ihm die Bilder nicht aus dem Kopf.

Sein Verstand sagte ihm, dass er das nicht ernst nehmen durfte, dass die Fotos und die lächerlichen Meldungen nichts als Teile einer PR-Kampagne waren. Aber das Gefühl, nicht zu Sarahs Welt zu gehören, ausgeschlossen zu sein – ein Gefühl, unter dem er immer wieder gelitten hatte, wurde plötzlich so stark wie nie zuvor.

*

Deutlich früher als sonst hörte Leon Sarahs Wagen auf der Auffahrt. Nach den Stunden des Grübelns war ihm klar geworden, dass er keinen Streit mit seiner Freundin wollte. Diese Bilder mit Alvar durfte er nicht ernst nehmen. Er wollte nichts anderes, als mit ihr einen netten Tagesausklang erleben. So hatte er die in der Zwischenzeit halb geleerte Whiskyflasche wieder in der Bar verstaut, das Glas gespült und weggestellt. Er schaltete den Fernseher ein, wo gerade ein alter Bogart-Film lief: »Tote schlafen fest« – die Verfilmung von Chandlers »The Big Sleep«.

»Hallo, mein Süßer«, rief Sarah vom Flur her.

Die Stimme brachte in Leon etwas zum Schmelzen. Wie hatte er ernsthaft eifersüchtig sein können?

Jetzt kam sie ins Wohnzimmer – auf Strümpfen, in knielangem Rock und Bluse. »Bin ich froh, dass ich die Schuhe los bin …«

Sie kam zur Couch, küsste ihn. »Sag nichts«, rief sie, als sie sich wieder von ihm gelöst hatte. »Ich zieh mich rasch um, und dann erzählst du, wie es war … Ich bin schon den ganzen Tag so gespannt darauf.«

Sie verschwand nach oben. Leon beobachtete eine Weile den von Bogart dargestellten Privatdetektiv Philipp Marlowe, wie er in den Straßen von Los Angeles ermittelte. Schließlich kam Sarah zurück. Sie trug jetzt Jeans und ein Sweatshirt, das Haar offen.

»Na?«, rief sie – vor Neugierde schier platzend.

In Leons Kopf geriet auf einmal alles durcheinander. Die Bilder des Tages – das unheimliche, riesige Archiv, die Begegnung mit der Professorin, ihr seltsames Büro, ihr noch viel seltsamerer Tod, die eigenartige Beschwörung dieser Akte Necropolis … Wie sollte er anfangen?

Und aus welchem Grund auch immer schob sich vor diese Bilder der Satz, den der Chauffeur gesagt hatte: »Ich soll Ihnen von Herrn Alvar ausrichten, dass Sie für den ersten Tag sehr gut gearbeitet haben.«

Alvar überwachte ihn also.

Der Medienmogul, der irgendwelche Gespräche führte, um gigantische Firmen aufzukaufen, achtete darauf, wie schnell er, Leon, der kleine Angestellte, alte Schriften in dem Archiv einscannte. Ein Archiv, das Alvar als »Laune«, als »Extravaganz eines alten Mannes« bezeichnet hatte. Technisch war das natürlich kein Problem. Der Computer, an dem Leon unter der Empore arbeitete, war an einen Server angeschlossen, und es war ein Kinderspiel, den Fortgang der Arbeiten zu überwachen.

Ihn zu überwachen.

»Nun erzähl schon«, sagte Sarah, die sich zu Leons Füßen auf das Sofa gesetzt hatte. »Oder bist du müde? Du bist so in Gedanken.«

»Du hast Alvar getroffen«, sagte er, und die Kälte in seiner Stimme überraschte ihn selbst.

Sie sah ihn an. »Wen?«, fragte sie.

Sie stritt es ab? Die Eifersucht kam zurück und verpasste ihm einen Messerstich.

»Alvar – du weißt schon.«

Sie runzelte die Stirn. »Deinen Chef? Der Typ, dem das Archiv gehört?«

»Ganz genau der«, sagte Leon gedehnt, als wäre er ein Lehrer und Sarah eine Grundschülerin, der er auf die Sprünge helfen musste. »Du hast ihn getroffen.« Er bemühte sich, seine Stimme leicht klingen zu lassen, aber sie klang bitter. Vage wurde ihm klar, dass er das alles nicht sagen sollte, dass er sich doch entschlossen hatte,nicht eifersüchtig zu sein. »Hat er was über mich gesagt?«, fragte er. …