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Piotr Bednarski - „Blauer Schnee“

ISBN: 9-783-54860-744-3

Klappentext:

Der zärtliche poetische Roman über eine Kindheit im Gulag, über die Kraft der Liebe eines Jungen zu seiner Mutter und der Poesie in zeiten des Schreckens.

Inhalt:

Ein kleiner Jude, ein polnischer Jude' lebt mit seiner Mutter im Exil Der Vater ist im. Arbeitslager, kehrt aber für sehr kurze Zeit zu seiner Familie zurück. - Er legt sich aber mit einem hohen Tier an und verschwindet schon am nächsten Morgen wieder im Lager. Dort verstirbt er nach einer Zeit und lässt einen Jungen zurück, der verzweifelt nach einer Vaterfigur sucht.

Der Junge hat kein leichtes leben. Er hungert, er hat Angst und doch geht er zur Schule und hofft auf eine Zukunft.

Doch so einfach ist das mit der Zukunft nicht. Dazu muss er aber erst einmal erwachsen werden. Und das, wo sogar seine Mutter von einem verschmähten Mann niedergeschossen wird. Vor den Augen des Jungen und einer gesamten Hochzeitsgesellschaft.

Der Junge ist nun Vollwaise und das Waisenheus droht ihm. Genau jene Einrichtung, aus der ein Freund mit aller Macht fliehen wollte und am Ende spurlos verschwindet .

Leseprobe:

… Nach der Fehlgeburt war Mutter zwei Wochen lang sehr verstört. Sie lief herum wie das Unglück selbst und konnte keinen ruhigen Schlaf finden. Sie wurde von Albträumen gequält, aus denen sie schreiend und schweißgebadet aufwachte. Gott allein weiß, was in ihrem Inneren vorging. Die Tatsache, dass ich ihr nichts von ihrer Verzweiflung abnehmen konnte, machte mir zu schaffen. Ich war so machtlos wie die Medizin. Mit der Zeit jedoch besserte sich ihr Zustand.

Eines Tages, als sie von der Arbeit kam, setzte sie sich noch im Mantel neben mich an den Tisch. Sie lehnte den Kopf an die Holzwand und blieb regungslos sitzen. Ich machte meine Hausaufgaben, bemerkte also erst nach einer Weile, dass sie eingeschlafen war. Ich legte die Schreibfeder zur Seite und verhielt mich möglichst leise. Doch Mutters Schlaf dauerte nicht lange. Als sie aufwachte, leuchteten ihre Augen in ihrem alten Glanz, und ihre Züge waren weicher geworden.

»Mein Junge«, flüsterte sie und drückte mich fest an sich, »ich habe von Pachomjusch geträumt. Ich träumte, er wäre zu uns zurückgekehrt. Er strahlte auf eine so überirdische Weise. Er hat uns gegrüßt und dann, ich weiß selbst nicht wie, hat er meine Verzweiflung von mir genommen. Er sagte, er sei sehr müde und befinde sich in einem Lager, aus dem er herauskommen müsse, weil er sich so nach mir sehne. Er müsse wieder zu Kräften kommen, weil er mich noch einmal sehen wolle. Als ich ihm dann zunickte, trat er in mein Herz ein, legte sich dort in einen Winkel, und während er einschlief, verschwand er langsam in einem leuchtenden Weiß…«

Ja, zweifellos, der Traum von Pachomjusch hatte Mutter endgültig geheilt. Doch es gab niemanden, der Großmutter hätte heilen können. Von Tag zu Tag wurde sie sonderbarer. Sie ging noch zur Arbeit, aber nun benahm sie sich wieder wie eine Gräfin, die die Pferde vor die Kutsche zu spannen befiehlt und sich dann schlafen legt. Großmutters Extravaganzen brachten die Leiterin des Waisenhauses zur Verzweiflung. Deshalb bat sie mich, als sie mich eines Tages auf der Straße traf (Schönheit wollte sie damit nicht behelligen), irgendwie auf Großmutter Anastasias Verhalten Einfluss zu nehmen. Aber was konnte ich schon tun, da diese mich neuerdings nicht mehr beachtete; ich war Luft für sie. Ständig gab sie zu verstehen, dass Gott sie für ihre Jugendsünden strafe, dass er ihr beide Enkel genommen habe – den geborenen und den ungeborenen – und dass Er sie in die Rolle der Antigone zwinge, obwohl sie die nicht sein wolle – und wenn es schon sein müsse, dann nur eine polnische Antigone. Sobald ich mich Großmutter näherte, sah ich, wie sich ihre Augen mit Angst füllten, und hörte ihr furchtsames Flüstern: »Ich werde dich nicht begraben, soll Gott dich beerdigen.«

Diese Worte verletzten mich, rissen mich in Fetzen wie ein Stück Papier. Ich konnte nicht verstehen, was ich falsch gemacht hatte. Von Großmutters unbegreiflichem Verhalten eingeschüchtert, begann ich ihr aus dem Weg zu gehen und verbrachte immer mehr Zeit am Bahnhof.

Ich lernte schnell, mich dort zurechtzufinden, und wuchs in die Bahnhofsatmosphäre hinein. Und schon bald betrachtete man mich dort als dazugehörig, bot mir Tee an und manchmal die unvermeidliche Kohlsuppe oder Buchweizengrütze. Die Eisenbahner – die meisten von ihnen waren Frauen – teilten mir sogar in der Verwaltungsstube eine Ecke zu, wo ich meine Hausaufgaben machen konnte. Ich kehrte immer erst spät nach Hause zurück, wenn Großmutter schon schlief oder gerade ins Bett ging. Meine Mutter hatte zwar veranlasst, dass ich nach dem Unterricht in den Hort des Waisenhauses gehen konnte, doch das wollte ich nicht. Die Erzieher waren mir lästig, die ewig misstrauischen Blicke der ehemaligen Politfunktionäre und fanatischen Komsomolzinnen brachten mich auf.

Eines Tages kam Grunia, die die Gleisaufsicht hatte, mit roten Wangen angerannt.

»Komm schnell mit, dann kannst du einen Spion sehen!«

Wir eilten zur Rampe – und ich bekam weiche Knie. Ein junger Soldat führte mit aufgepflanztem Bajonett meine Großmutter vor sich her. Sie trug dieselbe Militäruniform, in der sie von ihrer Suche nach Großvaters Grab zurückgekehrt war. Was jedoch wirklich Staunen erregte, war der irrwitzig große Stern aus weißer Pappe, der an ihrer Mütze befestigt war, sowie der Birkenbesen, der einem Gewehr gleich auf ihrer Schulter ruhte. Der Anblick war so traurig wie komisch, und ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Da aber alle so ernste Mienen wie der NKWD-Soldat machten, begann ich zu lachen. »Das ist doch meine Großmutter!«, rief ich. »Kein Spion!« …