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Sebastian Fitzek - „Passagier 23“

ISBN: 3-42619-919-X

Klappentext:

Jedes Jahr verschwinden auf hoher See rund 20 Menschen spurlos von Kreuzfahrtschiffen. Noch nie kam jemand zurück. Bis jetzt …

Martin Schwartz, Polizeipsychologe, hat vor fünf Jahren Frau und Sohn verloren. Es geschah während eines Urlaubs auf dem Kreuzfahrtschiff „Sultan of the Seas“ – niemand konnte ihm sagen, was genau geschah. Martin ist seither ein psychisches Wrack und betäubt sich mit Himmelfahrtskommandos als verdeckter Ermittler.

Mitten in einem Einsatz bekommt er den Anruf einer seltsamen alten Dame, die sich als Thrillerautorin bezeichnet: Er müsse unbedingt an Bord der „Sultan“ kommen, es gebe Beweise dafür, was seiner Familie zugestoßen ist. Nie wieder wollte Martin den Fuß auf ein Schiff setzen – und doch folgt er dem Hinweis und erfährt, dass ein vor Wochen auf der „Sultan“ verschwundenes Mädchen wieder aufgetaucht ist. Mit dem Teddy seines Sohnes im Arm...

Inhalt:

Martin Schwartz ist verdeckter Ermittler bei der Polizei. Gerade hat er einen Einsatz beendet bei dem er einen kleinen Jungen vor einer HIV - Infektion bewahrt hat. Dazu hat er sich selber HIV - Antikörper gespritzt und einen Schneidezahn ausgebrochen. Auf dem Zahnarztstuhl, wo die Folgen am Gebiss behoben werden sollen, bekommt er einen Anruf der ihn genau auf das Schiff bestellt, auf dem auch seine Frau und sein Sohn verschwunden sind.

Auf dem Schiff angekommen, wird er von einer Frau empfangen, die gesehen haben will wie ein vermisstes Mädchen, auch an Bord verloren gegangen, nach acht Wochen wieder aufgetaucht ist. Das Mädchen hatte den Teddy seines Sohnes dabei und redet kein Wort.

Martin Schwartz erfährt, dass genau der Kapitän wieder Dienst hat, den er für das Verschwinden seiner Familie verantwortlich macht. Er glaubt, sich vor ihm in Acht nehmen zu müssen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Als Schwarz seine Ermittlungen beginnt, stellt sich heraus, dass der Kapitän die alte Dame benutzt hat, um an Schwartz ran zu kommen. Und auch das nicht ganz freiwillig, da auch er irgendwie erpresst wird.

Im Laufe der Ermittlungen kann sich Schwartz Stück für Stück an das Mädchen heran tasten. Er bekommt Videoaufzeichnungen aus der Unfallnacht seiner Familie zu sehen und entdeckt auch da Ungereimtheiten. Je weiter die Ermittlungen voran schreiten um so, verwirrender wird alles und um so mehr Fragen tauchen auf. Er überlebt Anschläge auf sein Leben und denn verschwindet wieder ein Kind, welches mit der Mutter allein reist.

Am Ende kann er den Fall so weit aufklären, dass er doch wieder einer Täuschung unterliegt. Aber die quälende Frage nach dem Verbleib seines Sohnes kann er noch aufdecken.

Leseprobe:

...»Was ist passiert, Kleines? Was ist geschehen?«, rief die Ärztin und kauerte sich neben das Mädchen.

Während Elena noch halb unter Schock stand, erkannte Martin bereits die Ursache der Verletzung.

Das Blut fand sich auf der Bettwäsche, in Anouks Gesicht, auf ihren Armen, Fingern und auf dem Nachthemd. Martin entdeckte sogar einige Flecken auf dem polierten Edelstahlschrank an der Wand unter dem Fernseher, was darauf hindeutete, dass es im hohen Bogen aus einer Arterie gespritzt sein musste.

»Die Pulsader ist aufgeschnitten«, sagte er und fragte Elena, wo sich das Desinfektionsmittel und frische Verbände befanden.

Der Gesichtsfarbe Anouks nach war es nicht so schlimm, wie es auf den ersten Blick aussah. Martin wusste aus Erfahrung, dass schon kleinere Mengen an Blutverlust eine enorme Sauerei anrichten konnten.

»Die Pulsader?«, rief Elena ungläubig und zeigte auf die Badezimmertür. Sie nannte ihm einen Code, dessen Bedeutung sich ihm erst erschloss, als er im Bad den tresorähnlichen Schrank unter dem Waschbecken entdeckte. Der Vorratsschrank war aus Sicherheitsgründen verriegelt.

Neben Spritzen, Infusionsnadeln, Schläuchen, Scheren und anderem suizidgeeignetem Material fand Martin das benötigte Desinfektionsspray und Verbandsmaterial.

