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Trudi Canavan - „Die Begabte“

Die Magie der tausend Welten 1

ISBN: 978-3-941-12329-1

Klappentext:

Der junge Archäologe Tyen entdeckt ein magisches Buch, in dem seit vielen Jahrhunderten das Bewusstsein einer Frau gefangen ist: Pergama war einst eine talentierte Buchbinderin, bis ein mächtiger Magier sie mit einem Zauber belegte und dazu verfluchte, für alle Zeit das Wissen der Welt in sich aufzunehmen. Und so weiß Pergama, dass Tyens Heimat und allen, die ihm am Herzen liegen, eine schreckliche Katastrophe droht. Allerdings kann sie Tyen nur helfen, wenn es ihm gelingt, den Fluch des Buches zu brechen. Und tatsächlich hat Tyen keinen dringlicheren Wunsch, als Pergama zu befreien – der längst seine Liebe gehört

Der Auftakt zur neuen Fantasy-Trilogie ...

Inhalt:

Rielle lebt lebt in einer sehr konservativen Stadt. Die Färberei ihrer Eltern läuft gut, aber besonders hoch angesehen ist die Familie nicht. Viel zu intensiv riecht ihr Gewerbe.

Die Mutter will Rielle trotz allem gut und vor allem standeshöher verheiraten und schickt sie deswegen auf die Tempelschule, in der Hoffnung, dass sie so zu dem Bruder einer der anderen Mädchen kommt. Doch Rielle wird nur verspottet für das Ansinnen ihrer Mutter und bekommt nur die missratenen Söhne angeboten.

Es kommt der Tag, an dem Rielle als Geisel dient. Ein so genannter Befleckter treibt in der Stadt sein Unwesen und nimmt Rielle in seine Gewalt, um so vor den Priestern in Sicherheit zu sein. Doch Rielle kann sich retten, lernt bei dieser Aktion einen Künstler kennen und verliebt sich in ihn.

Ihre Mutter und auch die Priester heißen diese Verbindung gar nicht gut und Rielle muss sich allerhand einfallen lassen, um bei ihm zu sein. Doch am Ende soll diese Verbindung doch ihr Verderben sein...

Ein zweiter Handlungsstrang handelt von Tyen. Er studiert Magie an der Universität, findet ein Buch bei einer Expedition, gibt es nicht ab und wird von seinem Mitstudenten verraten.

Tyen muss das Buch nun abgeben, wird aber von seinen Professor als Sündenbock für einen Diebstahl benutzt und muss fliehen.

Tyen lernt viele nette Leute und auch so eine Art Kopfgeldjäger kennen, fällt am Ende aber doch wieder auf die Finte seines Professors rein.

Leseprobe:

… »Nichts, hm? Es ist niemals nichts, wenn jemand so lächelt.« Sie hatte weiteres Pigment gemahlen und siebte es in den Krug. »Es ist dieser junge Mann, der dich nach Hause begleitet hat, nicht wahr?«

»Ja und nein. Ich habe mich gefragt, wie gut er malt.«

»Izare Saffre? Oh, er ist sehr gut.«

Rielle hörte auf zu mahlen, drehte sich um und starrte ihre Tante an. »Du kennst seine Arbeiten?«

Narmah lächelte. »Du auch. Von ihm sind die Bilder in unserem Stadtteiltempel.«

»Die sind von ihm?« Ein Schauer überlief Rielle. Der kleinere ihrer Stadtteiltempel war erst vor wenigen Jahren ein paar Straßen von der Färberei entfernt errichtet worden. Seither besuchte Rielles Familie dort regelmäßig die Zeremonien und Opferungen. Rielle hätte es vorgezogen, auch zum Unterricht dorthin zu gehen, aber die Mädchen aus den Familien, mit denen sie auf Wunsch ihrer Mutter Umgang pflegen sollte, besuchten alle den Haupttempel.

Die Bilder in ihrem kleinen Tempel hatten Rielle in Erstaunen versetzt, als sie sie das erste Mal betrachtet hatte. Die Engel sahen so real aus, dass sie manchmal sicher war, sie würden sich gleich bewegen und zu sprechen beginnen. Die Farben der Sonne waren so raffiniert gewählt, dass sie die Augen beschirmen wollte, und die Sturmwolken ragten geradezu spürbar bedrohlich auf.

Ihre Mutter mochte sie nicht, sagte, sie seien zu unkonventionell. Was nur dazu führte, dass Rielle sie umso mehr liebte.

Rielle wandte sich wieder der Glättung der Farbmasse zu und rieb den Läufer in kleinen Kreisen über die Anreibplatte. Es war schwer, den Eindruck, den sie sich von Izare gebildet hatte, mit jemandem in Verbindung zu bringen, der so herrliche Tempelmalereien erschaffen konnte. Er war zu direkt, zu frech. Ein Maler von Spiritualen sollte würdevoll und fromm sein. Vielleicht war es die Erinnerung daran, wie er mit der Prostituierten plauderte, die ihre Meinung von ihm trübte.

Hm, dachte sie. Was hat er dort gemacht?

