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Christian Jacq - „Die Braut des Nil“

ISBN: 9-783-47358-252-5

Klappentext:

Ägypten 1250 v.Chr.: Kamoses Eltern werden von ihrem Gut vertrieben und als Sklaven unterjocht. Auf der Suche nach Gerechtigkeit begibt sich Kamose ins Zentrum der Macht - in den Tempel von Karnak. Dort hofft er, bei Ramses dem Großen vorsprechen zu können. Doch der Zugang wird ihm verwehrt, nur die Schreiber des Pharao dürfen hinein. Die Lage scheint hoffnungslos, bis Kamose die wunderschöne Hathor-Priesterin Nofret trifft.

Inhalt:

Kamose lebt als Junge von Bauern ein sehr zufriedenes Leben. Bis zu dem Tag, an dem ein Veteran aus der Armee des Pharaos Haus und Hof für sich beansprucht. Kamose will sich wehren, aber seine Eltern nehmen das Schicksal an.

Kamose will nach Theben, die Angelegenheit im Katasteramt klären. Doch er wird nicht vor gelassen, da er kein Priester ist.

Kamose sieht seine Felle davon schwimmen und will aufgeben. Da kommt ein Mann auf ihn zu, der ihm eine Ausbildung anbietet.

Kamose wird Lehrling, zeigt sich als sehr begabt und arbeitet härter als die anderen Jungs. Das Ganze geht so weit, dass Kamose irgendwann auch Schreiberlehrling wird. Doch der Junge hat sich in der Zwischenzeit verliebt und auch seinen Eltern geht es nicht gut. Doch seine Verliebtheit entpuppt sich als hilfreich, da es die Tochter vom obersten Richter ist. Doch auch der Richter kann in Kamose seiner Angelegenheit kein Unrecht erkennen. Jetzt hilft nur noch das direkte Gespräch mit dem Pharao. zu dem kommt er auch aber nur über Umwege.

Kamose verhält sich gegenüber dem Pharao nicht standesgemäß, aber der Pharao hat ein Einsehen. Der Fall interessiert ihn und er kann auch helfen.

Für Kamose und auch für seine Eltern wird alles gut.

Leseprobe:

… »Die Biene ist das Symbol des Pharao als König von Unterägypten«, erklärte der Alte. »Die Biene ist der Geometer, der dank seiner Kenntnisse über die Proportionen die Stätte errichtet, an der der Honig gemacht wird, das flüssige Gold, die königliche Nahrung. Der Pharao ist der Baumeister des Königreichs, das er mit seinen Wohltaten nähren muss.«

Vor Kamose öffnete sich eine bisher ungeahnte, unermessliche Welt.

»Besteht in diesen Kenntnissen die Wissenschaft der Schreiber?«

»Die meisten von ihnen sind nur Beamte ohne innere Überzeugung«, erwiderte der Alte. »Sie sind mit Verwaltungsaufgaben betraut, die ihr Leben ausfüllen. Was ich dich lehre, ist das Geheimnis der Hieroglyphen. Es reicht nicht aus, lesen und schreiben zu können. Man muss die Bedeutung der Worte verstehen, die uns die Götter offenbart haben. Unsere Sprache ist heilig. Sie ähnelt keiner anderen. Wer sie zu handhaben weiß, hat Macht über die Lebewesen und Dinge. Aber diese Macht darf er nicht missbrauchen. Sonst löst er den Zorn des Thot aus, des Gottes der Schrift.«

»Birgt jede Hieroglyphe ein Geheimnis?«

»Jede Hieroglyphe ist ein Symbol, das du mit dem Herzen verstehen lernen musst. Durch das Lesen kann sie zu einem Klang werden. Durch das Schreiben bildet sie deine Hand und macht sie klug.«

»Wenn ich es schaffe, Euch zufrieden zu stellen, werde ich dann in den geschlossenen Tempel eintreten?«

»Mich zufrieden zu stellen hat keinerlei Bedeutung«, erklärte der Alte ungehalten. »Beginne damit, das Alphabet zu lernen und es von rechts nach links, von links nach rechts und von oben nach unten zu schreiben.«

Kamose erhielt von dem Alten etwa hundert kleine Kalksplitter, auf denen er übte.

Die ersten Versuche waren katastrophal, doch der junge Mann machte verbissen weiter. Die Eule hatte zu lange Füße, der Falke einen zu stark gespaltenen Schnabel, das Wachtelküken einen zu schmalen Kopf. Der Alte überließ ihn einen ganzen Tag seinen Fehlern. Dann verbesserte er hier und da einen Strich, ohne den geringsten Kommentar abzugeben.

Kamoses Geist begriff allmählich, seine Hand mühte sich. Dann begann sie, alleine zu arbeiten. Sie wurde verständig. Nicht über den Verstand, über das Herz hatte sie begreifen gelernt.

Als Kamose dem Alten ein tadellos gezeichnetes Alphabet zeigte, strahlte er mit berechtigtem Stolz.

»Du weiß noch nichts«, bemerkte der Alte, »und lernst eher langsam. Wenn du weiterhin nichts tust, kehrst du wieder aufs Land zurück. Hier ist eine Liste mit Hieroglyphen, die du zeichnen und auswendig lernen sollst. Stell dir beim Zeichnen Fragen zu ihrer Bedeutung. Es gibt keinen anderen Weg, als sie über das Herz zu lernen.«

Gekränkt und wütend sank Kamose in der Ecke des Büros in sich zusammen, wo er über eine einfache Matte zum Schlafen verfügte. Er ging nur zwei Stunden am Tag hinaus, um sich ein wenig Bewegung zu verschaffen und sich kärglich von Brot, Obst und Wasser zu ernähren.

