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Andreas Eschenbach - „Der Jesus-Deal“

ISBN: 978-3-8387-5868-8

Klappentext:

Wer hat das originale Jesus-Video gestohlen? Stephen Foxx war immer überzeugt, dass es Agenten des Vatikans gewesen sein müssen und dass der Überfall ein letzter Versuch war, damit ein unliebsames Dokument aus der Welt zu schaffen. Es ist schon fast zu spät, als er die Wahrheit erfährt: Tatsächlich steckt eine Gruppierung dahinter, von deren Existenz Stephen zwar weiß, von deren wahrer Macht er aber bis dahin nichts geahnt hat. Die Videokassette spielt eine wesentliche Rolle in einem alten Plan von unglaublichen Dimensionen - einem Plan, der nichts weniger zum Ziel hat als das Ende der Welt, wie wir sie kennen -  

 

Inhalt:

Samuel Barron ist Multimillionär und streng gläubig. Das Auftauchen des Videos mit Jesus macht ihn nervös. Er will um jeden Preis verhindern, dass die Bilder in die Öffentlichkeit gelangen. Er setzt sein Geld und seinen Einfluss ein, um es wieder aus dem Internet zu verbannen.

Doch sein älterer Sohn hat es sich angeschaut, ist dadurch ein anderer geworden. Nur deswegen hatte er sein Coming Out und wurde daraufhin vom Vater verstoßen.

Nun muss Michael, der jüngere, für den Plan des Vaters her halten und die vorbereitende Ausbildung für die Zeitreise beginnen.

Michael und seine Kameraden sind mit großem Eifer bei der Sache und freuen sich darauf, dem Heiland leibhaftig zu begegnen.

Die vier jungen Männer treten ihre Reise an, finden Jesus und geraten kurz vor Erreichen des Ziels in Streit. Dieser Streit führt zum Misserfolg der Unternehmung. Ein unkontrollierter Zeitsprung trennt die Jungs für immer!

Doch auch Samuel Barron bleibt während der Abwesenheit der Jungs nicht untätig. Die Apocalypse muss vorbereitet werden. Erst nach dieser kann der Erlöser wieder auf Erden wandeln.

Die Zusammenhänge werden am Ende aufgeklärt und sorgen für viele Überraschungen.

Leseprobe:

… Seine Schwiegermutter hatte so gut wie nichts ausgelassen. Sie hatte sich mit den Rosenkreuzern beschäftigt, der Theosophie, dem I Ging, indianischen Ritualen, dem Zoroastrismus, der Kabbala, neuheidnischen Wicca-Kulten und der Gnostik. Sie hatte zu Füßen von mindestens einem Dutzend verschiedener indischer Gurus gesessen, wie sie in Kalifornien massenhaft ihr Unwesen trieben, und in einem halben Dutzend Yoga-Varianten keinerlei Fortschritte erzielt. Sie war davon überzeugt, dass Außerirdische die Erde beobachteten und zu Auserwählten sprachen, kannte alle anstehenden Transite ihres Horoskops auswendig und verließ ihr Haus nie, ohne vorher die Tarotkarten zu befragen – ein Haus, das selbstverständlich nach den Regeln des Feng-Shui eingerichtet war. Vollends den Überblick verloren hatte ihre Umwelt darüber, welcher Ernährungslehre sie gerade anhing; das ließ man, falls ihr Besuch drohte, am besten schicksalsergeben auf sich zukommen.

Laut Visitenkarte war Jane Freedom Miller zertifizierte Farbtypberaterin. Kaun bezweifelte allerdings, dass sie mit dieser Tätigkeit Einkünfte in steuerlich relevanter Höhe erzielte. Sie hatte es auch nicht nötig, da sie immer noch Unterhalt von ihrem geschiedenen Mann bekam. Bethanys Vater lebte in San Francisco, war Rechtsanwalt im Bereich Firmenübernahmen und verdiente mehr Geld, als er hoffen konnte, jemals auszugeben, zumal er ohnehin nie Zeit hatte. Er war zum vierten Mal verheiratet und schien die Angewohnheit zu haben, jede Frau nach dem ersten Kind zu verlassen, um sich eine zehn bis fünfzehn Jahre jüngere Kopie zu suchen. Und es hieß, seine neue Frau, siebenunddreißig Jahre jünger als er, sei gerade auch schwanger.

Dass Bethany, die all diese Eskapaden hatte mitmachen müssen, heute eine tiefe Abneigung gegen alles Mystische, Spirituelle, Religiöse oder anderweitig rational nicht zu Fassende hegte, war nachvollziehbar. Dass sie ausgerechnet Maschinenbau studiert hatte, auch. Diese Entscheidung musste ein Familiendrama höchsten Grades gewesen sein, das sich John Kaun nicht wirklich vorstellen konnte, das aber bis heute nachschwang.

Aber was sollte er machen? Das Video, das er damals in Israel gejagt hatte, war ebenso sehr Teil seiner Geschichte wie Bethanys Mutter Teil der ihren.

»Hab ich«, begann Kaun, »dir eigentlich je erzählt, was ich auf dem Video gesehen habe?«

»Ja«, sagte sie säuerlich. »Aber ich hab’s erfolgreich verdrängt. Erzähl es lieber noch mal.« Es klang wie: Wenn es unbedingt sein muss.

Nun, es musste sein. Also erzählte er es ihr.