»Er hat angeboten, mich zu malen«, berichtete sie ihrer Tante, um festzustellen, welche Reaktion das hervorrief. »Ich habe ihm gesagt, dass Mutter das niemals gutheißen würde.«

»Nein, das würde sie nicht.« Narmah schaute auf. »Du hast recht daran getan, ihn abzuweisen.«

Rielle zuckte die Achseln. »Aber ich habe dich gemalt und Ari und einige der Arbeiter der Färberei.«

»Familie. Menschen, die du kennst und denen du vertraust. Er ist ein junger Mann, und du bist eine attraktive junge Frau. Die Leute würden annehmen, dass er viel mehr tut, als dich zu malen. Und das könnte er auch tatsächlich beabsichtigen.«

Rielle lachte. »Du hast eine höhere Meinung von meinem Aussehen als alle anderen, Tante.« Wenn man von ihm absah. Sie hielt inne, um die Farbe wieder mit dem Spatel zusammenzuschieben. »Was wäre, wenn er mich hier malen würde?«

Narmah richtete sich auf und stemmte ihre farbbefleckten Hände in die Hüften. »Schlag es dir aus dem Kopf. Außerdem bist du hier die Künstlerin.«

»Nicht die einzige. Warum sonst lerne ich von dir?« Rielle machte sich wieder daran, die Farbpaste auf dem Stein zu zerreiben. »Und wenn er so gut ist, könnten wir beide vielleicht vom Zusehen etwas lernen.«

Ihre Tante runzelte die Stirn. »Warum hast du plötzlich so großes Interesse daran, dich malen zu lassen?«

»Habe ich gar nicht. Aber wenn er so gut ist und bereit, es ohne Bezahlung zu tun, warum lassen wir ihn dann nicht …«

»Ohne Bezahlung?« Narmah zog die Augenbrauen hoch. »Also, das ist wirklich verdächtig.« Sie öffnete den Mund, schloss ihn dann wieder und neigte den Kopf zur Seite. »Ich denke, das ist … ja. Der Priester ist hier. Hast du irgendwo Farbe an dir? Nein. Gib mir deine Schürze.«

Rielle band sich die Schürze los und reichte sie ihrer Tante. »Kommst du auch?«

»Ja, aber erst werde ich das hier fertig machen. Geh nur. Fort mit dir. Rede nicht so viel. Sei nicht vorwitzig – das ist vulgär bei einer Frau. Und vergiss dein Kopftuch nicht.«

Rielle nahm ihr Kopftuch von einem Stuhl in der Nähe, verließ das Zimmer ihrer Tante und ging durch den Flur. Gedämpfte Stimmen kamen aus dem Empfangsraum an dessen Ende. Narmah hatte die Tür einen Spaltbreit offen gelassen, damit sie hörten, wenn der Priester kam.

Auf dem Weg dachte Rielle darüber nach, was sie ihm sagen würde. Oder vielmehr, was sie nicht sagen würde. Nichts darüber, dass ich Schwärzesehen kann. Nichts darüber, dass ich die Abkürzung durch die Gerberstraße genommen habe. Aber noch während sie das dachte, begriff sie, dass sie, was das betraf, nicht lügen konnte. Sie würde zugeben müssen, die Abkürzung genommen zu haben. Niemand würde glauben, dass der Entführer sie sich von der Tempelstraße geschnappt hatte, ohne dass jemand es gesehen hätte. Der Priester würde auf der Tempelstraße nach Schwärze suchen oder ihn auf der Gerberstraße finden und wissen, dass sie gelogen hatte, und er würde sich fragen, warum.

Ihre Mutter würde zornig sein.

Doch ihre Mutter hatte selbst ihr fehlendes Kopftuch nicht mehr beanstandet, sobald Rielle erzählt hatte, wie sie mit vorgehaltenem Messer von dem Befleckten verschleppt worden war. Stattdessen war sie erbleicht und hatte Rielle untypisch gefühlvoll kurz umarmt. »Meine Tochter«, hatte sie geflüstert. »Ich hätte dich verlieren können.«

Dann hatte Narmah darauf bestanden, dass Rielle trotzdem ihre Malstunde haben müsse. Sobald sie allein waren, hatte sie Rielle gefragt, ob sie irgendetwas gesehen habe, wovon sie nicht sprechen könne.

Rielle hatte sich Zeit genommen, um ihre Worte zu bedenken. »Ja. Ich habe so getan, als würde ich nichts sehen. Ich werde nicht darüber sprechen.«

»Braves Mädchen.«

Als Rielle die Tür erreichte, legte sie sich das Tuch über den Kopf, verknotete die Enden im Genick und holte dann tief Luft, bevor sie in den Raum trat. Drei Personen standen neben dem Spiritual: ihre Mutter, ihr Vater und Sa-Elem. Dunkle Tropfen verblassten gerade langsam auf dem Stein, auf den der Priester Wasser gesprengt hatte. Schwärzenicht unähnlich. Sie riss den Blick los und lächelte, als alle sich zu ihr umdrehten.

Sa-Elem lächelte ebenfalls. »Rielle Lazuli. Hast du dich von deinem Martyrium erholt?«

»Ich glaube schon.« Sie zuckte die Achseln. »Mir geht es gut.«

»Komm und setz dich«, lud ihre Mutter sie ein und deutete auf die gemeißelten Steinbänke, die die Familie seit Generationen benutzte. …