Die Aufgabe, die ihm der Alte aufzwang, war fast übermenschlich. Sie erforderte beträchtliche Konzentrations- und Gedächtnisanstrengungen.

Als er einen Krampf in der Hand bekam, wurde Kamose bewusst, dass er keine Zeit mehr hatte, an Nofret oder seine Eltern zu denken. Und doch blieben seine Gefühle bestehen. Weder seine Liebe noch sein Kummer hatten an Stärke verloren.

Plötzlich aber durchzog ihn ein schrecklicher Zweifel.

Wenn dieser ganze Aufwand an Energie nutzlos wäre? Führte der Weg, den er eingeschlagen hatte, nicht in eine Sackgasse? Der Alte hatte ihm nichts versprochen. Vielleicht würde es ihm nie gelingen, in den geschlossenen Tempel vorzudringen. War er nicht zum Sklaven eines Tyrannen geworden, der aus ihm einen blind ergebenen Sekretär machen würde, der sein Leben lang nur Texte abschreibt, von denen er nicht das Geringste versteht?

»Anstatt dich von stumpfsinnigen Gedanken ablenken zu lassen, tätest du besser daran, weiterzulernen«, unterbrach der Alte sein Grübeln. »Ich habe den Eindruck, du hast vergessen, deine Gefühle außen vor zu lassen.«

»Das ist nicht möglich… Irgendwann kommen sie wieder. Was Ihr verlangt, ist unmenschlich!«

»Die Hieroglyphen sind die Sprache der Götter, nicht der Menschen. Sonst gäbe es Ägypten schon lange nicht mehr. Unsere Kultur existiert nur durch ihre heilige Sprache, Kamose. Alles ist Hieroglyphe, alles ist lebendes Symbol, vom Tempel als Ganzem bis zum Insekt. Wenn du eine Heuschrecke zeichnest, stellst du die Seele des Pharao dar, die zum Himmel springt und die Entfernung zwischen Erde und Paradies aufhebt.«

Die Worte des Alten waren einleuchtend. Aber sie vertrieben weder die Liebe noch den Kummer.

»Was hast du auf diesen Kalksplitter gezeichnet?«

»Eine Vase«, antwortete Kamose.

»Du wirst sie häufig in den Texten der Weisen finden. Was glaubst du, warum? Handelt es sich wirklich nur um eine Vase?«

Kamose zögerte.

»Es ist ein Behältnis…«

»Es ist sogar das wichtigste Behältnis«, fügte der Alte hinzu. »Es handelt sich um das Herz, Kamose, um deine Fähigkeit, das Wesentliche und das Wahre zu empfinden. Die Beschaffenheit deines Herzens hängt davon ab, was du in die Vase hineinlässt, die es symbolisiert. Ist es eine bittere Flüssigkeit, so bist du neidisch und habgierig. Ist es der Honig der Biene, so gehörst du zur Rasse der Könige.«

»Der Könige? Aber es gibt doch nur einen Pharao… Und man muss seiner Familie angehören, um ihm nachzufolgen.«

»Wenn unsere Pharaonen aufgrund ihrer Familienzugehörigkeit erwählt worden wären, wäre unsere Kultur schon lange untergegangen. Sieh dir die Schreiber an, die ihr Amt von ihrem Vater ererbt haben! Die meisten sind unfähig. Es stimmt, es gibt nur einen Pharao, aber er ist das Vorbild des Königtums für die, die ihr Leben bewusst leben wollen.«

Kamose empfand eine neue Art Ergriffenheit. Eine bisher unbekannte Klarheit durchdrang ihn.

»Was du ersehnst, ist sehr schwer zu erlangen, mein Junge. Die Zeit ist gekommen, mir zu vertrauen. Warum wünschst du, so schnell in den geschlossenen Tempel zu gelangen?«

Kamose wollte nicht länger schweigen.

»Meine Eltern sind Opfer eines Unrechts geworden. Ein Soldat, der aus Asien zurückgekommen ist, hat uns mit Billigung des Pharao Haus und Besitz gestohlen. Ich bin überzeugt, dass es sich um einen Irrtum des Katasters handelt. Ich möchte Zugang zum Katasteramt erlangen, um das zu beweisen und meinen Eltern zurückzugeben, was ihnen gehört.«

Der Alte kratzte sich am Kinn. Er war unschlüssig.

»Du bist ganz entschieden ein besonderer Fall«, räumte er ein. »Das Kataster ist ein strenges Amt, dem erprobte, höchst gewissenhafte Fachleute angehören. Streitfälle sind selten. Gewöhnlich handelt es sich um unehrliche Bauern, die nach dem Hochwasser Grenzsteine versetzen. Die Wahrheit kommt dann schnell ans Licht. Ich weiß, dass Ramses der Große alte Soldaten, die ihm in Asien treu gedient haben, mit Privilegien ausstattet, aber er bringt nicht die Kleinbauern um ihren Besitz.«

»Was ratet Ihr mir?«

»Geduld und Arbeit. Die Gerechtigkeit setzt sich immer durch.« …