Das Video war relativ kurz gewesen. Zehn Minuten vielleicht, eher weniger. Er hatte keine Szene gesehen, die er aus der Bibel gekannt hätte. Nicht die Bergpredigt, nicht die Kreuzigung, nicht die Auferweckung des Lazarus, nichts dergleichen. Wobei das bei näherer Überlegung nichts zu sagen hatte. Jesus von Nazareth war etwa drei Jahre lang als Prediger umhergezogen. Da kamen leicht tausend Predigten zusammen, wenn er jeden Tag nur eine gehalten hatte. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Zeitreisender, der in diese Zeit gereist war, um Jesus zu filmen, eine der anderen, nicht dokumentierten Ansprachen erwischen würde, war einfach groß.

Man hatte in dem Video ein Dorf gesehen, einen von einer niedrigen Mauer umgebenen Platz vor einem Brunnen, im Schatten eines knorrigen, verkrümmten Olivenbaums. Im Hintergrund ein paar Hütten, jenseits davon grüne, ansteigende Wiesen, erstaunlich grün dafür, dass es Palästina sein sollte, und Ziegen, die darauf weideten. Auf der Mauer vor dem Brunnen hatten Frauen gesessen, angetan mit Kopftüchern, jede einen großen Tonkrug neben sich. Sie hatten einem Mann zugehört, der gesprochen und einfach ausgesehen hatte wie Jesus, der von seiner Haltung, Gestik, dem Ausdruck in seinen Augengewirkt hatte, wie man sich Jesus vorstellte. Unter dem Olivenbaum hatten Männer gestanden, bärtig alle, in graue oder braune Gewänder gehüllt, die Jesus ebenfalls zuhörten …

»Und einen dieser Männer«, schloss Kaun, »habe ich heute gesehen. In Oklahoma City.«

Das beeindruckte Bethany kein bisschen. »Du meinst, einen Mann, der so aussah wie einer der Männer aus dem Video.«

Kaun, der immer noch in ihrem Schoß lag und nicht vorhatte, daran so schnell etwas zu ändern, bewegte den Kopf verneinend hin und her. »Das wäre die naheliegende Erklärung, aber ich schaffe es einfach nicht, das zu glauben.«

»Sondern? Wer war es dann? Ein Unsterblicher?Ahasver?«

Sie kannte sich aus mit mythologischen Gestalten, das musste ihr der Neid lassen.

»Pass auf. Es war ein junger, etwas derber Mann Mitte zwanzig, der auf der rechten Gesichtshälfte ein Feuermal hatte –«

»Ein was?«

»Ein Feuermal. Das ist eine Veränderung der Haut, wie sie Gorbatschow auf dem Kopf hat.«

»Ach so.« Bethany nickte. »Du meinst einen Naevus flammeus.«

»Wie auch immer. Also, dieser Mann im Video hatte so ein Feuermal, und zwar in Form eines Weinblatts, wobei der Stiel des Blatts exakt am äußeren Augenwinkel saß. Sehr prägnant. Und ein Mann, der genau so aussah und genau dasselbe Feuermal hatte, ist mir heute nach meiner Odyssee durch die Stadtverwaltung über den Weg gelaufen. Auf dem Platz vor der Winston Mall. Ich meine: Wie wahrscheinlich ist es, dass so eine Hautveränderung zweimal vorkommt, absolut identisch?«

Bethany hob die Schultern. »Keine Ahnung. Und was schließt du jetzt daraus?«

»Daraus schließen kann ich noch nichts, aber ich habe einen Verdacht. Nämlich, dass es vielleicht doch stimmt, was man ab und zu liest. Dass das Video eine Fälschung war.« Kaun holte tief Luft. Die Bilder waren seiner Erinnerung wie eingebrannt. Der Gedanke, dass man ihn damit getäuscht haben sollte, schmerzte regelrecht. »In dem Video hebt Jesus – oder derjenige, den ich dafür gehalten habe, der Mann, der predigt, ohne dass man seine Stimme hört, weil die Tonspur nicht erhalten geblieben ist –, dieser Mann also hebt die Hand, streckt sie nach dem Jungen mit dem Feuermal aus, streicht darüber … und es verschwindet!« Er seufzte. »Es sah absolut echt aus. Wobei das ja nichts heißen will heutzutage.«

»Und wieso schließt du daraus, dass dein Video eine Fälschung war?«

»Na, offensichtlich hat der Mann, den ich im Video gesehen habe, nicht damals gelebt, sondern lebt heute. Also kann das Video nicht aus der Vergangenheit stammen, sondern erst vor ein paar Jahren gedreht worden sein. Man hat es nur aus irgendwelchen Gründen als alt ausgegeben. Und ich bin drauf reingefallen. Und der Mann, dem ich heute begegnet bin, war ein Schauspieler.«

Bethany schüttelte den Kopf. »Das ist unlogisch, John. Wenn man so eine Szene drehen will, nimmt man einen Schauspieler mit gesunder Haut und verpasst ihm maskentechnisch ein Feuermal, das der Jesus-Darsteller nur abzuwischen braucht.«

Kaun stutzte. »Stimmt.« Ja, das hatte er sich falsch überlegt. Typisch Beth, einen solchen Denkfehler in Sekunden zu erkennen. »Aber was heißt es dann?«

»Wahrscheinlich heißt es einfach«, meinte seine Frau, »dass dein Erinnerungsvermögen nicht so gut ist, wie du denkst.«

Kaun setzte sich auf. »Das Bild steht mir vor dem inneren Auge, so klar und deutlich wie die Erinnerung an unseren ersten Kuss!«, protestierte er.

Sie lächelte spitz. »Ach ja? Welche Ohrclips habe ich an dem Tag getragen?«

»Hast du Ohrclips getragen?«

»Siehst du?«

Kaun zögerte, unsicherer denn je, was er von der ganzen Sache halten sollte. Hatte er sich die Ähnlichkeit, die Identität wirklich nur eingebildet?  …