Er brachte es Elena und sah ihr dabei zu, wie sie das Kinn des kraftlosen Mädchens anhob. Anouk hielt die Augen geschlossen. An dem Flaum ihrer Oberlippe klebte ein kleiner, weißer Punkt. Etwas Watte oder ein Stück eines Taschentuchs.

Martin zog mit raschen Handgriffen die Bettwäsche von dem Krankenbett und schüttelte sie aus. Dann hob er die Matratze an, löste den Hygienebezug, doch auch hier fand sich nichts.Keine Rasierklinge, kein Messer, kein Stift.

»Sie waren der Letzte, der bei ihr war«, sagte Elena vorwurfsvoll, nachdem sie Anouk zur Ledercouch geführt hatte, wo sie den Arm des Mädchens untersuchte. Das Blut fing wieder an zu laufen, als das Mädchen die Hand nicht mehr draufpresste, wie Regentropfen, die von einem Tannenzweig perlen, weshalb Elena sofort einen Druckverband anlegte.

»Wollen Sie damit andeuten, ich hätte sie dazu angestachelt, als ich mit ihr alleine war?«, fragte Martin verärgert.

»Nein, natürlich nicht, aber …« Elenas Augenwinkel zuckten nervös. »Wer war das, Süße?« Sie streichelte Anouks Wange. »Wer hat dich so verletzt?«

Keine Antwort.

»Ich weiß, wer das getan hat«, flüsterte Martin.

»Was? Wer?« Elena sah zu ihm hoch.

»Sie selbst.«

»Wie bitte? Nein! Das ist unmöglich. Und überhaupt, wieso sollte sie so etwas tun?«

Da gibt es viele mögliche Gründe: Sie will Druck abbauen, den Schmerz aus ihrem Körper lassen, spüren, dass sie am Leben ist …

»Jedenfalls hat sie sich diese Verletzungen nicht zugefügt, um sich umzubringen«, sagte er. Sonst hätte sie nicht versucht, sich den Arm abzubinden. Und den Angst-Knopf gedrückt.

Für ihn deutete alles darauf hin, dass sie sich zwar ritzen wollte, die Tiefe der Wunde jedoch nicht beabsichtigt gewesen war.

»Wie kann das denn angehen?«, fragte Elena aufgelöst. »Hier gibt es keine spitzen Gegenstände in ihrer Reichweite. Ich schwöre, nach dem Vorfall mit den Malstiften habe ich die gesamte Kabine abgesucht.«

Die Malstifte. Ganz genau!

Martin wartete, bis Elena den Druckverband abgeschlossen hatte, dann fragte er sie: »Wie viel Blatt Papier haben Sie ihr an jenem Tag gegeben?«

Sie sah ihn erschrocken an.

»Ich weiß nicht. Ich habe es nicht gezählt.«

Fehler.

Großer Fehler.

Elena sah Martins zerknirschten Gesichtsausdruck und schlug sich die Hand vor den Mund.

»Sie meinen …« Sie drehte sich zu Anouk: »Schatz, sag mir bitte, hast du dich mit einem Stück Papier geschnitten?«

Anouk gab keine Antwort, doch Martin war sich sicher. Im Umgang mit psychisch Kranken konnte man gar nicht vorsichtig genug agieren. In seiner Studienzeit hatte er eine Sechzehnjährige erlebt, die sich eine Papierkante durch beide Augen gezogen hatte.

»Hast du eine Seite übrig behalten?«, versuchte er zu Anouk durchzudringen. Mit Erfolg. Sie öffnete die Lider. Martin war sich nicht sicher, ob sie ihn wiedererkannte, über den Zorn, den sie versprühte, konnte es jedoch keinen Zweifel geben. Sie nickte, und ihre Augen funkelten dabei wütend.

Martin tauschte mit Elena einen beredten Blick. »Du hast das Blatt danach gegessen, richtig?«

Deshalb also das kleine weiße Tippselchen an ihrer Oberlippe.

Zellstoff!

Anouk presste stumm die Lippen aufeinander. Sie wirkte zornig, wahrscheinlich, weil er so leicht hinter ihr Geheimnis gekommen war.

Martin holte einen nassen Waschlappen aus dem Bad, damit Elena Anouks Gesicht säubern konnte, was diese nur widerwillig über sich ergehen ließ.

In dem Schrank unter dem Fernseher fanden sich frische Laken und Bettwäsche, die Martin aufzog, während Elena sich um ein Nachthemd für Anouk kümmerte. Gemeinsam führten sie das Mädchen, das einen schwachen, aber keinen kritischen Eindruck machte, zu ihrem Bett zurück.

Dabei fiel Martin der Malcomputer auf ihrem Nachttisch auf. Der Bildschirm war dunkel, aber eine gelbe LED-Lampe leuchtete, also befand er sich im Stand-by-Modus. Während Anouk im Bett zurücksank, nahm er das Gerät und aktivierte das Display. …